Ausstellung im Kunstraum Schering : Die fröhlichere Wissenschaft

Kommt die Lösung am Ende aus den Ateliers? Künstler und Forscher arbeiten zunehmend zusammen. Eine Ausstellung im Kunstraum Schering in Berlin verknüpft Kunst und Naturwissenschaften.

Claudia Wahjudi

Wer diesen Knopf drückt, hat vielleicht einen Geistesblitz. Oder er entspannt sich. Der Knopf regelt das Tempo, mit dem sich ein riesiger Zylinder aus Edelstahl dreht. Aus seiner durchbrochenen Oberfläche flackert Licht. Seiner Frequenz passen sich computergenerierte Klänge an. Der Zylinder beeinflusst Herzschlag und Hirn. Die Skulptur von Carsten Nicolai rotiert im neu eröffneten Veranstaltungsraum der Berliner Schering Stiftung Unter den Linden. „rota“, so ihr Titel, spielt mit Erkenntnissen der Gehirnforschung, die einst Beatniks und esoterische Heilpraktiker begeisterten.

Mit der Verknüpfung von Naturwissenschaften und Kunst liegt die Ausstellung im Trend. Aber so spielerisch wie „rota“ stellt sich das Verhältnis selten dar. Die Spannung zwischen den Disziplinen wächst, je besser sich beide kennenlernen. Und sie kennen sich inzwischen gut. So hat Olafur Eliasson gemeinsam mit Gehirnforschern der Humboldt-Universität eine Gesprächsreihe zu Kunst und Neurowissenschaften ins Leben gerufen. Künstler beteiligten sich an „Tipping Point Germany 2008“, einem Workshop am Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung. Sie waren 2009 bei der Dortmunder Tagung „Einstein and Picasso“ dabei, beim Londoner „St James’s Palace Nobelpreisträger-Symposium“ zum Klimaschutz. Die Züricher Kunsthistorikerin Elke Bippus hat das Buch „Kunst des Forschens“ herausgegeben, allerorten kommen sogenannte SciArt-Netze zusammen. Bippus’ Buch allerdings warnt vor einer allzu starken Annäherung – im Interesse der Kunst.

Dabei sucht eher die Kunst die Wissenschaft als umgekehrt. So beziehen sich die jüngsten Arbeiten von Cornelia Schmidt-Bleek auf Untersuchungen der NASA und ihres Großvaters, einem Kosmologen. Mit seinen Forschungen versuchte er zu beweisen, dass sich der Mond einst von der Erde abgelöst hat. Aus alten Briefen, Fotopapier, Zeichnungen und Belichtungen schuf die Berliner Künstlerin eine poetische Ausstellung zu wissenschaftlichen Abbildungsverfahren und Irrtümern. Kunst dagegen ermöglicht es, so Schmidt-Bleek, „wissenschaftliche Nuancen anzutippen, ohne hieb- und stichfeste Ergebnisse liefern zu müssen“.

Die Liebelei mit der Wissenschaft geht in der zeitgenössischen Kunst bis in die sechziger Jahre zurück. Damals begannen die Künstler Wissenschafts- und Systemtheorie zu lesen, um ihre Arbeit in eine immer komplexere Welt zu integrieren. Die Folge: So mancher stieß fortan lieber Prozesse an, als statische Objekte zu schaffen. Hans Haacke ließ Anfang der Sechziger Wasser in Acrylglaswürfeln kondensieren. Helen Mayer Harrisons und Newton Harrisons manipulierten die Farbe von Salzwasserteichen mittels Algen und Garnelen. Peter Fend gründete 1980 die „Ocean Earth Construction and Development Corporation“, ein Unternehmen für künstlerische Vorhaben im Umweltmanagement.

In den Neunzigern schien die Kunst die fröhlichere Wissenschaft zu sein. Sie simulierte Klone, imitierte Wunderkammern und Labore. Heute arbeiten viele Künstler direkt mit Forschern zusammen, erkunden mit ihnen radioaktive Strahlung in der Ukraine wie Alice Miceli oder Datenströme im Luftraum wie Marko Peljhan. Heidi Sill stellte 2006 am Brandenburgischen Kunstverein in Potsdam gemeinsam mit dem Rechtsmediziner Wolfgang Mattig aus. In der Reihe „Art & Science“ verglichen beide ihre Arbeiten mit Abbildern von Toten. Die Kunst findet, was die Wissenschaft sucht.

Das gefällt Publikum und Förderern, denn sonst erfahren Laien wenig davon, wie Wissenschaftler heute arbeiten. Einzelkämpfer wie Charles Darwin oder Alexander von Humboldt, denen man Ausstellungen und Romane widmen kann, gibt es heute kaum. Sinnlich erfahrbare Forschung gibt es kaum. Doch Naturwissenschaft und Kunst unterscheiden sich zu sehr, als dass die Zusammenarbeit reibungslos funktionieren könnte.

Forscher sammeln zweckorientiert Beweise und müssen ihre Ergebnisse evaluieren lassen. Künstler dagegen präsentieren mehrdeutige Funde und halten sich die Option des Scheiterns offen. Diese Freiheit ist jedoch gefährdet, wenn die Kunst zu Illustratoren der Wissenschaft wird. „In der Kooperation mit den Wissenschaften machen sich schnell Begehrlichkeiten der Politik bemerkbar: Kunst muss sich nützlich machen“, sagt Kurator Gerrit Gohlke, der die Potsdamer Ausstellungsreihe „Art & Science“ Ende 2009 fortsetzen will. „Sie kann in eine ähnliche Abhängigkeit von Institutionen geraten wie die Wissenschaft, ohne so starke Anwälte in eigener Sache zu haben.“

Ein skeptischer Blick auf die Wissenschaft prägt auch manche künstlerische Arbeit. Der US-Umweltkünstler Peter Fend widmet sich heute nachhaltiger Architektur. Wenn er Wissenschaftler befrage, erwähne er die Kunst meist gar nicht, so schreibt er aus Neuseeland, weil sich Forscher dann unbehaglich fühlten. In Ruhe lassen will er sie dennoch nicht: „Science, if left alone, will kill us.“ Wenn die Wissenschaft von der Gesellschaft zu sehr alleingelassen wird, wird sie zur Gefahr.

Die jüngste Arbeit des Schweizer Künstlers Marco Poloni erzählt von Ettore Majorana, einem italienischen Teilchenphysiker, der Ende der Dreißiger verschollen ist. In Fotos und Filmen schildert Poloni die Geschichte des Atomforschers so vieldeutig, dass sie mindestens zwei Vermutungen zulässt: Entweder geriet der Forscher am Vorabend des Zweiten Weltkriegs in die Fänge eines Geheimdienstes. Oder er verschwand unter falschem Namen, um sich dem Zugriff der Politik zu entziehen.

Am leichtesten kommen Kunst und Wissenschaft bei der Ökologie zusammen. Das Feld ist groß, die Probleme sind existenziell. Der dänische Künstler Tue Greenfort macht Artefakte aus Informationen, die er von Meeresbiologen und Chemikern erhält: Kunst als symbolischer Umweltschutz. In Münster pumpte er Eisenchlorid in einen überdüngten See, in Leverkusen ließ er einen Autobus mit Biosprit fahren und den Treibstoff im Museum durch transparente Schläuche fließen. Wissenschaftlich betrachtet, ist Biodiesel alles andere als nachhaltig, doch das ist die Freiheit der Kunst: Denken soll der Betrachter allein.

„Only art can stop the climate change“, so zitiert Wolfgang Peter Lucht den Aktionskünstler Hermann Josef Hack. Kunst als Rettung vor der Klimakatastrophe? Der Wissenschaftler vom Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung ist überzeugt, dass Künstler heute die Funktion von Theologen und Humanisten übernommen haben, indem sie öffentlich über den Platz des Menschen in der Welt und seinen Umgang mit ihr nachdenken. „Gesellschaften funktionieren nicht nach wissenschaftlichen, sondern nach kulturellen Prinzipien“, sagt Lucht.

Ist der Künstler also ein Anwalt der Forschung, ein letzter Hoffnungsanker? Ausstellungen zum Thema Klima häufen sich jedenfalls, nicht selten wirken Wissenschaftler mit. Vielleicht sind sie Ausdruck der Ratlosigkeit, ja Verzweiflung. Alle Szenarien sind errechnet, alle Katastrophen modelliert, aber niemand hält sie wirklich auf.

Kunstraum Schering, Unter den Linden 32-34, bis 26. 9.; Mo-Sa 11-18 Uhr. Elke Bippus (Hg.): Die Kunst des Forschens. Praxis eines ästhetischen Denkens. diaphanes Verlag, Zürich Berlin 2009, 19,90 €

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben