Ausstellung in Berlin : Pinsel-Pointen von Renate Anger

Malerei von Renate Anger bei Gitte Weise

Simone Reber

Die Welt von Renate Anger ist Farbe. Wenn nicht, dann hilft die Künstlerin nach. Im Fenster der Galerie Gitte Weise steht ein Glaskasten mit dem Diapositiv eines grauen Wintertags. Bewölkter Himmel, schwarze Bäume, eine Krähe auf dem blattlosen Ast. Renate Anger hat Farbpunkte auf das Bild gemalt, den Winter verkürzt und das Frühjahr vorweggenommen (1700 €). Ihre Kunst besteht darin, mit dem Pinsel Pointen zu setzen, nicht als dominante Geste, sondern als dezente Korrektur.

„Alles wiederholt sich, nichts kehrt uns wieder“ – als Titel hat die Galeristin ein Zitat von Max Frisch gewählt. Die Ausstellung ist aus dem Nachlass der Künstlerin entstanden, die im vergangenen Jahr bei einem Fahrradunfall ums Leben gekommen ist. Ihr Werk wird in der Abtei Brauweiler archiviert, in der die Stiftung Kunstfonds Bonn die Aufbewahrung von Künstlernachlässen ermöglicht. 1943 in Danzig geboren, ist Renate Anger in der Nähe von Mainz aufgewachsen. In Berlin gehörte sie zu den bekanntesten Unbekannten, zu den Beständigen. Die Zeit ist eins der wichtigsten Themen ihrer Kunst. „Carpe Diem“ hieß die große Einzelausstellung 2001 im Haus am Waldsee. Bei Gitte Weise hängt das Bild einer jungen Frau, die aus dem Fenster eines fahrenden Zuges blickt. Wie Schriftzeichen verlaufen Punkte darüber, Lebenslinien und Traumpfade, von der Jugend bis zum Alter. Mit heiterer Gelassenheit verlangsamt die Malerin durch ihre Punkte das vorbeirasende Leben zu einzelnen Augenblicken (6500 €).

Selbst bei borkenfarbenen Faltern entdeckt sie scharlachrote Flecken im Flügelstaub. Mit der Kamera hat sie die toten Tiere so fotografiert als flatterten sie durch den Raum (1700 €). Im Stauffenberg-Saal des Bundesverteidigungsministeriums erinnert ihr Schmetterlings- Fries „Rotes Ordensband“ an die Verletzlichkeit des Lebens.

Ihr Kunststudium hat die ausgebildete Krankenschwester erst mit 30 Jahren begonnen. Bei Franz Erhard Walther in Hamburg war sie die einzige Malerin in der Bildhauerklasse. Walthers organische Farben finden sich bei ihr wieder, die bildhauerische Unternehmungslust, ganze Räume zu gestalten. In der Malerei mit Eitempera sucht sie das Wechselspiel zwischen dem groben Rupfen des Materials und der Samtigkeit der Farbe (4500– 10 000 €). Humorvoll mildert die Kunst von Renate Anger die Rauheit des Lebens und sucht den Ausgleich zur Realität. Simone Reber

Galerie Gitte Weise, Tucholskystr. 47; bis 19.7., Di-Sa von 11-18 Uhr.

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