Ausstellung in der Akademie der Künste : Der Kunstturner

„Ausgewählt“: Die Akademie der Künste startet eine neue Ausstellungs-Reihe mit waghalsigen Skulpturen von Wolfgang Wagner-Kutschker.

Annabelle Seubert

Die Idee für die runde Skulptur kam ihm in der Kneipe. Wolfgang Wagner-Kutschker hebt die Hand und tut so, als werfe er etwas in die Luft , um es gleich danach wieder aufzufangen. „Bierdeckel, kennste?“ Der Künstler aus Würzburg lässt sich von dem ganzen Ausstellungsrummel nicht beeindrucken, auch wenn reihum äußerst kennerhafte Sätze fallen. „Diese Werke haben eine unglaubliche Beständigkeit“, tönt es hier, „und sind so gar nicht penetrant“, flötet es dort. Man ist sich einig, der Auftakt von „Ausgewählt“, einer neuen Veranstaltungsreihe der Akademie der Künste, ist geglückt.

Und so geht’s: Ein Akademie-Mitglied der Sektion Bildende Kunst schlägt einen Künstler vor, der ihn fasziniert oder reizt. Worauf der Künstler seine Arbeiten zeigen darf. Der aussuchende Mentor kümmert sich um Organisation, Planung und Vernissage, die Akademie stellt ihre Räume am Pariser Platz und im Hanseatenweg mindestens einmal jährlich zur Verfügung. Altersbeschränkungen oder sonstige Regeln gibt es keine, bloß den Wunsch, wenig beachteten Kunstschaffenden mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Das, so viel lässt sich bereits am ersten Abend sagen, klappt. Kataloge werden eingetütet, Telefonnummern ausgetauscht, Preise verhandelt. „Och nö“, stöhnt Wagner-Kutschker, als die Ersten Autogramme verlangen. Mit Datum.

Verständlich ist es ja. Seine kantigen, lackierten Holzskulpturen sind aus glatten, schwarzen Platten gemacht, die sich übereinanderlegen oder nur an einem Punkt berühren, sich zusammenfügen oder voneinander wegbewegen, das Licht und den Betrachter spiegeln. Wie vereinzelte Kakteen in einer Wüste stehen sie in der weitläufigen Halle, wie teuer aussehende Designerregale hängen sie an den Wänden. Für eines solcher Konstrukte braucht Wagner-Kutschker sechs Monate. „Wenn’s gut geht.“ Und wie viele hat er schon? „240? 250? Sagen wir 400.“

An Vielfalt mangelt es den Plastiken nicht. Während sich ein Gebilde wie eine Ziehharmonika auffächert, erinnert ein anderes an eine falsch gefaltete Umzugskiste und das nächste an ein Kartenhaus, das im Moment des Einsturzes erstarrt ist. Ohne es zu bemerken, versucht man Formen in seine Kunstwerke hineinzulesen und vergisst darüber die Absicht des Schöpfers. Wolfgang Wagner-Kutschker geht es um die Dinghaftigkeit seiner Skulpturen. Ihn interessieren formale Probleme: wie er die eine auf die andere Platte setzen kann, ohne dass wieder alles zusammenbricht. „Das ist, wie wenn du verknallt bist und dir jeder prophezeit, dass es nicht funktioniert“, sagt er. „Und dann funktioniert es doch.“ Genau das hat auch Robert Kudielka veranlasst, Wagner-Kutschker auszuwählen. Kudielka, seit Jahren Mitglied der Akademie der Künste, unterrichtete den heute in Bremen lebenden Künstler an der Berliner Hochschule der Künste.

Angefangen hatte Wolfgang Wagner-Kutschker als Lithograf, in den Achtzigern führte ihn ein DAAD-Stipendium nach Wien. Um „genügend Geld für Brötchen zu verdienen“, spezialisierte er sich schließlich auf Ausstellungsaufbau. Fehlt noch eine Angabe im Lebenslauf, die sein Schaffen ordentlich beeinflusste: Wagner-Kutschker war Kunstturner. Wer also glaubt, den so fragil anmutenden Figuren gingen mathematische Berechnungen voraus, irrt: „Ist doch gerade das Spannende, wenn das Ding umfällt! Und dann, zack, zack, geht’s weiter.“ Alles eine Frage des Gleichgewichts.

Akademie der Künste, Hanseatenweg 10, bis 18. Juli, Di - So 11 - 20 Uhr. Weitere Informationen unter: www.adk.de

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben