Ausstellung in Potsdam : Andy Warhols Frühwerk

Katzen, Blumen, Schuhe: Andy Warhols erstaunliches Frühwerk ist jetzt in Potsdam zu bestaunen. Allein zur Prüfung seiner selbstverliebten Behauptung, er könne alles zeichnen, lohnt ein Abstecher.

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Er kann noch mehr. Vor seiner ganz großen Karriere hat sich Andy Warhol in den 50er Jahren sehr erfolgreich als Werbegrafiker betätigt. Hier ein Beispiel der Frühwerke.Alle Bilder anzeigen
Foto: © 2011 Andy Warhol Foundation for the Visual Arts, Inc. Artists Rights Society (ARS), New York
10.06.2011 09:59Er kann noch mehr. Vor seiner ganz großen Karriere hat sich Andy Warhol in den 50er Jahren sehr erfolgreich als Werbegrafiker...

Ein Goldjunge war Andy Warhol in jeder Hinsicht. Er konnte Suppendosen in teure Kunst verwandeln und verdiente mit „Piss Paintings“ ein Vermögen. Gleichzeitig schickte er seinen tschechischen Verwandten kleine Geschenke ins Karpatengebirge: mal etwas Grafisches und mal einen mondänen Damenschuh.

Sein Faible für Pumps wirkt geradezu obsessiv. Manchen „Schuhporträts“ hat er sogar Namen gegeben oder sie Schauspielern wie James Dean gewidmet. In der Villa Schöningen hängt dazu ein ganzes Portfolio von Stiefelchen mit dem anspielungsreichen Titel „A la recherche du shoe perdu“. Doch der Blick auf Warhols Zeichnungen verändert sich, wenn man mehr über seine frühe Zeit in New York erfährt. Als Grafiker und Werbegestalter bekam er dort rasch feste Aufträge für „Harper’s Bazaar“ oder die „Vogue“ – unter anderem zur Illustration modischer Schuhe.

„Frühe Werke“ heißt denn auch die Ausstellung, die sich auf die Anfänge eines Superkünstlers in den fünfziger Jahren konzentriert, der bis heute den Markt beherrscht. Dass sie sich vorrangig aus der Sammlung Marx speist und dazu Arbeiten einiger anderer Privatkollektionen zeigt, macht die Fahrt nach Potsdam erst einmal nicht zwingend. Warhols Werk ist auch in Buchform lückenlos dokumentiert, oft zu sehen, und die bekanntesten Pop-Art- Exempel hat man längst verinnerlicht. Spannend wird die Schau dank der kuratorischen Arbeit des Berliner Galeristen Aeneas Bastian und seines Vaters Heiner Bastian, der früher die Sammlung Marx beriet und daher bestens vertraut mit ihren Beständen ist.

Das Arrangement zielt auf die Einsicht, dass Warhol die Kunst revolutionieren konnte, weil er aus einer anderen Branche stammte. Seine Unzufriedenheit mit der mehr illustrativen als erfinderischen Arbeit eines Grafikers, gepaart mit dem Wissen aus dem Studium am Carnegie Institute of Technology in Pittsburgh führte zu einem kreativen Kurzschluss. An dessen Ende stand die ästhetische Überzeichnung der Warenwelt.

Diese Verschränkungen zeichnet die Ausstellung nachvollziehbar auf. Unaufdringlich und ohne lehrmeisterliche Attitüde, aber doch mit Erkenntnisgewinn. Man sieht, wie Warhol die Techniken des grafischen Gewerbes in die Kunst überführt. Dort herrscht das Diktum der expressiven Geste, wie sie Jackson Pollock mit seinen drippings versinnbildlichte. Warhol setzt geschnitzte Stempel, den Abklatsch des Offsetdrucks und später den industriellen Siebdruck dagegen. Verfahren, die seine eigene Handschrift unpersönlich machten. Die künstlerische (Wieder-)Aneignung erfolgte im zweiten Schritt, wenn Warhol sich noch einmal an die Arbeit machte.

Dösende Katzen, bunte Schmetterlinge, mehrstöckige Torten und eben Schuhe sind die Ergebnisse dieser Verbindung. Luxuriöse Kunst „ohne innere Bindung“, dafür in delikater Ausführung, die einmal mehr Warhols Können vor Augen führt. Auch das des Grafikers, der seinerzeit auf der Suche nach Aufträgen in die New Yorker „Glamour“-Redaktion stiefelte und der verdutzen Redakteurin erklärte, er könne alles zeichnen.

Allein zur Prüfung dieser selbstverliebten Behauptung lohnt ein Abstecher. Genau wie jener rare goldene Jüngling, den Warhol ohne jedes reproduzierende Verfahren zu Papier gebracht hat. Schließlich wird der imposante Garten an diesem Wochenende durch neue Skulpturen ergänzt. Max Hollein und Martin Engler vom Städel Museum in Frankfurt am Main haben Arbeiten von Bethan Huws, Janet Cardiff & George Bures Miller, Olaf Nicolai, Tino Sehgal und anderen Künstlern arrangiert. Sie bleiben bis zum Herbst stehen. So fügen sich zu Warhols frühen Arbeiten späte Objekte einer elaborierten Open-Air-Art, die mit der plastischen Tradition des frühen 20. Jahrhunderts auch nicht mehr viel am Hut hat.

„Andy Warhol – Frühe Werke“, Villa Schöningen, Potsdam, Berliner Str. 86, bis 24. Juli. Die Eröffung der Ausstellung im Skulpturengarten findet am Sonntag, 12. Juni, ab 17 Uhr mit einem Gartenfest statt.

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