Ausstellung "Krieg und Frieden" in Dresden : Der Konflikt dauert an

Großprojekt an drei Orten in Dresden: Die Ausstellung "Krieg und Frieden" fragt nach den Nachwirkungen der Gewalt überall auf dem Globus - vom Ersten Weltkrieg bis heute.

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Anfänge des Luftkriegs. Jahrelang flogen Maschinen der österreichísch-ungarischen Luftwaffe Angriffe gegen Venedig. Die Stadt wurde im Ersten Weltkrieg von über tausend Bomben getroffen.
Anfänge des Luftkriegs. Jahrelang flogen Maschinen der österreichísch-ungarischen Luftwaffe Angriffe gegen Venedig. Die Stadt...Foto: Fondazione Musei Civici die Venezia/ Archivio Museo Fortuny

Rund 100 Jahre liegt der Beginn des Ersten Weltkriegs zurück, rund 75 der Zweite. Auf dessen Ende folgte zumindest in Europa ein halbes Jahrhundert Frieden, obwohl ausgerechnet die ersten drei Jahrzehnte dieser Zeitspanne als „Kalter Krieg“ an der Schwelle zum offenen Militärkonflikt bezeichnet werden mussten. Heute, nach der Erfahrung von 20 Jahren unerklärter und asymmetrischer Kriege an allen Ecken der Welt, manche sogar innerhalb Europas, gilt der zwar bedrohliche, aber doch sorgsam eingehegte Kalte Krieg beinahe schon als Epoche der Stabilität.

Doch das gilt nur unter der Bedingung gnädigen Vergessens. Denn Krieg herrscht nicht nur in den Momenten, da Menschen zu Tode gebracht werden. Krieg dauert an, in der Köpfen und mehr noch den Empfindungen. Der Krieg geht nicht wirklich zu Ende, das ist die Botschaft, die die Fotografie-Ausstellung „Conflict, Time, Photography“ vermittelt. Die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden haben sie vom Museum Tate Modern in London übernommen und um zwei weitere Ausstellungen zur Fotografie des Krieges ergänzt. Zum einen zeigt das Kupferstichkabinett 110 der im vergangenen Jahr von einer Münchner Galerie erworbenen und zuvor auf der Messe „Paris Photo“ präsentierten 146 Aufnahmen des berühmten, 1954 im Indochina-Krieg ums Leben gekommenen Robert Capa – ausschließlich aus dessen Einsatz als offizieller Reporter der Amerikaner zwischen 1943 und 1945. Zum anderen wird im leider von den Touristenrouten entfernten Japanischen Palais am anderen Elbufer eine hochinteressante Dokumentation über Venedig im Ersten Weltkrieg gezeigt, über Schutzmaßnahmen und Zerstörungen, die zumindest nördlich der Alpen kaum je bekannt geworden sind.

Die Spuren des Krieges

Die Hauptausstellung erfüllt die Erwartung an Fotografie „des“ Krieges und unterläuft sie zugleich. Denn sie ist weder nach Kriegsschauplätzen organisiert noch folgt sie der geschichtlichen Abfolge. Ihre Chronologie ist eine andere: Sie beginnt mit Aufnahmen „Augenblicke danach“, dann folgen Bilder aus dem Abstand von Wochen, Monaten, Jahren schließlich Jahrzehnten zum gewaltsamen Konflikt. Der subjektive Blick, den der Fotograf auf das noch gegenwärtige oder bereits entfernte Ereignis des Krieges richtet, kommt zum Ausdruck. Je weiter der Krieg zurückliegt, desto weniger kann das Ereignis selbst veranschaulicht werden. Es sind die Spuren, die der Krieg in Landschaften und Gesichter eingegraben hat, die von der Fotografie erkannt werden.

Es verwundert nicht, dass die Atombombenabwürfe auf die japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki im Sommer 1945 das in der Ausstellung am umfangreichsten behandelte Ereignis bilden. Denn die blitzartige, auf den denkbar kleinsten Moment verdichtete Explosion zeitigt zugleich die langwierigsten Folgen, sie wirkt in den von ihr versehrten Menschen bis zur späten, von einem gnadenlosen Schicksal lediglich aufgeschobenen Zerstörung fort. Jeden Vergleich mit Bekanntem übersteigende Ansichten der Atompilzwolke, die sich nach der Zündung über Hiroshima auftürmt, bilden den Auftakt der Ausstellung, erschütternde Porträts versehrter Körper und Gesichter folgen, dazu Aufnahmen von unter Hitze und Strahlung surreal eingeschmolzenen Gegenständen. Eine große Vitrine mit japanischen Publikationen zum Atomangriff lässt ahnen, wie tief sich dieser Epochenbruch ins kollektive Bewusstsein eingegraben haben muss.

Einzig die Bilder des im Feuersturm des Februar 1945 ausgelöschten Dresden vermitteln ein ähnliches kollektives Trauma. Richard Peter sen. stieg auf die übrig gebliebenen Turmruinen, um die ausgeglühten Mauern der Innenstadt als Menetekel neuzeitlicher Kriegsführung zu dokumentieren – oder doch eher zu inszenieren, wie seine berühmte Aufnahme mit einer engelsgleichen Turmfigur vor dem Hintergrund der Ruinenlandschaft belegt.

