Ausstellung in Berlin : László Moholy-Nagy: Der Mann aus der Zukunft

„Kunst des Lichts“: László Moholy-Nagy und seine Utopien im Berliner Martin-Gropius-Bau.

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Als das Bauhaus nach Berlin kam. Fotogramm einer Montage des ungarischen Künstlers aus dem Jahr 1926. Moholy-Nagy zog 1919 in die Hauptstadt. Foto: VG Bild-Kunst 2010
Als das Bauhaus nach Berlin kam. Fotogramm einer Montage des ungarischen Künstlers aus dem Jahr 1926. Moholy-Nagy zog 1919 in die...

Man muss ihn sich als Macher vorstellen, als Energetiker, ein Optimist, der daran glaubte, die Welt verändern zu können. Hattula Moholy-Nagy ringt mit Worten, als sie ihren Vater beschreibt, den sie doch nur als Kind gekannt hat. Als László Moholy-Nagy 1946 im Alter von 51 Jahren in Chicago an Leukämie stirbt, ist Hattula, seine älteste Tochter, gerade 13 Jahre alt. Trotzdem wird die 77-Jährige bei der Ausstellungseröffnung im Berliner Martin-Gropius-Bau gebeten zu erzählen, wie der Avantgardist Moholy-Nagy als Mensch so war. Als treibende Kraft am Bauhaus hatte er einst überschwänglich gefordert: „Wir brauchen geniale Utopisten, einen neuen Jules Verne.“

Der Phantast ist in allen Werken des gebürtigen Ungarn zu spüren. Knapp 200 Arbeiten sind nun im Gropius-Bau unter dem Titel „Kunst des Lichts“ zusammengetragen: Malerei, Fotografie, Film, Grafik. Für Berlin schließt die in Madrid erarbeitete Retrospektive, die später nach Den Haag weiterwandert, eine Lücke. Hier in Berlin fand Moholy-Nagy in den Zwanzigern zu seiner künstlerischen Sprache, hier entdeckte er die Kraft des Lichts – dennoch hat die Stadt seinen Beitrag zur Moderne bisher nicht mit einer Ausstellung gewürdigt.

Die Hommage an den Bauhaus-Lehrer hatte 2009, im Jubiläumsjahr der legendären Kunstschule der Weimarer Republik, die Frankfurter Schirn vorweggenommen. Zum Ausgleich ist Moholy-Nagy in Berlin nun gleich doppelt präsent: Schon im Dezember wird das Bauhaus-Archiv mit der Schau „Die Ungarn am Bauhaus“ nachziehen.

Gleichzeitig fügt sich die Ausstellung in eine Reihe des Gropius-Baus, mit der nach und nach die großen ungarischen Fotografen vorgestellt wurden, die in Berlin reüssierten: Cappa, Brassai, Mucasci – und 2011 kommt Kertész. Die radikale Perspektive und Experimentierfreude ist allen gemeinsam, doch keiner öffnete sich den neuen Medien so radikal wie Moholy-Nagy. „Der Analphabet der Zukunft wird nicht derjenige sein, der nicht lesen kann, sondern der nicht fotografieren kann“, behauptete er kühn. Aus Sicht des 21. Jahrhunderts sollte er recht behalten.

Moholy-Nagy muss ein Bildermotor gewesen sein, der sich unersättlich Eindrücke einverleibte und zu neuen Motiven verarbeitete. 1919 kam der junge Ungar als Korrespondent der Kunstzeitschrift „MA“ über Wien nach Berlin, wo er zu den Kreisen um die Galerie „Der Sturm“ stieß und sich mit den Dadaisten anfreundete. Seine figurative, kubistisch geprägte Malerei radikalisierte sich hier und wurde konstruktivistisch. Die ausgestellten Fotografien der zwanziger Jahre von Reisen nach Frankreich, Schweden, Finnland und England zeigen Moholy-Nagys Begeisterung für alles Technizistische. Er fotografierte die stürzenden Linien stählerner Brücken, die Reling der Schiffe, den dynamischen Schwung von Straßenbahnschienen, die abstrakten Muster aufgereihter Sonnenstühle oder Marktstände.

