Ausstellung in der Alten Nationalgalerie : Meister aller Klassen

Er malte Friedrich II., Lessing und Moses Mendelssohn: Die Berliner Museumsinsel feiert den 200. Geburtstag des Schweizer Porträtisten Anton Graff.

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Macht und Magie. Graff schuf mehr als 2000 Porträts, darunter auch das Selbstporträt mit Augenschirm, das kurz vor seinem Tod 1813 entstand.
Macht und Magie. Graff schuf mehr als 2000 Porträts, darunter auch das Selbstporträt mit Augenschirm, das kurz vor seinem Tod 1813...Foto: bpk / Nationalgalerie, SMB / Andreas Kilger

Auf seinem letzten Bild, entstanden kurz vor seinem Tod im Juni 1813, hat Anton Graff sich selbst gemalt. Es ist ein Dokument von Stolz und Selbstbewusstsein. Der Künstler ist 76 Jahre alt, er hat mehr als 2000 Porträts von den Berühmten, Reichen und Mächtigen seiner Zeit geschaffen und wird in ganz Europa gefeiert. Aber er steht noch immer an der Staffelei. Den Rücken durchgedrückt, in den Händen Pinsel und Palette, wirft er uns einen Abschiedsblick zu, in dem sich Entschlossenheit und Melancholie mischen. In seiner Stirn trägt Graff einen kleinen, Schatten spendenden Stoffschirm, der ein Augenleiden lindern soll und an heutige Schlafbrillen erinnert. „Ob man es wahr nimt, daß die Augen des Künstlers alt u. matt geworden sind, so zeiget sich doch im ganzen noch Kraft und jugendliches Künstlerfeuer“, hat Graffs Sohn Carl Anton über das Gemälde bemerkt.

Das „Selbstbildnis mit Augenschirm“ begrüßt den Besucher zusammen mit einem knappen Dutzend anderer Selbstporträts im ersten Raum der Ausstellung „Gesichter einer Epoche“, mit der die Berliner Alte Nationalgalerie Graff zu seinem 200. Todestag ehrt. Graff gehört zu den bekanntesten Unbekannten der deutschen Kunstgeschichte. Kenner schätzen ihn für seine psychologische Raffinesse und technische Brillanz, doch populär war er nie. Das liegt daran, dass Graff sich auf ein Genre beschränkt hat, die Porträtmalerei. Die letzte Ausstellung seiner Werke fand 1963 in Ost-Berlin und Dresden statt. Doch längst sind einige von Graffs Bildern, die sich zu einem beeindruckenden Panorama der Geistesgrößen seiner Zeit fügen, zu Ikonen aufgestiegen. Eine Vorstellung davon, wie Schiller, Gellert, Prinz Heinrich, Chodowiecki oder Henriette Herz aussahen, besitzen wir heute deshalb, weil Graff sie gemalt hat. Seinen Friedrich II. hat sogar Andy Warhol adaptiert. Höchste Zeit also für eine Wiederentdeckung.

Blickkontakt mit dem Betrachter. Ferdinand Heinrich von Helldorff präsentiert sich in diesem Graff-Porträt mit einem Buch des Agrarwissenschaftlers Albrecht Daniel Thaer als Bodenreformer.
Blickkontakt mit dem Betrachter. Ferdinand Heinrich von Helldorff präsentiert sich in diesem Graff-Porträt mit einem Buch des...Foto: Privatsammlung Düsseldorf/Horst Kolberg

Bilder waren für Graff immer auch ein Medium der Selbsterforschung und Selbsterkenntnis. Man glaubt auf seinen veristischen, jede Gesichtsfalte wiedergebenden Selbstbildnissen dem Maler beim Altern zuschauen zu können, angefangen vom 1754 noch in der schweizerischen Geburtsstadt Winterthur entstandenen Brustbild des 17-jährigen Zeichenschülers über ein in spätbarocker Eleganz schwelgendes Familienporträt des Dresdner Hofmalers von 1785 bis zum späten „Selbstbildnis vor Staffelei“ von 1809. Das Bild zeigt ihn ganzfigurig und beinahe lebensgroß, ein Format, das kurz zuvor noch adeligen Auftraggebern vorbehalten war. Ein Malerfürst. Nur dass seiner Selbstdarstellung jeder auftrumpfende Gestus fehlt. Auf den Selbstporträts wechselt die Mode seiner Kleidung, die Haare werden dünner, um den schmallippigen Mund gräbt sich ein etwas verkniffener Zug immer tiefer ins Gesicht. Was bleibt, ist die Neugier des Blicks.

Das späte 18. und das frühe 19. Jahrhundert, Graffs Epoche, haben das Bild vom Menschen revolutioniert. Weil die Aufklärung die alte göttliche Ordnung hinwegfegte, treten die individuellen Züge des Einzelnen stärker hervor. Auf Graffs Porträts müssen die Dargestellten nicht mehr ihren Stand repräsentieren, sie stehen für sich selbst. Der Maler räumt die barocke Emblematik aus seinen Bildern und rückt die Menschen in Nahsicht an den Betrachter heran.

