Ausstellung "Inspiration Japan" im Museum Folkwang : Überraschung aus Fernost

Monet, Gauguin, van Gogh: Das Museum Folkwang Essen zeigt in einer großartigen Ausstellung, wie die Kunst der Moderne um 1900 von Japan lernte.

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Vincent van Gogh wurde 1888 von japanischen Holzschnitten zum „Sämann“ inspiriert.
Mit fremden Augen. Vincent van Gogh wurde 1888 von japanischen Holzschnitten zum „Sämann“ inspiriert.Foto: SIK Zürich / J. P. Kuhn

Was für eine Ausstellung! Seit 1993 – damals im Berliner Martin-Gropius-Bau – hat man die Verflechtungen zwischen der japanischen und der europäischen Kunst seit der Öffnung Japans Mitte des 19. Jahrhunderts, mehr noch zwischen der japanischen und europäischen Art, auf die Welt zu blicken, nicht mehr so umfangreich und durchdacht dargeboten bekommen wie jetzt im Essener Museum Folkwang. Der Titel der Ausstellung „Monet, Gauguin, van Gogh ... Inspiration Japan“ greift eher zu kurz, zielt er doch allein auf die weithin bekannte Anregung der französischen Impressionisten durch japanische Vorbilder. Tatsächlich reicht die Ausstellung weiter, über die bekannten Namen hinaus, indem sie nicht bloß Nachahmungen benennt, sondern eine höchst komplexe Wechselwirkung zeigt.

Japan war bis 1854 über mehr als zwei Jahrhunderte lang in freiwilliger Isolation von der Welt abgeschlossen, bis amerikanische Kanonenboote die Öffnung der Häfen erzwangen. Nicht Agonie und koloniale Überwältigung waren die Folge, sondern die erstaunliche Modernisierung des Landes. So weit, so bekannt. Bekannt ist auch, dass ein enormer Kulturexport einsetzte, dass Kunstwerke und Luxusgüter in einem Maße nach Europa gelangten, dass ein wahrer Japan-Taumel einsetzte, der das auf seine Vergangenheit fixierte Europa regelrecht aufmischte.

van Gog fand in der Provence das Japan Hokusais

Die Mode, gewiss, mochte das Bild an der Oberfläche bestimmen. Darunter jedoch vollzog sich eine kulturelle Auseinandersetzung, die durchaus auch produktive Irrtümer einschloss. So etwa den, dass der Maler Vincent van Gogh Ende der 1880er Jahre in der südfranzösischen Provence das Japan des Holzschneiders Hokusai gefunden zu haben glaubte.

Es wäre ein Leichtes gewesen, die japanischen Anregungen in Gestalt der in hohen Auflagen verbreiteten Farbholzschnitte und die französischen Folgewirkungen in Gestalt entsprechender Gemälde nebeneinanderzustellen. In Essen hat Kuratorin Sandra Gianfreda – sie kam mit dem neuen Folkwang-Direktor Tobia Bezzola aus Zürich – das intellektuell weit anspruchsvollere Ziel verfolgt, die Wechselwirkungen zwischen Japan und der Pariser Kunstszene zwischen 1860 und 1910 aufzuschlüsseln. Dabei unterscheidet sie, und das weitet den bisherigen Betrachtungshorizont, zwischen drei Formen oder Stadien des Kulturtransfers.

Zunächst einmal gibt es die Neugier Europas auf Japan nach der Öffnung des Landes und die Widerspiegelung in hiesigen Arbeiten, sprich: die Darstellung Japans in europäischer Kunst. Zum Zweiten gibt es – und das stand in bisherigen Darstellungen des „Japonismus“, so der von dem Kritiker Philippe Burty 1872 geprägte Terminus, im Vordergrund – die motivischen und kompositorischen Anregungen, etwa den quer über die Bildfläche gelegten Kreis oder den verkürzenden Blick aus überraschender Höhe. Dahin gehört van Goghs „Sämann bei Sonnenuntergang“ mit dem Ast quer übers Bild. Drittens aber entwickelt sich, was in der Ausstellung sehr schön als Kapitelüberschrift „Verinnerlichtes Japan“ erscheint und gerade nicht in der Gegenüberstellung von je einem Werk aus Japan und aus Paris zugleich demonstriert und ertränkt wird.

Hokusai-Retrospektive im Martin-Gropius-Bau
Der Martin-Gropius-.Bau zeigt das Gesamtwerk von Katsushika Hokusai (1790-1849), der bis heute als wichtigster Künstler Japans gilt. In der Ausstellung (26. August bis 24. Oktober) mit über 400 Leihgaben sind viele Werke zu sehen, die Japan bisher nie verlassen haben.Weitere Bilder anzeigen
1 von 10Foto: dpa
26.08.2011 13:57Der Martin-Gropius-.Bau zeigt das Gesamtwerk von Katsushika Hokusai (1790-1849), der bis heute als wichtigster Künstler Japans...

Degas subtile Aneignung japanischer Raumauffassung

Das erweist sich im Zentralraum der Ausstellung, als den man wohl mit Recht die Zusammenstellung von Werken van Goghs, Gauguins, aber auch von Edgar Degas und Whistler auffassen kann. Was bei van Gogh der elementare Zugriff ist, die Übertragung des bei den japanischen Holzschnitten Gesehenen auf seine eigene Vorstellungswelt, zeigt sich in glattem Gegensatz dazu bei Degas als subtile Aneignung fernöstlicher Raumauffassung und mit ihr der radikal subjektiven Positionierung des Betrachters, als dessen Medium der Maler fungiert. Beispielsweise das Gemälde „Orchestermusiker“ von 1872/76: groß im Vordergrund die Köpfe und Instrumentenhälse der Streicher, klein und doch als Hauptperson des Bildes die von unten beleuchtete Tänzerin auf der Bühne. Grandios!

Oder bei James McNeill Whistler die Unerkennbarkeit der physischen Welt im Nebeldunst eines lähmend grauen Farbtones – Whistler lebte damals in London –, die den Betrachter einlullt wie der japanische Regen in Hiroshiges „Platzregen über der großen Brücke von Atake“ aus dem Jahr 1857. Dieses Blatt hat der Besucher bereits zuvor sehen können, in der großartigen Abteilung „Bilder vom flüchtigen Leben“, aber er muss es im Kopf behalten und in sich wirken lassen, gerade so, wie es die Künstler des ausgehenden 19. Jahrhunderts taten.

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