Ausstellung : Klingel doch einfach mal bei mir

Neue Heimat Berlin, neue Heimat Istanbul: Das Kreuzberg Museum zeigt Lebensgeschichten von Migrantinnen. Mitten in der derzeit heftig und oft völlig undifferenziert geführten Debatte um Integration bricht die Ausstellung mit vielen Vorurteilen.

Jakob Wais
"Im Leben hätte ich nicht gedacht, dass wir Istanbul verlassen. Wer verlässt schon Istanbul?" Eva Sarioglu aus Istanbul.
"Im Leben hätte ich nicht gedacht, dass wir Istanbul verlassen. Wer verlässt schon Istanbul?" Eva Sarioglu aus Istanbul.Foto: privat

Die Geschichte einer Migration beginnt mit dem Abschied vom Leben in der alten Heimat, zurück bleiben Freunde und Familie. Wer diesen Schritt wagt, steht vor der Mammutaufgabe sich in einem anderen Land zurechtzufinden, eine fremde Sprache zu lernen und den Alltag in einer Welt zu meistern, die auf völlig anderen Bräuchen und Sitten fußt.

Die Ausstellung „Erinnerungen an eine neue Heimat“ im Kreuzberg Museum erzählt 14 Lebensgeschichten deutscher und türkischer Frauen, die diesen Schritt gewagt haben. Die Türkinnen kamen in den sechziger Jahren als Gastarbeiterinnen nach Deutschland. Ihre Kinder sind oftmals in Berlin geboren, viele haben einen deutschen Pass.

Wer den umgekehrten Weg ging und dem Nachkriegsdeutschland den Rücken kehrten um am Bosporus einen Neuanfang zu wagen, tat das häufig aus Liebe. Andere hofften auf eine bessere Zukunft in dem geheimnisvollen fremden Land und wieder andere sind in der Türkei als Kinder deutscher Facharbeiter geboren. Ihre Geschichten sind in Deutschland kaum bekannt und nur wenige wissen von der gut vernetzten Gemeinde der Bosporus-Deutschen.

Vor zwei Jahren begann eine Gruppe in Istanbul lebender deutscher Journalisten und Künstler, die Geschichten der deutschen Frauen für ein Buch zu sammeln. Dabei entstanden auch anrührende, stimmungsvolle Fotografien, und schließlich beschloss die Gruppe um Dorte Huneke und Daniel Grütjen, auch mit türkischen Migrantinnen in Berlin zu sprechen. Herausgekommen ist eine Ausstellung, die nun nach Stationen in Istanbul, Izmir und Ankara dort angekommen ist, wo sie unbedingt hingehört: im Kreuzberg Museum unweit vom Kottbusser Tor, gewissermaßen im Herzen des türkischen Berlin.

Mitten in der derzeit heftig und oft völlig undifferenziert geführten Debatte um Migration und Integration bricht die Ausstellung mit vielen Vorurteilen. Als erstes fällt das Klischee vom verschüchterten Kopftuch-Hausmütterchen, das seinem Mann nach Deutschland folgte. Die meisten der sieben porträtierten türkischen Frauen gingen auf eigene Faust nach Berlin, sie kamen um zu arbeiten oder zu studieren, nur nicht um zu bleiben. Heute ist Berlin ihre Heimat geworden. „Ich dachte, wenn ich in Rente bin, gehe ich zurück in die Türkei“, sagt die 63-jährige Atiye Altül. „Aber nach längerer Zeit dort bekomme ich Sehnsucht nach Berlin. Meine Vergangenheit ist hier.“ In der Türkei fühlt sie sich heute wie ein Fisch an Land, sie sei Berlinerin, auch wenn Menschen wie Thilo Sarrazin das nicht so sähen.

Am Abend der Eröffnung platzt das Kreuzberg Museum aus allen Nähten. Von überall her müssen Stühle herbeigetragen werden, viele Besucher stehen. Trotzdem entsteht schnell eine freundschaftliche Atmosphäre. Es wird gegessen, getrunken und gelacht. Neben türkischem Gebäck und Tee werden Bier und Erdnüsse gereicht. In Kreuzberg hat die von Politikern angemahnte Integration längst stattgefunden. Für viele der älteren Gäste ist es ein gemeinsames Erinnern, und doch hat die Co-Kuratorin Dorte Huneke das Gefühl: „Wir kommen gerade noch rechtzeitig“. Sie ist froh, ihren Teil zu einer Diskussion beizutragen, die mehr von Vorurteilen als von Fakten bestimmt wird.

Die Kuratoren wollen aufklären, Missverständnisse ausräumen, Interesse wecken und Denkblockaden brechen. Große Plakatwände, im Kreis angeordnet , dokumentieren Gesprächen der deutsch-türkischen Paare. Es kommt das Gefühl auf, im Wohnzimmer der eigenen Großmutter zu sitzen. Doch man erfährt vieles, was man so noch nicht gehört hat.

Vom ersten Gehalt ein Flugticket für den Ehemann. Atiye Altül.
Vom ersten Gehalt ein Flugticket für den Ehemann. Atiye Altül.Foto: Miriam Reer

Dabei waren viele der Zeitzeuginnen anfangs zurückhaltend. „Habe doch gar nichts zu erzählen“, war die erste Reaktion einer Dame. Das Gegenteil ist der Fall: Die alten Fotografien und die ernsten Gespräche geben tiefe Einblicke in ganz private Momente der Geschichte. Dazu blitzt immer wieder eine Sorte Humor auf, für die es einige Lebenserfahrung braucht.

Zwei Filme fassen die Interviews zusammen, in jeweils 45 Minuten werden die Frauen hinter den Erzählungen sehr lebendig. Vor dem Verlassen des Museums trifft der Besucher noch einmal auf die 14 alten Damen, als Gruppe arrangiert schmunzeln sie von großformatigen Porträts herunter.

Die deutschen Migrantinnen in Istanbul kämpfen mit anderen Problemen. Sie werden herzlich empfangen, ihr Ansehen in der türkischen Gesellschaft ist hoch. Die jungen Frauen genießen die Offenheit ihrer Gastgeber, Weihnachtsbäume werden besorgt und doch bleiben viele unter sich. Ihre rechtliche Situation ist problematisch, alle fünf Jahre müssen die Frauen ihre Aufenthaltsgenehmigung verlängern lassen. Wer als Ausländer ein Auto anmeldet, erhält ein speziell markiertes Kennzeichen, die Staatsangehörigkeit bekommt nur, wer bereit ist einen türkischen Namen anzunehmen. „Ich frage mich, was die Türken in Deutschland sagen würden, wenn Hüseyin plötzlich Hubert heißen müsste?“, fragt Claudia Yilmaz von die „Brücke“. Der Verein befasst sich seit Jahren mit der rechtlichen Situation deutscher Frauen in Istanbul.

Die Geschichten der alten Damen vom Bosporus zeigen die Türkei als tolerantes und freundliches Einwanderungsland. Sie verheimlichen aber nicht, dass auch die deutsche Gemeinde in Istanbul rechtlich und in ihrer Religionsausübung gerne freier wäre. Die türkischen Einwanderinnen ziehen ein positives Resümee. Einige haben gute Freunde unter den Deutschen gefunden, manche würden sogar einfach so an der Tür klingeln ohne vorher anzurufen, begeistert sich Seher Aral. Berlin ist ihre Heimat, sie leben gerne in Deutschland, obwohl man es ihnen nicht immer leicht gemacht hat.

Zwischen all den Erinnerungen und Erzählungen findet sich auf einer Plakatwand unter der Überschrift „Die Türken und Ich“ eine traurige Anklage in kleinen grünen Buchstaben: „Als Kennedy sagte: ,Ich bin ein Berliner‘, hat das die ganze Welt gehört. Wir sagen seit Jahren, dass wir Berliner sind. Aber uns hört niemand.“

Kreuzberg Museum, Adalbertstr. 95A, bis 6. Februar, Mi-So 12-18 Uhr, Eintritt frei

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