Ausstellung in der Gemäldegalerie : Die namenlose Verführerin

Joseph und die Frau des Potiphar: eine Kabinettsausstellung in der Gemäldegalerie.

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Deftig. Rembrandt Radierung "Josephs Verführung" von 1634.
Deftig. Rembrandt Radierung "Josephs Verführung" von 1634.Foto: bpk / Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett / Jörg P. Anders

Im Alten Testament hat sie nicht einmal einen Namen. Die Frau des Potiphar bleibt die Fremde, die Andere, die gefährliche Verführerin. Weil Joseph sich ihr verweigert, beschuldigt sie ihn der Vergewaltigung und bringt ihn ins Gefängnis. So steht es in der Genesis. Später hat die Josephsgeschichte andere Künstler und Dichter zu eigenen Versionen inspiriert. Die Studioausstellung „Joseph und Zulaikha. Beziehungsgeschichten zwischen Indien, Persien und Europa“ in der Gemäldegalerie vergleicht nun mithilfe von Leihgaben aus den Sammlungen der Staatlichen Museen die Unterschiede und Überschneidungen in christlichen und islamischen Darstellungen. Und siehe da: ein Happy End ist möglich.

Der Kupferstecher Georg Pencz aus Nürnberg schildert in der Mitte des 16. Jahrhunderts auch die Vorgeschichte. Joseph erzählt seinen Traum, in dem sich seine Brüder vor ihm verneigen. Aus Neid werfen sie ihn in den Brunnen. Eine Karawane löst ihn aus und nimmt ihn mit nach Ägypten, wo er dem Hofbeamten Potiphar dient. Dessen Frau begehrt Joseph, aber der treue Diener bleibt standhaft.

Sebald Beham konzentriert sich nur noch auf die Verführungsszene. Sie wird zum anzüglichen Spiel mit der Schlüssellochperspektive und verrät viel über die Fantasien der Betrachter. Auch Rembrandt bedient in einer fast deftigen Radierung von 1634 voyeuristische Gelüste unter dem Deckmantel der Moral. Da flieht der erschreckte Joseph vor der entblößten Ägypterin.

Viel ambivalenter bleibt Rembrandt in seinem Gemälde „Joseph und die Frau des Potiphar“ aus dem Jahr 1655, das ein paar Säle weiter in der ständigen Ausstellung der Gemäldegalerie hängt. Die Szene zeigt die Entdeckung durch Potiphar. Peinlichkeit trennt die drei Figuren. In der Mitte rückt die Frau noch ihr Mieder zurecht. Ihr Mann beugt sich väterlich über sie. Hinter dem Bett kniet Joseph mit ergebener Miene und erhobener Hand. Ganz ehrlich wirkt hier keiner.

Persische Überlieferungen versuchen die Schuldfrage kriminalistisch zu lösen. Da fällt einem Kind auf, dass Josephs Gewand am Rücken zerrissen ist. Indiz dafür, dass er zu fliehen versuchte. Hier hat die Frau des Potiphar einen Namen, sie heißt Zulaikha. Der Sufi-Dichter Jami erzählt in der bekanntesten Fassung, die 1483 entstand und vielfach bebildert wurde, die Geschichte des schönen Yusuf mit versöhnlicher Moral. Zulaikha träumt vom romantischen Glück. In den Miniaturen erscheinen ihre Fantasien als Bilder des zärtlichen Paares an den Palastwänden. Weil sich in der Liebe zu Yusuf die Verehrung göttlicher Schönheit manifestiert, dürfen die beiden im Alter heiraten. Am Ende zerreißt Yusuf das Gewand der Zulaikha.

Großes Drama also. Leider werden die Hintergründe in der Ausstellung nicht immer augenfällig. Vieles erschließt sich erst durch Lektüre. Zumal auch der umgekehrte Weg der Bilder untersucht werden soll, der Einfluss islamischer Kunst auf die Darstellungen Rembrandts. Mit diesen komplexen Verschränkungen der Kulturen aber ist die kleine Ausstellung überfordert.

Bis 7. September im Kabinett der Gemäldegalerie, Matthäikirchplatz, Tiergarten, Di–Fr 10–18 Uhr, Sa/So 11–18 Uhr

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