Ausstellung : Kreuz und Kuppel

Erben der Antike, Vorreiter der Moderne: Die Bundeskunsthalle in Bonn feiert Byzanz als Bindeglied zwischen Ost und West

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Den Reichtum Alexandrias hat zuletzt Alejandro Amenábars Historienfilm „Agora“ beschworen, der gerade in den Kinos läuft – die Pracht der größten Bibliothek der Welt, die Debatten zwischen den Wissenschaftlern und ihren Anhängern, vor allem den jungen Männern, die sich um die historisch verbürgte Mathematikerin und Astronomin Hypatia scharen. Und den Terror, den der Einbruch des Christentums 391 in diese antike Wissenschaftswelt mit sich bringt. Bärtige, ungewaschene Fanatiker in dunklen Kutten, die Wissenschaft und Kunst als Teufelszeug verdammen und Mord und Zerstörung verbreiten. Ähnlichkeiten zu heutigen fanatischen Glaubensauseinandersetzungen zwischen Christen und Muslimen sind durchaus beabsichtigt.

So ähnlich muss man sich den Einbruch der Kreuzritter 1204 nach Christus ins mittelalterliche Konstantinopel vorstellen. Auch dort existierte eine reiche Wissenschaftskultur, basierend auf den Erkenntnissen und der Pflege des antiken Wissens, verbunden mit Pracht und unermesslichen Schätzen. Die Kreuzritter, angeführt von Venezianern, die sich ihre Teilnahme am Kreuzzug vergolden wollten, fallen plündernd und brandschatzend ein, fühlen sich als Diener Gottes gegen die Ungläubigen im Recht. Der Schatz von San Marco in Venedig, der Reichtum venezianischer Kirchen und Bauten an antiken Spolien ist noch heute Beweis dieses rücksichtslosen Raubzugs. Die Kuppelgefäße, die als Reliquiare dienten, die hauchdünnen Glasschalen und prächtig ornamentierten Schmuckstücke, die Venedig für das Bonner Ausstellungsvorhaben in überwältigendem Reichtum ausgeliehen hat – sind sie nicht eher Anlass für Scham als für Stolz?

Dass 1204, nicht 1453 die eigentliche Zäsur in der Geschichte des antiken Byzanz, mittelalterlichen Konstantinopels und heutigen Istanbuls gewesen sei, das ist die These einer Ausstellung, mit der die Bundeskunsthalle in Bonn ihr ganz besonderes Gratulationsschreiben zum Kulturhauptstadtjahr nach Istanbul schickt. Mit überraschendem Erfolg: Seit der Eröffnung Ende Februar haben rund 40 000 Besucher die Ausstellung gesehen – und das, obwohl es sich um ein hochkomplexes, kleinteiliges, mit Informationen geradezu überladenes Unterfangen handelt. Eines, bei dem man genau die Bildtexte lesen muss, die kleinformatigen Exponate betrachten, mit viel Zeit und Geduld – es ist eine überfällige Nachhilfestunde über die dunklen Jahrhunderte des Mittelalters. Das Publikum weiß sie offenkundig zu schätzen.

Doch die überlieferten Objekte und Dokumente sind verschwindend gering, im Verhältnis zur Bedeutung des Themas. Das byzantinische Reich war ein Riesenreich – zur Zeit seiner größten Ausdehnung umfasste es fast den gesamten Mittelmeerraum. Nach der Plünderung durch die Kreuzritter schrumpfte es immer mehr zusammen und umfasste schließlich nur noch das Umland am Bosporus. „Glanz und Elend von Byzanz“ wäre also der passendere Titel gewesen.

Doch „Pracht und Alltag“ konzentriert sich lieber auf die lichten Momente, stellt Kultur und Kulturgutverbreitung von Ravenna bis in die Ukraine, von Serbien bis an die türkische Westküste vor. Kein Thema dabei ist die seit dem Mittelalter verächtlich gemeinte Verwendung des Begriffs „Byzantinismus“ für Personenkult und Kriechertum, für Dekadenz und Bürokratie. Kein Thema auch: Fragen von Zensur und Kulturunterdrückung, die die wechselnd muslimischen und christlichen Herrscher mit sich brachten.

Die Bundeskunsthalle präsentiert Byzanz stattdessen als Bindeglied zwischen West und Ost und als Vorbild für heutige Kulturdiskurse. Ähnlich wie schon die Sizilien-Ausstellung, die die von wechselnden Herrschern regierte Mittelmeerinsel als Schmelztiegel der Kulturen und Ort religiöser und kultureller Toleranz vorstellte, erweist sich auch Byzanz als Rom mindestens ebenbürtig. Unter Justinian prächtig ausgestaltet, Ort der Wissenschaft und des überragenden Rechtswesens, das noch das deutsche Recht im 19. Jahrhundert entscheidend prägen sollte. Noch Sultan Mehmet II., der Konstantinopel 1453 erobert und dem osmanischen Reich eingliedert, ist ein kultursinniger Mensch, tolerant gegenüber den vielfältigen Kulturen, die er vor Ort vorfindet. Nicht der Untergang des Abendlands sind die Türken in Konstantinopel, sondern im Gegenteil der Beginn einer neuen kulturellen Blüte. Als solche werden sie auch im Mittelalter wahrgenommen.

Die Hagia Sophia als Prunkbau der neuen Welt wird in leuchtenden Rekonstruktionen präsentiert, das verwirrende Zahlensystem, nach dem sie erbaut ist, in einem Film rekonstruiert. Wie überhaupt die Computerrekonstruktion in der Ausstellung Triumphe feiert. Egal, ob die byzantinischen Bauten in Ephesos oder die frühchristlichen Kirchen von Ravenna, die orthodoxen Kirchenbauten von Thessaloniki oder die Wallfahrtsorte von Aleppo – die Computeranimateure lassen sie wiedererstehen, besser als es jedes Real-Modell vermöchte. Das ist auch eine Anleitung zum Gedankenreisen: die Bergstadt Monemvasia auf einer kleinen Insel des Peloponnes, von der aus sich der Schiffsverkehr im Mittelmeer überwachen ließ, oder die Höhlenstadt Cherson in der Ukraine, die Planstadt Caricin Grad in Serbien oder die prachtvollen Paläste auf der Krim – man möchte am liebsten gleich losreisen auf der Byzanz- Route, die in Bonn ausgelegt wird. Schon das rechtfertigt den Erfolg.

Byzanz: Pracht und Alltag. Bundeskunsthalle Bonn, bis 13. Juni, Katalog 32 €

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