Ausstellung in der Philharmonie : Was die Violinen erzählen

Amnon Weinstein sammelt Geigen aus der Zeit des Holocaust. Am Dienstag erklingen sie in einem Konzert der Berliner Philharmoniker. Und erinnern an Geschichten im Exil oder Todeslager.

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Gegen das Vergessen. Geigenbauer Amnon Weinstein verwahrt seine Sammlung in einer Werkstatt in Tel Aviv. Einige Instrumente sind jetzt in Berlin zu sehen. Foto: dpa
Gegen das Vergessen. Geigenbauer Amnon Weinstein verwahrt seine Sammlung in einer Werkstatt in Tel Aviv. Einige Instrumente sind...Foto: picture alliance / dpa

Die Geige, die Amnon Weinstein reparieren soll, ist von Regen und Schnee stark beschädigt. Seit vielen Jahren hat der Mann, der sie ihm gebracht hat, nicht mehr auf ihr gespielt. Nicht einmal angerührt hat er sie. Weinstein betrachtet das Instrument in seiner Werkstatt in Tel Aviv, nimmt es vorsichtig auseinander und erfährt, dass der Fremde zuletzt in Auschwitz über die Saiten gestrichen hat. Als Mitglied des Männer-Orchesters musste er Mitgefangene mit seiner Musik in den Tod begleiten.

Kurz nach dieser Begegnung, Ende der achtziger Jahre, beginnt Amnon Weinstein mit seinem Lebensprojekt: Violinen aus der Zeit des Holocaust zu sammeln und zu restaurieren, als Denkmal. Bereits sein Vater Moshe war Geigenbauer und bekam nach dem Zweiten Weltkrieg deutsche Geigen von Mitgliedern des Palestine Orchestras überreicht. Hochwertige Holzinstrumente, auf denen aber niemand mehr spielen wollte. „Wenn du sie nicht kaufst, zerstören wir sie“, sagten ihm die Musiker.

Er wollte den Holocaust lange verdrängen

Zu jenen Instrumenten gehört auch die Wagner-Violine, die zur Zeit in der Philharmonie zu sehen ist. Als Teil der Ausstellung „Violinen der Hoffnung“, die ausgewählte Instrumente aus Weinsteins Sammlung zeigt. Und am heutigen Dienstag, wenn an den Holocaust und die Befreiung von Auschwitz erinnert wird, werden 15 seiner Geigen in einem Konzert mit Simon Rattle, den Berliner Philharmonikern und ihrem Ex-Konzertmeister Guy Braunstein zu hören sein. „Jede von ihnen steht für einen Menschen“, sagt Weinstein. „Und für sechs Millionen Schicksale.“

Gegen das Vergessen. Geigenbauer Amnon Weinstein verwahrt seine Sammlung in einer Werkstatt in Tel Aviv. Einige Instrumente sind jetzt in Berlin zu sehen. Foto: dpa
Gegen das Vergessen. Geigenbauer Amnon Weinstein verwahrt seine Sammlung in einer Werkstatt in Tel Aviv. Einige Instrumente sind...Foto: dpa

Lange hat der 75-Jährige versucht, den Holocaust zu verdrängen. Bis auf seine Eltern, die rechtzeitig nach Palästina fliehen konnten, sind all seine Verwandten, fast 400, ermordet worden. Sein Vater sprach nie über dieses finstere Kapitel der Geschichte, ihrer Geschichte. Dann aber betrat Daniel Schmidt, ein Bogenmacher aus Sachsen, 1992 seine Werkstatt und stellte Weinstein während der Arbeit Fragen: Wem gehörten diese Instrumente einmal? An welchen Orten sind sie gewesen? Wodurch haben sie ihre Kratzer bekommen? Welche Antwort Weinstein darauf immer und immer wieder fand: „Sie haben Menschen das Leben gerettet.“

Die Schreie aus den Gaskammern übertönen

Langsam geht der Mann mit den grauen Locken und dem mächtigen Schnurrbart eine Treppe der Philharmonie hinunter. Im Foyer des Kammermusiksaals wird die Ausstellung gerade aufgebaut, ein Fernsehteam wartet, der letzte Termin für diesen Tag. Weinstein hält sich am Geländer fest, betritt jede Stufe mit beiden Füßen, lacht viel, scherzt. Sein Sohn legt eine der Violinen behutsam in ihren Kasten. Sie hat einen Davidstern auf der Rückseite, liebevoll angefertigt aus kleinen Mosaiksteinchen. Woher sie stammt, ist nicht bekannt – andere Instrumente sollten einmal die Schreie aus den Gaskammern übertönen. „Wenn Menschen im Orchester von Auschwitz ihre Augen schlossen und spielten, dann konnten sie sich an ferne Orte träumen“, sagt Weinstein. „Und an bessere Zeiten denken.“

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