Ausstellung in der Villa Schöningen in Potsdam : Beim Höhlengott

Der Grenzgänger: Der israelisch-dänische Bildhauer Tal R breitet ein Panoptikum der Sonderbarkeiten aus.

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„Strawberry“, Bronze aus der gespenstischen Obst- und Gemüseserie von Tal R aus dem Jahr 2006, zu der außerdem Zwiebeln und Auberginen gehören (Ausschnitt).
„Strawberry“, Bronze aus der gespenstischen Obst- und Gemüseserie von Tal R aus dem Jahr 2006, zu der außerdem Zwiebeln und...Foto: Jochen Littkemann, (c) Paradis/Tal R

Von hier aus ist die Aussicht normalerweise spektakulär. Links, am gegenüberliegenden Ufer der Havel, verbindet die Heilandskirche von Ludwig Persius mit ihren wellenweichen Umrissen das Wasser und das Land. Rechts verknüpft die Glienicker-Brücke Berlin mit Potsdam. Auf der Suche nach düsterem Grusel besichtigen Touristen den von Legenden umrankten Schauplatz des Kalten Krieges. In der Potsdamer Villa Schöningen liegt das Spiel mit der historischen Grenzsituation auf der Hand. Der israelisch-dänische Künstler Tal R aber macht erst einmal die Schotten dicht.

Die Fenster der Villa Schöningen sind verdunkelt. Die spärlich beleuchteten Räume gleichen einer Höhle. Seltsame Gebilde werfen ihre Schatten an die Wand. So eng sind die Skulpturen gestellt, dass sich die Besucher vorsichtig zwischen den auskragenden Nasen, Armen und Beinen vorbeizwängen müssen. In einer Vitrine stehen Rollen, die mit gestreiftem Stoff bezogen sind. „Chimney“ – Schornstein heißen diese Figuren, die in ihren weichen Umrissen so gar nichts von düsteren Schloten haben. An einer Fahrradfelge drehen klimpernd rosa Stäbe. Glocken klingeln leise.

Die 39 bizarren, tönenden, kreisenden Skulpturen entfalten ein mysteriöses Eigenleben

Mit seiner verwunschenen Ausstellung „The night you can’t remember is the night I can’t forget“ verlagert Tal R den Grenzgang ins Innere. Wie auf einem nächtlichen Jahrmarkt entfalten die 39 bizarren, tönenden, kreisenden Skulpturen ein mysteriöses Eigenleben. So bleibt der genius loci draußen vor, klopft aber doch vernehmlich an die verschlossenen Fenster. Das geheimnisvolle Panoptikum hält den Schwebezustand zwischen wohligem Gedenken und leisem Schauer. Die clownesken Gestalten amüsieren und lehren das Fürchten. Da hockt ein unheimliches Insekt auf seinem Sockel – es besteht aus einer ausgestopften Kinderhose. Die Herzchentaschen sind zu übergroßen Augen geworden, die Träger zu einem Rüssel. „Lilla Flicka“, wie der Astrid-Lindgren-Alien heißt, bewacht den Herrscher der Höhle, einen grünen Wassergott mit sichelförmigen Tentakeln. „Fumachu I presume?“ wird der 90 Kilogramm schwere Kerl vorgestellt.

Unmöglich zu erkennen, ob dies ein Ort der Behaglichkeit oder der Bedrohung ist. Ein Spielplatz für Kinder oder der Sitz einer mächtigen Zauberkraft. Hygge heißt in Skandinavien die Kultur der Gemütlichkeit, sie füllt die Villa Schöningen und nimmt die Besucher gefangen, lockt sie, ähnlich wie in einem Film des Regisseurs David Lynch, hinein in die vertraute Fremdheit. Man will bleiben bis das Geheimnis gelüftet ist. Aber Tal R arrangiert seinen skurrilen Vergnügungspark so geschickt, dass stets ungewiss bleibt, ob man sich in Freundes- oder Feindesland bewegt.

Der Zwiespalt zieht sich durch die Biografie des Künstlers. Tal R wurde 1967 während des Sechs-Tage-Krieges als Tal Rosenzweig in Tel Aviv geboren. Seine Eltern verließen Israel, als er ein halbes Jahr alt war. In Dänemark lebte die Familie im kulturellen Spagat. Die dänische Mutter des Künstlers stand für skandinavische Klarheit, der tschechische Vater, ein Überlebender des Holocaust, für das Trauma der Vergangenheit. Für Tal R wurde die Kunst zum Zufluchtsort. „Zeichnen war für mich das Gleiche wie nachts zu träumen“, wird er auf der Website seiner New Yorker Galerie Cheim Read zitiert. „Man entscheidet nicht, wovon man träumt.“ In Berlin betreut ihn die Galerie cfa, die ihn im Frühjahr mit der Ausstellung „Garbage Man“ zeigte, mit der der Künstler seinem Sammelwahn huldigte.

Tal R verquickt Design, Handwerk und Kunst zu einem ganz eigenen Mix

Inzwischen gehören Tal R und seine Frau Evren Tekinoktay in Kopenhagen zu den Stars der dänischen Kunstszene. Beide nutzen eine Vielfalt von Medien und Materialien, verquicken lässig Design, Handwerk und Kunst. Evren Tekinoktay, Dänin mit türkischen Wurzeln, entwirft Wäsche, fertigt bonbonfarbene Collagen und kaleidoskopische Poster, die an die Arbeiten von Beatriz Milhazes erinnern. Tal R hat ein neues Farbkonzept für Arne-Jacobson-Stühle entwickelt. „Evren purple“ heißt das Violett – für ihn die Farbe der Leidenschaft und der Liebe. Manchmal entwirft das Paar auch kunterbunte Künstlerkleidung für das Modelabel Moonspoon Saloon.

Die Vielseitigkeit fließt jetzt auch in Tal R’s Ausstellung in der Villa Schöningen ein. Stoffabfälle, Metallschrott, Pappe verleihen den Skulpturen einen etwas abgehalfterten Charme. Die Kombination scheinbar unvereinbarer Fundstücke sorgt für die ulkige und beängstigende Wirkung. Einer afrikanischen Maske setzte der Künstler ein Tischbein als Nase auf. Die Glocken hat er mit Fetzen von Flickenteppich bezogen. Den Höhlengott aus Pulp erschaffen, jenem Billigpapier, das den Pulp-Fiction-Heften ihren Namen gab. Eine bunte Dame glänzt ladylike wie aus Keramik, besteht aber aus Holz, das mit Acryl bemalt und mit Wachs poliert wurde. Menschenähnliche Kreaturen sind aus Aluminiumschrott gebogen. Ein ganzer Kosmos nimmt Gestalt an und verflüchtigt sich. Wie die Erinnerungen, die ambivalent bleiben, auch wenn rund um die Villa Schöningen die Geschichte zum Greifen klar scheint.

Villa Schöningen, Berliner Str. 86, Potsdam, bis 16. 10.; Do bis So 10- 18 Uhr.

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