Auf diese Weise schuf sich Moholy-Nagy eine Bühne für den „neuen, totalen Menschen“, der sich in seinen Augen durch die Kunst herausformen werde. Dabei war Moholy-Nagy kein Träumer, das zeigen seine Anfang der Dreißigerjahre entstandenen Dokumentarfilme von Berliner Arbeitervierteln und „Großstadtzigeunern“. Als leidenschaftlicher Lehrer engagierte er sich für seine Vision, zunächst am Bauhaus und nach seiner Emigration in die USA am „New Bauhaus“ in Chicago und dessen Nachfolgeinstitution, dem Institute of Design.

Walter Gropius war der Erste, der in ihm den Pädagogen erkannte; 1923 hatte er ihn als Formmeister der Metallwerkstatt nach Weimar geholt. Einen Namen machte sich Moholy-Nagy dort vor allem als Gestalter der Bauhaus-Publikationen, als Protagonist des „Neuen Sehens“, als Maler mit der Kamera. 1929 gehörte er zu den Teilnehmern der wegweisenden Ausstellung „Film und Foto“, die auch im Berliner Gropius-Bau zu sehen war. Für die Moholy-Nagy-Retrospektive gelang es den Kuratoren, eine ganze Wand mit seinen Bildern zu rekonstruieren.

Der Ungar gehörte zu den Pionieren einer Kunst, die damals keineswegs anerkannt war. Er hatte früh begonnen, mit Fotogrammen zu experimentieren, indem er Papierschnipsel, Spiralen, Federn und Blumen auf Fotopapier legte und der Entwicklerflüssigkeit den aktiven Part überließ. Man Ray machte in Paris zur gleichen Zeit ähnliche Entdeckungen.

Moholy-Nagy aber trieb das autonome Spiel von Licht und Schatten noch weiter und filmte die Reflexe auf einer transparenten Kugel, überblendete sie mit den durchscheinenden Mustern einer gestanzten Scheibe und den kreisenden Bewegungen einer Metallspirale. „ein lichtspiel schwarz-weiss-grau“ (1930) nannte er den poetischen Reigen abstrakter Formen, die auch in seiner Malerei wiederkehren. Berühmt wurde sein LichtRaum-Modulator, ein kinetisches Objekt, mit dem er diese Effekte in die Dreidimensionalität übersetzte. Schade, dass die ingeniöse Skulptur nicht in Berlin zu sehen ist. So fehlt eine wichtige Facette des „Gesamtkünstlers“, wie er sich selber nannte.

Eine andere kommt zur Geltung. Nachdem Moholy-Nagy mit Gropius von Dessau nach Berlin zurückgekehrt war, arbeitete er als Typograf und Bühnengestalter an der Krolloper, etwa für „Hoffmanns Erzählungen“ (1928). Seine Kostümentwürfe wirken konservativ, als Szenograf aber lebte er seine Technikbegeisterung aus, entwickelte eine Hebebühne und setzte Marcel Breuers Stahlrohrstühle ein, in denen sich das Licht reflektierte.

Er wäre gewiss in Berlin geblieben, so Hattula Moholy-Nagy bei der Ausstellungseröffnung, hätten die Nazis ihn nicht in die Emigration gedrängt. Über Amsterdam und London gelangte ihr Vater in die Vereinigten Staaten – mit den ersten Farbfilmen im Gepäck, die von Kodak neu auf den Markt gebracht worden waren. Familienbilder und schlierige Kompositionen wechseln einander ab. Man ahnt, was dieser Künstler des Lichts noch alles hätte malen können, wenn er nicht so jung gestorben wäre, in Farbe statt nur in Schwarz-Weiß. Dem Jules Verne der Kunst fehlte die Zeit.

Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstr. 7, bis 16. 1.; Mi–Mo 10–20 Uhr; Katalog 29 €.

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