Ausstellung in Riehen : Bonbons für Picasso

Die Fondation Beyeler in Basel arrangiert Felix Gonzalez-Torres mit Klassikern

Katrin Wittneven

Ein goldener Perlenvorhang teilt den Ausstellungsraum zwischen Skulpturen von Alberto Giacometti und Gemälden von Francis Bacon. Die Besucher müssen ihn beiseiteschieben, wenn sie hindurchgehen, und für einen Moment klingt das Rasseln der Perlenschnüre wie Münzen, die in eine Schatulle fallen. Kann man die Schreitenden von Giacometti überhaupt noch ansehen, ohne an die irrsinnigen Summen zu denken, die inzwischen dafür gezahlt werden? Und wie verändert der elegante Renzo-Piano-Bau der Fondation Beyeler mit seinen Spitzenwerken von Cézanne bis Pollock den Blick auf die fragilen Arbeiten von Felix Gonzalez-Torres, von dem der Vorhang stammt?

Die Betrachtung und Beurteilung von Kunst hängt von vielen Faktoren ab und verändert sich mit dem Ort, an dem sie zu sehen ist, und mit ihrer Gesellschaft. Diese simple Aussage besitzt eine besondere Relevanz, wenn ein Künstler wie der 1996 in New York verstorbene Gonzalez-Torres nicht mehr am Leben ist, dessen Werke eher Handlungsanweisungen für Kuratoren waren als in ihrer Form fixierte Objekte. „Specific Objects without Specific Form“ lautet dann auch der Titel dieser von Elena Filipovic eingerichteten Wanderausstellung. Sie widersetzt sich dem Gedanken der Retrospektive als statischem Moment insofern, als sie an ihren Stationen in Brüssel, jetzt Basel und ab Ende Januar 2011 im Frankfurter Museum für Moderne Kunst unterschiedlich arrangiert wird. In Basel setzt die Ausstellung auf formale Verwandtschaften und Gegensätze: Über den Cézannes zieht sich ein Schriftband an der Decke entlang. Im Picasso-Raum mit Menschenbildern aus verschiedenen Werkphasen steht ein hellblaues Podest, auf dem einmal täglich ein nur mit silberner Badehose und Turnschuhen bekleideter Go-Go-Tänzer mit Kopfhörern für fünf Minuten tanzt.

In einem anderen Raum liegt ein Stapel mit Plakaten von Felix Gonzalez-Torres, die eine Schwarz-Weiß-Fotografie einer bewegten Wasseroberfläche zeigen. In unmittelbarer Nachbarschaft befindet sich ein Seerosenbild von Claude Monet, das in seiner Auflösung des Motivs wie eine Ode an die Farbe erscheint. Gegenüber hängt Gerhard Richters strenges Ordnungssystem „1024 Farben“ von 1973 mit genau so vielen Farbquadraten. Gonzalez-Torres’ Plakate stehen für einen Werkbegriff, der nicht mehr vom autonomen Objekt ausgeht, sondern sich erst durch den Betrachter vervollständigt, der einzelne Blätter mitnehmen soll und das Werk so in alle Winde verstreut. Drei völlig verschiedene Kunstbegriffe treffen also aufeinander und bringen sich doch gegenseitig eher zum Schweigen als zum Reden. Der Blick hinaus in den Garten und auf den dortigen Seerosenteich verstärkt noch die meditative Atmosphäre. Angesichts dieser überbordenden Schönheit aber gerät das Rohe, Minimalistische und auch Politische der Arbeiten von Gonzalez-Torres aus der Sicht.

Vielleicht war diese Zurückhaltung der Werke der Grund dafür, dass Elena Filipovic Felix Gonzalez-Torres’ Arbeiten im Dialog mit den großen Meistern stärker als üblich in Szene setzt: etwa wenn die Plakatstapel im Mondrian-Raum den Farben der Gemälde zugeordnet sind. An anderen Stellen wirken die Lichterketten, die der gebürtige Kubaner einst locker auf den Boden arrangierte, überinszeniert. Im Untergeschoss steht der Besucher schließlich vor einem silbernen Bonbonfeld, das im gleißenden Licht wie eine ästhetisierte Reliquie wirkt und unberührbar erscheint.

Felix Gonzalez-Torres bleibt auch in Basel ein wunderbarer Künstler. Doch man wird das Gefühl nicht los, dass diese Ausstellung alles richtig machen wollte und bei aller Verehrung übers Ziel hinaus schießt.

Fondation Beyeler, Riehen / Basel bis 29. August

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