Ausstellung "Kultur:Stadt" : Urbane Herzkammern

Sydney, Bilbao, Berlin: eine Ausstellung in der Berliner Akademie der Künste zeigt, wie Kulturbauten die Metropolen prägen - und einzelne Quartiere weiterentwickeln.

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Aufwertung. Die für die Bevölkerung kostenfreie Biblioteca Espana in Medellin thront über einem Armutsviertel.
Aufwertung. Die für die Bevölkerung kostenfreie Biblioteca Espana in Medellin thront über einem Armutsviertel.Foto: Iwan Baan

Mehr als sieben Stunden nimmt die Betrachtung des in der Ausstellung gezeigten Materials in Anspruch, hatte Kurator Matthias Sauerbruch bereits vorab gewarnt. Da muss selbst der berufsmäßige Besucher schlucken. Auch für umfangreiche Ausstellungen gelten zwei Stunden Aufenthaltsdauer als guter Durchschnittswert. Andererseits besteht das Paradox einer Architekturausstellung – und darum handelt es sich bei „Kultur:Stadt“ in der Berliner Akademie der Künste am Hanseatenweg – darin, dass die Zeit für die bewusste Betrachtung von Fotos begrenzt ist, wir im Alltag aber ununterbrochen inmitten von Architektur leben, uns in ihr bewegen und ihren Einflüssen ausgesetzt sind.

Darum geht es auch in dieser Ausstellung: Was macht die Architektur, was kann sie bewirken? Und zwar die besondere Sparte der Architektur von Kulturbauten, Museen und Bibliotheken zumeist, die anders als andere Sparten von Bauten kultureller Zwecke den überwiegenden Teil des Tages und der Woche geöffnet und spontan zugänglich sind, also beständig ihre Wirkung auf das Publikum entfalten können. Matthias Sauerbruch, der zusammen mit Louisa Hutton in Berlin eines der eigenwilligsten und zudem in Sachen Kulturbauten erprobtesten Architekturbüros leitet, hat die heikle Aufgabe übernommen, aus der Vielzahl von Kulturbauten weltweit eine Auswahl von 37 Projekten herauszufiltern, ein eigenes Vorhaben eingeschlossen. In fünf Kategorien geordnet, will die Ausstellung die Möglichkeiten dieser im besten Sinne öffentlichen Architektur aufzeigen.

„Kulturbauten nehmen eine Rolle wahr, die über die reine Veranstaltung von Kultur oder Theater hinausgeht, weil sie als Kristallisationspunkte für Gemeinschaft dienen,“ formuliert Sauerbruch die Hauptthese der Schau. Das ist durchaus kein Phänomen der jüngsten Zeit – Stadttheater beispielsweise haben stets der Selbstdarstellung des Bürgertums gedient. Freilich ist der Erfolg der Museen eine neue Erscheinung; Ausflugsziele des Massentourismus waren sie früher nicht. Bestes Beispiel ist immer wieder Bilbao, wo das Guggenheim Museum des Dekonstruktivisten Frank Gehry eine Million Besucher pro Jahr anzieht. Allerdings, und das wird beim „Bilbao-Effekt“ gerne übersehen, ist das Museum nur die Spitze einer umfassenden Erneuerung, ein komplettes U-Bahn-Netz mit Stationen von Norman Foster eingeschlossen.

Die erste Halle der Ausstellungsräume am Hanseatenweg ist den mittlerweile ikonischen Gebäuden gewidmet, jene, die das Thema Kulturbauten überhaupt erst in die Aufmerksamkeit der Politik gerückt haben. Das weltberühmte Opernhaus von Sydney; das Centre Pompidou, das als „Kulturmaschine“ Paris 1977 in die Gegenwart katapultierte; aber auch das Berliner Kulturforum, das zu Recht als Versuch der Urbanisierung durch Kultur gewürdigt wird.

Vorurteile haben Sauerbruch und sein Mitkurator Wilfried Wang, ehemaliger Direktor des Deutschen Architektur-Museums in Frankfurt am Main, glücklicherweise nicht. Das macht die Ausstellung so angenehm und lehrreich dazu. Die unterschiedlichsten Spielarten von Architektur werden vorgestellt, übrigens durchweg in Modellen, die für sich schon die wunderbarsten Kunstwerke abgeben. Ob Zaha Hadids computergeneriertes Opernhaus im chinesischen Guangzhou, Volker Staabs behutsamer Umbau einer Stadtsparkasse zum Museum Gunzenhauser in Chemnitz, die kantig gefaltete Stadtbibliothek Seattle vom holländischen Büro OMA oder aber Max Dudlers klassizistisch strenge Uni-Bibliothek in Berlin. Auch temporäre, nicht an Architektur gebundene Projekte wie die Detroiter Suppenküche der Künstlerinnen Kate Daughdrill und Jessica Hernandez („$ 5 for soup, salad, bread, and a vote!“), finden Platz in diesem „Panorama von 1950 bis in die Zukunft“, wie Sauerbruch schwärmt.

Nur wird die eigentliche These, dass nämlich Kulturbauten die Herzkammern öffentlichen Lebens bilden können, in der Ausstellung nicht recht ersichtlich. Nur drei der Modelle beziehen den städtischen Umraum ein und lassen zumindest erahnen, wie sich die exquisite Architektur in banaler Umgebung ausnimmt. Bilbao, dann die Londoner Tate Modern als ehemaliges Kraftwerk in einem vernachlässigten Quartier, schließlich Sauerbruch/Huttons Vorhaben in Mestre, der hässlichen Schlafstadt vor Venedig, die endlich etwas vom Kulturkuchen abbekommen soll: in Gestalt des dynamisch dreieckigen Museums „M 9 Museum für das 20. Jahrhundert“.

Mehr, viel mehr Information – Sauerbruchs Sieben-Stunden-Warnung ist also ernst zu nehmen – gibt es auf einer App (auf ausleihbaren iPads) zu lesen, wunderbar ausführlich mit Bildern, Texten, Interviews, aber eben nur mehr auf dem Bildschirm. Vor den Modellen weisen Nummern auf die entsprechende Stelle im virtuellen Rundgang hin. Der Katalog, nobel gestaltet, wird nur mehr als Ergänzung verstanden. Das Medium der Ausstellung beginnt sich aufzulösen – und feiert mit den 37 Modellen doch noch einmal einen Triumph.

Hanseatenweg 10, bis 26. Mai, Di-So 11-19 Uhr. Katalog bei Lars Müller, 29,99 €. – Ausleihe der iPads gegen Personalausweis. Infos: www.adk.de/kulturstadt

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