Ausstellung : "Kraftwerk Religion": Das Heilige, das Eilige

Eine Ausstellung im Dresdner Hygiene-Museum erforscht das "Kraftwerk Religion". Frei von Alarmismus und Pathos soll das geschehen, wenngleich der Komplex durch Terrorismus und Wertedebatten tagespolitisch aufgeladen ist.

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Foto: Judith Albert, Zürich

Der Himmel ist ein vierter, allerletzter Säulen-Raum mit filzbespannter Tribünenschräge, auf der rote Kissen liegen. Davor braune Bänke, ein summender Beamer. Auf der Leinwand bereiten sich Menschen für etwas Besonderes vor. Wir fläzen uns auf die Schräge, Kissen unterm Kopf, strecken die Knochen, schließen die Augen, öffnen sie. Menschen in Casablanca, Mailand, Rangun, Peking, Port Elizabeth, Dresden, Budapest, Jerusalem werfen sich zu Boden. Sie legen bunte Gewänder oder Kopfbedeckungen an, bemalen sich, singen, rezitieren aus rätselhaften Lettern, in Pagoden, Moscheen, Kirchen, Synagogen. Manchmal schwingen ihre Körper emphatisch. Manchmal verharren sie brettsteif. Diese Zuflucht, in der wir erleben, wie würdig, inbrünstig, selbstverständlich weltweit gebetet wird, ist ein ruhiger, leerer Ort der schönen Bilder, wo man gern hingeht. Doch der Weg dorthin führt durchs Jammertal der Gegenstände.

Mit „Kraftwerk Religion“ behandle das Deutsche Hygiene-Museum eine Thematik, der man sich im Kernland der Reformation, einer der heute religionsfernsten Regionen Europas, ohne den 11. September 2001 nie genähert hätte, sagt Direktor Klaus Vogel. Frei von Alarmismus und Pathos solle das geschehen, wenngleich der Komplex durch Terrorismus und Wertedebatten tagespolitisch aufgeladen sei. Wer die spannenden kulturwissenschaftlichen, aber an spirituellen Berührungspunkten bislang eher spröde agierenden Unternehmungen des Dresdner Hauses kennt, durfte auf diese Untersuchung gespannt sein. Der Titel weckt die Erwartung, hier werde eine Energiequelle der Menschheit, das Zwischenlager ihrer strahlenden ideologischen Brennelemente, problematisiert – oder auch die schadstoffreiche Emission opiumähnlicher Vertröstungskokelei.

Stattdessen verwandeln die Gestalter ihre Vorhimmel-Säle („Religionen in der Gesellschaft“, „Gemeinschaften“, „Offenbarungen und letzte Fragen“) in eine Messie-Höhle der 300 (gefühlt: dreitausend!) Exponate. Dutzende von Monitoren – diese banalen Symbole technokratischer Transzendenz – servieren Interviews, Statistiken, Filmchen über dies und das. Projektoren werfen Buchstabensuppen kluger Sätze an alle Wände. Als Unterlage der Präsentation dienen wulstige Filzgebirge, die auf glattem Metallboden Geborgenheit signalisieren sollen und im vorletzten Raum aufstrebende Pyramidenform annehmen. Unbedingte Distanz zu der Geschichte, die sie unparteiisch vorführen möchten, und das Unvermögen, eine global passende Definition von Religion zu finden, verführt die Ausstellungsmacher dazu, ihr Sujet radikal zu objektivieren. Am Ende bleibt fast nur ihre Perspektive auf das Beinhaus der Objekte übrig.

Wer sich in Dresden durch die didaktisch ambitionierte Rumpelkammer der Asservate quält, entwickelt Nachsicht für jene Berliner Kirchenleute, die so verbissen LER bekämpften, weil sie einem missglückten Ethikunterricht des leidenschaftslosen Nebeneinanders wenig Gutes zutrauten. Dass selbst Religionswissenschaftler sich der Zumutung des „hermeneutischen Zirkels“, der Interaktion von Erfahrung und Vermittlung, stellen müssten, ist dieser Darstellung nicht anzumerken. „Wer ist wir?“, pointiert ein Navid Kermani-Zitat den Konflikt zwischen metaphysischer, institutioneller Einheit und diesseitigem Pluralismus; eben an diesem Punkt mogelt sich die Schau aus dem Dilemma. Der Überblick übers große Ganze wird an Monitore delegiert; eine ästhetisch schlüssige Inszenierung für „gemeinsame Erfahrung“, für überwältigende Harmonie, für „das Heilige“ oder seine verbrecherische Perversion, traut man sich nicht zu – nur den Kuschelfilz des spießigen Mittelmaßes.

So dominiert letztlich die Kollektion kleinster Nenner den Rundgang: Spielfiguren, Sticker, Puppen, Püppchen, Wasserfläschchen, Tintenfass (aus Heiligen-Nachlass), Voodoofiguren, Amulette, Röntgenbilder (von Wunderheilung), Votivgliedmaßen, Kollektenbüchsen, Pilgerfotos, Priesterkäppis, Ikonen, bolschewistische Cartoons, ein Diakonissen-Puppenhaus, ausgestopfte Opfertiere. Gott der Herr hat sie gezählet, dass uns auch nicht eines fehlet.

„Kann man alles falsch machen?“, fragt eine Projektion im Saal der Offenbarung. Thomas von Aquins hoffnungsvolle Antwort („Gutes ohne Böses kann es geben, Böses ohne Gutes nicht“) ist in dieser Kraftwerk-Beschreibung nicht vorgesehen. Aber dann rettet uns – auf der Suche nach dem verpassten mysterium tremendum et faszinosum, dem Geheimnis des Schreckens und der Liebe –, wieder mal die Kunst. Am Ausstellungseingang hat den Besucher noch vor allen paradierenden Wandergöttern Maneki Neko angelockt, jene Winke-Katze aus Japan, die – made in China – millionenfach reproduziert den Weltmarkt der Glücksbringer erobert.

Im Saal der Gesellschaft sind wir sofort, Stichwort Säkularisierung, konfrontiert mit einer vom reformatorischen Bildersturm lädierten Pietà. Aus dem 16. Jahrhundert stammt Ludovico di Caraccis „Opferung des Isaak“. Ein verzweifelnder Vater, der seinen Sohn der allerhöchsten Sinngebung anbietet; eine Mutter, die den toten Sohn im Schoß hält. Münsteraner Wiedertäufer haben diese Maria und ihren Jesus enthauptet. Ohne Hingabe, ohne Grausamkeit – keine Erlösung? Wer sich, jenseits des Curriculums der Filzpantoffeln, auf Religion einließe, würde vielleicht riskieren, den Kopf zu verlieren.

Deutsches Hygiene-Museum Dresden, bis 5. Juni 2011, www.dhmd.de

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