Die Schauspielerin Esther Charlotte Brandes lehnt im Kostüm der Ariadne auf Naxos theatralisch an einem Baum. Der Schriftsteller Johann Jakob Engel hält eine Schreibfeder in der Hand. Und der Gutsbesitzer Ferdinand Heinrich von Helldorff gibt sich mit einem Buch des Agrarwissenschaftlers Albrecht Daniel Thaer als Bodenreformer zu erkennen. Doch Lessing, Moses Mendelssohn, Herder und Schiller treten uns ganz ohne Attribute entgegen, als exemplarische Vertreter eines neuen, freieren Denkens. Lessing trägt einen roten Samtrock, seine Stirn ist bis ins hochtoupierte Haar wie von einem Punktscheinwerfer erleuchtet, eine Anspielung auf den strahlenden Genius des Dramatikers. Schiller, dessen „unruhigen Geist“ Graff nach den Porträtsitzungen beklagte, zeigt sich in Sturm-und-Drang-Manier mit langem Haar und offenem Rüschenkragen.

Es kam darauf an, neben der Physiognomie eines Menschen auch dessen Ideen zu erfassen. Ein Kritiker der „Augsburger Allgemeinen Zeitung“ bemerkte 1803: „Graff trifft, wie man sagen möchte, in höherm Sinne; er malt nicht den Leib, sondern den Geist.“ Dem Maler, darauf weist der Germanist Ernst Osterkamp hin, ging es um den ganzen Menschen. Während seine Zeitgenossen noch heftig darüber stritten, wie die Zweiteilung von Seele (res cogitans) und Körper (res extensa) zu verstehen und zu erklären sei, hatte Graff sie bereits überwunden. Kunsthistoriker attestierten ihm eine „Blickmagie“, oft schauen die von ihm Porträtierten dem Betrachter frontal in die Augen, so als wollten sie über die Jahrhunderte hinweg ein Gespräch mit uns aufnehmen.

Sturm und Drang. Das offene Haar, der aufgeknöpfte Kragen verweisen in diesem Porträt Anton Graffs auf das freie Denken des Dichters Friedrich Schiller.
Sturm und Drang. Das offene Haar, der aufgeknöpfte Kragen verweisen in diesem Porträt Anton Graffs auf das freie Denken des...Foto: Städtische Galerie Dresden/Franz Zadnicek

Doch wir würden sie kaum verstehen. Die Welt um 1800 ist in die Sphären einer Vergangenheit entrückt, in der sich nur noch Spezialisten auskennen, die meisten der einstigen Berühmtheiten sind heute vergessen. Wer kennt schon noch den Juristen Carl Wilhelm Müller, einen stattlichen Herrn mit weiß gepuderter Perücke, die gedankenverloren sinnierende Friederike von Helldorff oder den altersweise unter einer Hausmütze hervorguckenden Theologen Johann Joachim Spalding? Versunken ist mit ihnen auch die Erinnerung an eine exaltierte Zurschaustellung von Gefühlen, wie sie sich etwa im Halberstädter „Freundschaftstempel“ des Dichters Johann Wilhelm Ludwig Gleim ausdrückt, für den Graff viele Bilder lieferte.

Die in Zusammenarbeit mit dem Reinhart-Museum in Winterthur entstandene Ausstellung versammelt 90 Gemälde und 50 Arbeiten auf Papier. Anton Graff, das zeigt sich im Nebeneinander dieser Köpfe, gehört als malender Chronist zu den Zentralfiguren der Aufklärung im deutschsprachigen Raum. Mit Berlin verbanden ihn enge Familienbande. In Berlin ist er im Haus des Philosophen Johann Georg Sulzer dessen Tochter Elisabeth Sophie Auguste begegnet, die er 1771 heiratete. Graff war gefragt in der preußischen Hauptstadt, erhielt mehr als hundert Porträtaufträge. Doch als Friedrich II. ihn an seinen Hof holen wollte, lehnte er ab. Den Künstler schreckte das strenge Berliner Regiment, nur mit Erlaubnis des Königs hätte er reisen können.

Das schönste Bild der prachtvollen Ausstellung zeigt die beiden Söhne des Künstlers, vier und ein Jahr alt, beim Spiel mit einer Seifenblase. Graff, der das Gemälde seinem Schwiegervater schenkte, hat den Moment einer staunenden Verzückung eingefangen. „Ich gehe täglich etliche mal blos darum aus dem Garten in meine Stube, um das Bild eine Weile anzusehen“, schrieb der Schwiegervater im Dankesbrief. Man kann ihn verstehen.

Alte Nationalgalerie, bis 23. Februar. Di–So 10–18, Do 10–20 Uhr. Der Katalog (Hirmer Verlag) kostet 39,90 €.

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