Ausstellung im Museum Morsbroich : Wie man hineinblickt

Von wegen "Propaganda für die Wirklichkeit": Das Museum Morsbroich in Leverkusen erforscht unsere trügerische Wahrnehmung.

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Dreh dich. In Paul Pfeiffers Videoarbeit „Morgen nach der Sintflut“ (2003) steht die Sonne fein still. Foto: Museum
Dreh dich. In Paul Pfeiffers Videoarbeit „Morgen nach der Sintflut“ (2003) steht die Sonne fein still. Foto: MuseumFoto: Museum

Eigentlich wissen wir es ganz genau: Nicht die Sonne bewegt sich, sondern unser Planet. Trotzdem sprechen wir stets davon, dass der brennende Ball am Horizont mal auf-, mal untergeht. Der amerikanische Künstler Paul Pfeiffer hat den Feuerstern in Echtzeit gefilmt und ihn als Fixum ins Zentrum seines Bildausschnitts verlegt. Das Ergebnis ist ein erstaunliches Schauspiel: Je nach Tageszeit verschwindet nun die Horizontlinie am oberen oder unteren Rand, wie es auch den Tatsachen entspricht. Die Sonne aber bleibt unverändert, wo sie ist.

„Morgen nach der Sintflut“ hat Pfeiffer seinen Film von 2003 genannt, der sich als Loop unendlich wiederholt. Der Titel zielt an den Intentionen von Kuratorin Stefanie Kreuzer allerdings eher vorbei, der es keineswegs um eine mahnende Ausstellung geht. Nicht die nächste große Katastrophe hat sie im Blick, vielmehr die Gegenwart und wie wir sie uns zurechtlegen. „Propaganda für die Wirklichkeit“ lautet der Titel der Gruppenausstellung in Anlehnung an einen Satz des österreichischen Denkers und früheren Berliner Gastronomen Oswald Wiener. Vollständig lautet er: „Kunst ist Propaganda für Wirklichkeit und wird daher verboten.“

Ganz ernst hat Wiener das nicht gemeint, doch trifft er den Punkt, dass Künstler immer schon ein Gespür dafür besaßen, wenn etwas nicht stimmt. Mit großer Beharrlichkeit weisen sie wieder und wieder darauf hin. Im Leverkusener Barockschloss Morsbroich versammelt Kreuzer eine ganze Reihe solcher Schlüsselwerke, die gewitzt, poetisch, intelligent die Widersprüche unserer Wahrnehmung thematisieren. Das schönste Bild dafür findet Alicja Kwade, eine Spezialistin für Eigensinnigkeiten der Wirklichkeit. Sie platziert zwei gewöhnliche Schreibtischlampen – die eine grün, die andere rot – einander gegenüber mit einem Spiegel dazwischen, so dass sie einander optisch ergänzen. „Parallelwelt“ heißt ihr luzides Werk, das den Betrachter narrt: Wissen wir wirklich, was wir da sehen?

Ja und nein, denn würden wir uns die Wirklichkeit nicht zurechtlegen, kämen wir nicht weiter. In der Psychologie wird das Phänomen kognitive Dissonanz genannt. Robert Gober rüttelt an den sprichwörtlichen Gitterstäben unserer Sehgewohnheiten. Sein Laufstall für Kinder erweist sich als üble Zwangslage. Statt im rechten Winkel ausgerichtet zu sein, wie fast alles in der Zivilisation, hat der US- Bildhauer die Grundfläche zum Trapez verschoben und erzeugt damit einen beunruhigenden Effekt. Gober versteht es, Wahrnehmungsmuster infrage zu stellen. Das schlichte Waschbecken an der Wand mutet durch seine Vergrößerung in der Dimension geradezu psychotisch an.

Wahr, falsch? Die Werbung nimmt es ohnehin nicht genau. Christopher Williams stößt den Betrachter mit der Nase darauf, wenn er die Aufnahme sechs aufeinandergestapelter Tafeln Ritter-Sport-Schokolade, wie man sie aus Anzeigen kennt, als Kunst präsentiert. Haselnuss, Cappuccino, Joghurt, Marzipan sollen die Geschmäcker sein. Von wegen. Die Food-Fotografie braucht den Schein, die Lebensmittel sind meist aus Stärke nachgemacht. Schmecken tut hier gar nichts. Authentisch oder nicht? Auch TV-Talkrunden haben ihre eigenen Wahrheiten. Omar Fast treibt diese Erkenntnis auf die Spitze, indem er in seinem Video eine schicksalhafte Begebenheit wie beim Spiel „Stille Post“ von einem zum anderen Fernsehgast weitererzählen lässt. Das Drama nimmt sprichwörtlich seinen Lauf.

Die Ausstellung „Propaganda für die Wirklichkeit“ will zum Hinsehen animieren, ohne didaktisch zu sein. Barbara Blooms Bild im Bild im Bild führt es charmant vor: Eine junge Malerin kopiert im Museum Vermeers „Junge Frau mit dem Perlenohrring“. Zusätzlich hat sie sich eine Reproduktion des Gemäldes an die Staffelei geklemmt. Wer genau hinschaut, merkt es sogleich am bräunlichen Passepartout der Bloom-Fotografie, der Betrachter schaut nur auf die nächste Stufe der Abbildlichkeit. Nicola Kuhn

Museum Morsbroich, Leverkusen, bis 4. 5.; Katalog (Kettler Verlag) 28 €.

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