Ausstellung im Kunstquartier Bethanien : "Extended Compositions": Ich bin ganz Ohr

Die Ausstellung "Extended Compositions" im Kunstquartier Bethanien beweist, dass es sich beim menschlichen Ohr nicht nur um ein Hörorgan handelt, sondern dass es auch empfänglich für andere Sinnenreize ist.

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Musik für die Augen. Tonband in Plexiglaskasten von Carsten Nicolai.
Musik für die Augen. Tonband in Plexiglaskasten von Carsten Nicolai.Foto: Uwe Walter

Auf Jahrmärkten lockte man früher mit Sensationen! Kuriositäten! So etwas haben Sie noch nicht gesehen! Verführerisch ist es, für die Ausstellung „Extended Compositions“ im Projektraum des Kunstquartiers Bethanien ähnlich zu werben. Denn die Arbeit „Muschelrauschen“ von Leo Hofmann taugt tatsächlich als Superlativ. Man hat so etwas noch nicht gehört. Gefühlt. Einmal den Kopfhörer aufsetzen, bitte. Eine Stimme wispert Buchstaben. „Ikksss, üppsilonn, zzeettt.“ Die Lippen des Sprechenden scheinen ganz nah zu sein. Und kitzeln die Laute nicht sanft am Ohr?

Die Sinne trügen nicht: Der Kopfhörer transportiert nicht wie üblich nur Schall, sondern auch feine Luftausstöße. So wird die Klangcollage mit menschlichem Atmen und technischem Brummen und Summen, Windgeräuschen und Meerestosen physisch erfahrbar. Denn das Ohr ist eben nicht nur ein Hörorgan, sondern auch sensibel für taktile Reize. Welch geniale Erfindung des jungen Schweizer Klangkünstlers und Komponisten. Man will diesen Kopfhörer gar nicht mehr abnehmen.

Die Ausstellung, die den Brückenschlag zwischen Bildender Kunst und Musik versucht, kommt im Ansatz analytisch und selbstreflexiv daher, ist im Ergebnis aber feinnervig und sinnlich. Ellen Fellmann, Komponistin, Videokünstlerin und Dozentin für Musik und Medienkunst an der Universität der Künste in Bern, hat die Schau kuratiert. Fellmann konzentriert sich auf zeitgenössische Werke. Als einzige historische Bezugsgröße dient Hans Richters abstraktes, filmisches Experiment „Rhythmus 21“ aus dem Jahr 1921. Es wird im Eingangsbereich an die Wand projiziert. Helle Rechtecke auf schwarzem Hintergrund tauchen auf und verschwinden wieder. Der Betrachter nimmt dieses visuelle Spiel als rhythmische Bewegungen, wahr, gleichsam als Musik ohne Ton. Überhaupt geht es in dieser Ausstellung ums Weglassen. In dem Video „Motion Study 1“ von Fabian Rockenfeller ist eine junge Frau mit Kopfhörern zu sehen. Es scheint, als sitze sie in einem fahrenden Zug. Zumindest suggeriert das die Tonspur: Zu hören sind Geräuschaufnahmen aus der U-Bahn. Aber würde das als Illusion schon reichen? Entscheidend scheint zu sein, dass die Darstellerin auch leicht mit dem Körper wippt, wie in einem schaukelnden Zugwaggon.

Leere Notenblätter werden zur dreidimensionalen Partitur

Der niederländische, in Berlin lebende William Engelen präsentiert ein unbeschriebenes Notenblatt, mehrfach gefaltet. Die Linien auf dem Papier knicken ein, brechen ab und werden so zu einer dreidimensionalen Partitur. Carsten Nicolai und Gregor Hildebrandt, beziehungsreich mit ihren Arbeiten in eine Sichtachse gebracht, spielen Tonbänder nicht ab, sondern benutzen sie als Notationslinien. So klebt Letzterer in seiner Installation „Weiße Nacht hängt an den Bergen“ einen Tonbandstreifen auf ein leporelloartig gefaltetes Papier. Das Ganze lässt sich – ähnlich wie bei Engelen – als skulpturale Komposition lesen, die Tondauer und -höhe festlegt. Nicolai dagegen hat ein 760 Meter langes Tonband abgerollt und locker in einem Plexiglaskasten geschichtet. Der schwarze Bandsalat ergibt eine eigene Komposition aus Dichte und Leere.

Nur konsequent ist es, mit diesem Dialog der Disziplinen hinaus aus dem Kunstraum zu treten – hinein in den Konzertsaal. Am Sonntag wird das Spiel mit den Sinnen im Radialsystem fortgesetzt, mit Live-Klangkunst und Erstaufführungen von Gary Berger, Babak Golestani, Leo Hofmann, Belia Winnewisser und Kuratorin Ellen Fellmann selbst. Da bewegt sich ein Kontrabassist durch eine Videoprojektion aus Linien und Strukturen, ein Computer steuert eine Licht- und Klangskulptur und der Erfinder des großartigen Kopfhörers, Leo Hofmann, verspricht eine Choreografie aus Gesten, Wörtern und Geräuschen.

Bis 29.3., Kunstquartier Bethanien, Mariannenplatz 2, tägl. 12-19 Uhr, Konzert im Radialsystem: So 15.3., 20 Uhr

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