Ausstellung in Belgien : Noch weiter weg als Utopia

Im belgischen Mechelen entsteht ein neues Museum - in einer ehemaligen NS-Sammelstelle. Zur Zeit befasst sich dort die Ausstellung "Newtopia" mit den Menschenrechten in der Kunst.

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Pop Art. Andy Warhols „Electric Chair“ (1971) zeigt das Dilemma des Künstlers: Wie kann er sich mit dem Tod befassen, ohne ins Ästhetische abzurutschen?
Pop Art. Andy Warhols „Electric Chair“ (1971) zeigt das Dilemma des Künstlers: Wie kann er sich mit dem Tod befassen, ohne ins...Foto: Dirk Pauwels

„Newtopia“ ist reines Versprechen. Eine Idee ohne Aussicht auf Umsetzung. Wenn schon Utopia ein unerreichbares Ideal beschreibt, dann liegt New Utopia noch ein bisschen weiter weg. Dennoch laufen im flandrischen Mechelen immer mal wieder junge Männer mit Transparenten herum und fordern zum Besuch von „Newtopia: The State of Human Rights“ (noch bis 10.12.) auf. Weil dies der Titel einer Ausstellung zum Thema Menschenrechte ist, die sich über den gesamten Kern des historischen Städtchens mit seinen architektonischen Zeugnissen noch aus Zeiten der Gotik verstreut.

Den Anlass für das Projekt mit über 70 Künstlern wie Kader Attia, David Goldblatt, Leon Golub, Barbara Hammer, Trayn Simon, Sun Xun oder Thomas Locher liefert die jüngere Geschichte. In Mechelen befand sich während des Zweiten Weltkriegs ein Sammellager der Nationalsozialisten. Über 28 000 belgische Juden und Sinti und Roma wurden von hier aus nach Auschwitz deportiert. Ihre persönlichen Sachen mussten sie zuvor abgeben – das meiste wurde sofort vernichtet, um nach Möglichkeit jede Erinnerung an die Menschen auszulöschen.

Für das Museum Kazerne Dossin, das als Gedenkstätte und Dokumentationszentrum in einen Teil der einstigen Kaserne und damaligen Sammelstelle eingezogen ist, gestaltet sich der Auftrag deshalb schwierig. Mit welchen Mitteln lässt sich Erinnerung wachhalten, wenn es wenig mehr als die Namen und ein paar hundert Fotografien gibt? Zur Eröffnung, so war es jedenfalls geplant, sollte „Newtopia“ als flankierendes Projekt stehen, weil das Museum selbst künftig auch Wechselausstellungen zum Thema Menschenrechte plant. Am Ende aber ist man mit dem Umbau der Räume nicht fertig geworden. Das Museum wird nun wohl erst eröffnet, wenn die von Katerina Gregos kuratierte Schau beendet ist.

Eine Reise lohnt dennoch, allein weil Gregos ein ähnliches Thema wie der Künstler und Kurator Artur Zmijewski verfolgt, im Kontrast zur jüngsten BerlinBiennale jedoch radikal Anschauliches zeigt. Ihr Verständnis von Kunst mit politischem Impetus reicht von Andy Warhols „Electric Chair“, der eher poppigen Darstellung eines staatlich sanktionierten Todes, bis hin zu Nikita Kadan, der polizeiliche Verhörmethoden aus der Ukraine illustriert und auf schneeweiße Porzellanteller drucken lässt. Arbeiten also, die schon auf den ersten Blick klarstellen, dass die Beschäftigung mit dem Thema jeden Künstler in ein Dilemma zwingt: Seine Mittel drohen stets ins Ästhetische oder Illustrative abzugleiten. Was Warhol wie Kadan dazu bringt, lieber gleich so dick aufzutragen, dass dieser Zwiespalt klar hervortritt.

Dass es anders geht, zeigt Katerina Gregos ebenfalls auf. So verstören im zentralen Kulturforum die Zeichnungen von Wilhelm Werner, von dem man kaum mehr weiß, als dass er während der NS-Zeit Patient der Heilanstalt Werneck war und vor seiner Ermordung 1940 die Praxis der Zwangssterilisierung in herzergreifend naiven Bleistiftzeichnungen zu Papier gebracht hat. Doch auch Künstlern, die nicht unmittelbar von der Verletzung ihrer Rechte – etwa auf Unversehrtheit des Körpers – betroffen sind, gelingen starke Bilder. Zu ihnen gehört der Berliner Thomas Kilpper, der sich intensiv mit den Bedingungen für Migranten auf der italienischen Insel Lampedusa beschäftigt hat.

Dimitris Kotsaras und Jennifer Nelson zeigen einen Mann, der einen blutenden Fisch durch die vermüllte Landschaft trägt und liebevoll begräbt. Der kenianische Fotojournalist hat 2008 die Ausschreitungen in einem Slum von Nairobi festgehalten, nachdem der Präsidentschaftskandidat Mwai Kibaki die Wahl gewonnen hatte – weil er besser manipulieren konnte als sein Gegenspieler. Jan Peter Hammer lässt in seinem filmischen Fake einer Talkshow einen zynischen Hedgemanager auftreten, der Anarchie zu seinen Gunsten uminterpretiert – als Freiheit, viel Geld zu verdienen und nicht an andere denken zu müssen. Lieve Van Stappen hat Kleider aus Glas aufgestellt, die an Missbrauch in der katholischen Kirche erinnern, und Krzysztof Wodiczko lässt die Augen eines Emigranten in einer Videoinstallation vom Rathausturm auf die Stadt blicken. „The New Mechlinians“ heißt die Videoinstallation provokant. Was Wodiczko da noch nicht ahnen konnte: Dass der syrische Künstler Ali Ferzat, dessen Cartoons ebenfalls Teil der Ausstellung sind, kein Visum für eine Einreise nach Belgien bekommen würde. Vielleicht fürchteten die Behörden, dass Ferzat nicht wieder zurück will, nachdem ihm die syrische Polizei die Finger gebrochen und mit Tod gedroht hat. Es sind nicht immer nur die anderen, die die Menschenrechte ignorieren.

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