Kultur : Ausstellung in Potsdam: Die Farbe Blau

Ronald Berg

Friedrich II lebensgroß, nur mit Stock und Hut, ansonsten nackt und aus Porzellanscherben zusammengesetzt: So, mit unzähligen Bruchstellen, sieht für Paul Reimert das Preußische aus. Wer will, kann den alten Fritz auch als "Adlericus Rex" betrachten, mit aufgeschweißtem Adlerkopf unter dem Dreispitz und Hühnerbeinen unterm preußisch blauen Rock. Eckhard Hermann hat sich bei seiner Bronze wenigstens in der Farbe eng an das Thema gehalten: der Brandenburgische Verband der Bildenden Künstler bat um Arbeiten zum Thema Preußen.

Was beispielsweise bedeutet das derzeit in Deutschland gefeierte Preußen für einen Künstler aus Kaliningrad, also jenem Königsberg, wo sich Friedrich I. vor 300 Jahren selbst die Krone aufs Haupt setzte? Offenbar nichts. Denn dem sich in Meeresfluten wälzenden nackten Mann scheint jedwede Historizität, ja jede Form von Kultur abhold. Eugeny Umanskys schwarzweiße Fotoserie "Landschaft" könnte als radikale Absage an Preußen verstanden werden. Die meisten anderen Künstler, zumal der aus Berlin und Brandenburgischen, versuchen ihrem Unbehagen eher mit Ironie und Spott Ausdruck zu verleihen. Leider färbt die Strategie, das offenbar ungeliebte Preußen der Lächerlichkeit preiszugeben, oftmals auch auf die Kunstwerke selbst ab. Oder was soll man von jenen possierlichen mit Puschel versehenen "Tabaksmützen" halten, die Julia Ehrt in der Form der Grenadiersmützen der Langen Kerls aus Lindenholz gedrechselt hat? Begegnet sie der grassierenden Preußennostalgie mit den Mitteln der Verniedlichung?

Die Osteuropäer betrachten den untergegangen Staat mit mehr Ernst, so etwa Remigijus Tregys aus Litauen mit seinen trüb-zerkratzen Winterfotos. Hingegen präsentiert Oswaldas Jablonski die historischen Festungen, Kirchen oder Schlösser der einstigen Deutschen im Osten auf so romantische Weise, dass man aus den Ruinen auf eine gute alte Zeit schließen muss. Und Yury Vasielev aus Kaliningrad färbt die im Schnee steckenden Stämme eines Birkenwalds für seine "Fotoperformance" nicht "preußisch blau" sondern "russisch rot".

Und was sagen die Westkünstler? Gramming und Uschi Frank aus Berlin denken bei Preußen an Kant. Ihr Windspiel für Ventilatoren lässt den freien Geist des Philosophen bis in unsere Zeit wehen, ohne die Androhung "unangenehmer Verfügungen" des Großen Königs gegen die "fortgesetzte Renitenz" Kants auszublenden. Auch Silvia Breitwieser hat in ihrer Installation die Machtpolitik Preußens zum Thema gemacht - sie denkt bei zuerst an die Verdrängung des Weiblichen: Dem männlichen Prinzip stellt sie dessen vergessene Kehrseite entgegen: Das "Weiche, Warme, Ästhetische und Dialogische", repräsentiert durch die Namen der preußischen Königinnen, blau auf Porzellanteller geschrieben. Die unterdrückte weibliche Seite Preußens belegt sie zudem mit einer Zitatcollage: "Es ist Gottes Wohlgefallen gewesen, Preussen durch das Schwerdt groß zu machen", schreibt Friedrich Wilhelm IV.. Preußen, so zeigt die Ausstellung, ist eine widersprüchliche Angelegenheit - auch für Künstler.

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