Ausstellung im Kunstquartier Bethanien : Heldinnen im Postkommunismus

Was tun Frauen, wenn sie Heldinnen sein wollen? Die Ausstellung „Hero Mother“ im Kunstquartier Bethanien zeigt Vorschläge aus dem Postkommunismus.

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Richtungsweisend. Szene aus Almagul Menlibayevas Video „Milk for Lambs, Steppen Police, 2010“.
Richtungsweisend. Szene aus Almagul Menlibayevas Video „Milk for Lambs, Steppen Police, 2010“.Foto: Almagul Menlibayeva/Hero Mothers

Maschinengewehrsalven und Bombenexplosionen hallen durch die ehemalige Kapelle des Bethanien, die jetzt Studio 1 und Ausstellungsort ist. In dem Video der polnischen Künstlerin Katarzyna Kozyra scheint der Krieg noch nicht zu Ende. Ihre martialischen Kämpfer, die illegal auf irgendeinem Ödgelände mit echten Waffen ballern, tragen Frauenmasken. Sollen hier neue Weiblichkeitsrollen eingeübt werden?

„Hero Mother“ haben die Kuratorinnen Bojana Pejic und Rachel Rits-Volloch von der Momentum-Plattform ihre Ausstellung genannt. Den Ehrentitel „Heldenmutter“ heftete die Sowjetführung Frauen an die Bluse, die mindestens zehn Kinder geboren hatten. 430 000 Genossinnen durften die Medaille tragen. Mittlerweile, so die Ausstellungsmacherinnen, droht ein konservativer Roll Back in vielen Staaten jenseits des längst gelüfteten Eisernen Vorhangs. Nicht nur Nationalisten würden die weibliche Hälfte der Gesellschaft am liebsten wieder zu Hause am Herd sehen.

Grund genug, mögliche Gegenentwürfe zu sichten. Was tun Frauen heutzutage, wenn sie Heldinnen sein wollen?, fragt Kuratorin Rits-Volloch ironisch lächelnd: „Hier ein paar Vorschläge“. 30 Künstlerinnen aus 20 postkommunistischen Ländern von Bulgarien bis Vietnam fasst die trotz beschränkter Räumlichkeiten immens vielschichtige Schau. Es sind starke Arbeiten, viele waren zuvor auf Biennalen in Venedig, Berlin und Istanbul zu sehen. Voran reitet die Altmeisterin der Performancekunst Marina Abramovic als Fahnenträgerin in der Steppe ihrer verschwundenen jugoslawischen Heimat.

Ein Plädoyer für Aufmüpfigkeit

Wer erinnert sich noch an die „Singing Revolution“, als Millionen Menschen sich 1989 bei den Händen nahmen, um singend die Unabhängigkeit der baltischen Staaten voranzubringen? 25 Jahre danach hat die Estin Tanja Muravskaja den Protagonisten ein fotografisches Denkmal gesetzt. Mit fast unsichtbaren Porträts, weiß auf weiß gedruckt, erinnert Sanja Ivekovik an die vergessenen Aktivistinnen der polnischen Gewerkschaft Solidarnosc. Andere Künstlerinnen forschen persönlichen Familiengeschichten nach, geraten auf den Spuren ihrer Kriegsväter und Großmütter unversehens auf politisches Terrain. Zahlreiche Videoarbeiten geben der Schau historischen und teils dokumentarischen Tiefgang, lagern gefundenes Filmmaterial an, spinnen Möglichkeitswelten aus. Auf einer Videoscreen sieht man einen Trupp langbeiniger Majoretten aufmarschieren. Dauerlächelnd buchstabieren sie mit zackigen Armbewegungen, als gestischer Zeichenschrift, das „Manifesto della donna futurista“. Es bot 1912 dem futuristischen Manifest Marinettis feministisch Paroli. Im Superman-Outfit posiert die „Super-Matka“ der polnischen Künstlerin Elzbieta Jablónska in einem banalen Wohnzimmerambiente: Sie hält ihren kleinen Sohn im Arm, als sei sie die Madonna persönlich.

Ein Berliner Heimspiel inszeniert die in der DDR aufgewachsene Perfomanceakteurin Else (Twin) Gabriel. Sie joggte als Muslima verschleiert durch Kreuzberger Parks. Die türkische Künstlerin Nezaket Ekici kehrt die üblichen Perspektiven und Geschlechterbilder ihrerseits um, indem sie kopfüber hängend den Koran gegen den Strich liest. Eine riesige geballte Faust, klassisches Symbol des Widerstands und Zitat kommunistischer Denkmalsrethorik, lässt das Duo Chisa/Tkacova riesengroß als Ballon in den Himmel steigen. So leicht und luftig kann kritisches Denken sein.

Und welches weibliche Rollenmodell könnte einem nun selbst passen? Eine ganze Auswahl möglicher Kostüme, Kittel und skurriler Gewandungen ständert die Russin Gluklya wie Vogelscheuchen auf langen Holzstangen auf. Es sind Relikte und surreale Adaptionen von Demo-Requisiten, die in Moskau bei einem spontanen Anti-Putin-Aufmarsch im Jahr 2011 zur Schau getragen wurden, bestickt mit echten und frei erfundenen Forderungen. Ein Plädoyer für die Aufmüpfigkeit und ihren mitunter karnevalesken Furor.

Kunstquartier Bethanien, bis 12.6.; Mariannenplatz 2, Di bis So 12-19 Uhr.

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