Zwischen Ereignis und Abbild

Mit wachsendem zeitlichen Abstand werden die Spuren zugleich schwächer und stärker; schwächer, weil die zerstörten Objekte sich abschleifen, und stärker, weil sie in die Landschaft einsinken und mit ihr etwas Neues bilden. Wie die umgekippten Betonbunker der Wehrmacht am Atlantik, die Jane und Louise Wilson 2006 beobachtet haben, darin Paul Virilio folgend, der 1975 mit dem Fotobuch „Bunker Archéologie“ erstmals die verdrängten Kriegsspuren zum Gegenstand der Reflexion gemacht hatte.

Noch ältere, buchstäblich verwehte Spuren hat Ursula Schulze-Dornburg 2003 in Randbezirken Saudi-Arabiens aufgespürt: Reste der Hedschas-Bahn, die das deutsche Kaiserreich dem verbündeten Osmanischen Reich zur Sicherung von dessen territorialer Ausdehnung spendieren wollte. Der Bau der Bahn wurde nie fertiggestellt. Hier ist es bereits ein ganzes Jahrhundert, das Ereignis und Abbild trennt. Geringer ist der Abstand in Berlin, das Michael Schmidt 1980 in den trostlosen Ansichten eines von Baulücken und Brandmauern gekennzeichneten Kreuzberg erfasste. Harry Shunk und János Kender hingegen beobachteten Mitte der sechziger Jahre die Berliner Mauer, das Symbol der Blockteilung und des Kalten Krieges schlechthin.

Den heißen Krieg hat Robert Capa zwischen 1943 und 1945 als amerikanischer Bildberichterstatter begleitet. Er blieb monatelang auf Sizilien, als die Befreiung Italiens nicht vorankam, und er war am D-Day an der Küste der Normandie, wo im Morgengrauen die ersten Truppen unter deutschem Sperrfeuer an Land gingen. Capas Fotos gingen via London als „wire prints“ in die USA, um die amerikanische Öffentlichkeit über den Vormarsch der Alliierten zu informieren. Anders als die sorgfältig komponierten Bilder der Hauptausstellung sind Capas Schnappschüsse reine Momentaufnahmen. Die schockierende Bildsequenz des beim Häuserkampf in Leipzig verbluteten GI schließlich wird zum überzeitlichen Memento mori.

Hervorragende Gestaltung und Präsentation

Venedig schließlich mag als der sonderbarste Schauplatz des modernen Krieges erscheinen. Dabei fanden hier ab 1915 die ersten Bombardements aus der Luft statt, angerichtet von Fliegern des Habsburgerreichs, das sich mit Italien die erbittertsten Kämpfe lieferte. Die dank großformatiger Plattenkameras messerscharf zeichnenden Aufnahmen dokumentieren den Schutz historischer Bauwerke wie des Dogenpalastes mit Sandsäcken und Holzstützen oder die Einhausung des Colleoni-Reiterdenkmals. Und sie zeigen die gravierenden Beschädigungen durch die insgesamt 1024 abgeworfenen österreichischen Bomben, vor allem die Zerstörung der Scalzi-Kirche mit dem grandiosen Deckenfresko Tiepolos. Die Ausstellung aus Beständen der Städtischen Museen Venedigs hat Museums-Generaldirektor Hartwig Fischer spontan aus der Lagunenstadt besorgt.

Allen drei Ausstellungen gemeinsam ist die hervorragende Gestaltung und Präsentation. Capas Fotos hängen sorgsam gereiht auf grauen Wänden, die dokumentarischen Venedig-Fotos in luftigen Gestängen aus Latten und Faserplatten. Die Hauptausstellung glänzt mit dem eleganten Arrangement der einzelnen, jeweils aus mehreren Fotografien bestehenden Beiträge, mal dicht gedrängt, mal auf Abstand, in unterschiedlichen Rahmen und teils auch als komplexe Installation – etwa der zum Bürgerkrieg im Kongo von Jim Goldberg und Kamel Khélif.

Der Schauer des Erhabenen

In der Eleganz dieser Präsentation steckt allerdings auch ein Problem. Denn die ästhetische Darbietung ermöglicht dem Betrachter eine Distanz, die jedenfalls zu den Aufnahmen unmittelbarer Kriegshandlungen keineswegs passt. Der Vergleich der oft unter Lebensgefahr „geschossenen“ Aufnahmen Capas mit deren Verwendung in – beispielhaft ausgestellten – amerikanischen Zeitschriften verdeutlicht es: Dort wurden die zuvor nach Belieben beschnittenen und retuschierten Fotos als brandaktuelle Nachricht gedruckt, bisweilen vier auf einer Doppelseite, in einer der damaligen Technik der Übertragung per Telefax geschuldeten Ruppigkeit. Im Museum hingegen werden die Fotos zu Ikonen überhöht.

Aber geht es anders? Wohl kaum. Von Tod und Zerstörung geht der Schauer des Erhabenen aus, des Sublimen, das sich seit Aufklärung und Romantik tief in unsere Ästhetik eingewurzelt hat.

Dresden, Albertinum, Kupferstichkabinett im Residenzschloss sowie Japanisches Palais, bis 29. Oktober. Katalog zur Hauptausstellung (Englisch mit deutschem Beiheft) 29,95 €. Nähere Infos unter www.skd.museum/de

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