Ausstellung "Last Sighting" : Ohne feste Bleibe

Drei Künstler, eine eindringliche Szene: „Last Sighting“ in der Berliner daadgalerie befasst sich mit prekären Transitzonen.

Johannes Metternich
Skulptur von Vlassis Caniaris in der daadgalerie.
Skulptur von Vlassis Caniaris in der daadgalerie.Foto: daad galerie

Erschöpft fährt sich die dürre Gestalt mit dem Handrücken über die Stirn, als wolle sie den Schweiß eines langen Arbeitstages abwischen. Ihr Gegenüber betrachtet sie gleichgültig, die Hände schlaff in den Hosentaschen. Ein Dritter beobachtet die beiden aus einigem Abstand, die Schultern zusammengefallen im karierten Jackett, das früher einmal besser passte.

Die zu weiten Stoffhosen mit Bügelfalte und abgetragenen Lederschuhe sehen betont unauffällig aus, nicht allerdings die schroffen Formationen aus Gitterdraht und Papier, die anstelle von Köpfen aus ihren Krägen ragen. In diesen Skulpturen stellte der griechische Künstler Vlassis Caniaris 1975 einst Gastarbeiter in Deutschland dar. Jetzt zeigt sie die daadgalerie in der Zimmerstraße erneut, um mit Werken weiterer zeitgenössischer Künstler einen „Augenblick in einer prekären Transitzone“ abzubilden, wie es das Programm beschreibt.

Den Rahmen dafür geben fünf Digitaldrucke des rumänischen Architekturbüros studioBASAR vor, die Behausungen auf den Bürgersteigen von Bukarest dokumentieren. Die Fotografien zeigen Hütten aus Hausrat, Decken und Plastikplanen, von Opfern der Bukarester Gentrifizierung an Hauswände gezimmert. Die Unterkünfte sind allerdings mehr als bloße Baracken: Zusätzliche Grundrissskizzen und Studien der Interieurs zeigen ausgeklügelte Raumplanungen mit getrennten Wohnbereichen und elektronische Geräte wie Kühlschränke. Die Bewohner richten sich fast wie in normalen Wohnungen ein – doch bleiben diese, aus der Not heraus auf den Asphalt gebaut, provisorisch und prekär.

Wolf von Kries nähte Umzugsdecken zusammen

Geradezu diesen Fotos entnommen erscheint Wolf von Kries’ Teppich, den der Berliner Künstler aus zahlreichen Umzugsdecken aus verschiedenen Ländern zusammennähte. Als mögliche Wandverkleidung etwa materialisiert das raue, graue Filzflickwerk die Bukarester Hütten im Galerieraum. Zwischen den Fotografien und Caniaris’ Skulpturen drapiert, lädt von Kries’ Textil zudem zur Verbindung der beiden Werke ein: Die hageren Gestalten der Gastarbeiter lassen sich auch als rumänische Wohnungslose denken, denen sich der Teppich als improvisiertes Möbelstück in ihrer Bude auf dem Bukarester Trottoir anbietet.

Die drei unabhängigen Arbeiten verbinden sich so zu einer lebendigen Szene mit Kulisse, Requisite und Akteuren. Sie fängt das von studioBASAR dokumentierte Leben zwischen Haus und Straße, zwischen festem Wohnsitz und Obdachlosigkeit ein – und schafft es, die Abstraktion der „prekären Transitzone“ mit einem eindrücklichen Beispiel zu füllen.
daadgalerie, Zimmerstraße 90, Mitte, bis 09.01.2016, Mo-Sa 11-18 Uhr

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben