Ausstellung : Löcher in der Wirklichkeit

Die kanadischen Künstler Janet Cardiff & George Bures Miller erhalten den Käthe-Kollwitz-Preis und zeigen ihre klingenden Skulpturen in Berlin.

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Teufelswerk. „The Killing Machine“ (2007) wurde von Kafkas Erzählung „In der Strafkolonie“ inspiriert.
Teufelswerk. „The Killing Machine“ (2007) wurde von Kafkas Erzählung „In der Strafkolonie“ inspiriert.Foto: Seber Ugarte & Lorena Lopez

Harmlos sieht sie aus, die „ Killing Machine“ von Janet Cardiff & George Bures Miller. In einem Metallrahmen steht ein Zahnarztstuhl, mit flauschigem Webpelz bezogen. Darüber erheben sich zwei staksige Roboterarme. Doch sobald die Betrachter den roten Startknopf drücken, beginnt ein diabolischer Tanz. Durch Mark und Bein fährt es einem, wenn dann das Cello jault, die Gitarre winselt und die Roboter mit zischenden Pressluftnadeln auf ihr unsichtbares Opfer niedersausen. Für ihre Skulpturen haben Janet Cardiff & George Bures Miller am Montagabend in der Akademie der Künste den mit 12 000 Euro dotierten Käthe-Kollwitz-Preis 2011 erhalten. Die Künstler spürten „den Ur-Ängsten und großen Gefühlen nach, um die Grenzen von Wahrnehmung und Fiktion aufzuheben“, begründete Wulf Herzogenrath die Wahl der Jury. Nach dem Turner Prize 2010 für die schottische Soundartistin Susan Philipsz ist dies erneut eine Preisentscheidung für Künstler, die Körper und Räume mit Klängen erzeugen.

In einer Ausstellung am Pariser Platz lässt sich nun erleben, wie komplex und subtil Janet Cardiff & George Bures Miller den Ton einsetzen. Das Duo lebt in British Columbia und in Berlin, dennoch waren hier bisher nur einzelne Werke zu sehen. Zuletzt das vergnügliche „Ship O’ Fools“, das vor dem HAU Fluch-der-Karibik-Flair verbreitete. Im Inneren des kleinen Bootes glucksten und gluckerten Flüssigkeiten, Wellen rauschten aus alten Radios und dem Meer. In der Kajüte entstand eine turbulente Traumwelt für Piraten auf Probe.

Mit „The Killing Machine“ näher verwandt ist die düstere Totenklage „Murder of Crows“, die 2009 den Hamburger Bahnhof erfüllte. Diese Mischung aus Träumen und Vorahnungen knüpfte an Goyas Capricho „Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer“ an und verdichtete das Gefühl zunehmender Brutalisierung nach dem 11. September 2001 zu einem bedrohlichen Chor.

Auch der „Killing Machine“ aus dem Jahr 2007 liegt eine Vorlage zugrunde, die Erzählung „In der Strafkolonie“ von Franz Kafka. Darin beschreibt Kafka eine perfide Folterbank, auf der dem Verurteilten seine Strafe so lange in die Haut geätzt wird, bis er stirbt. Die Arbeit von Cardiff & Miller entstand aus einer Installation, die das Duo für eine stillgelegte Haftanstalt in Pennsylvania entwickelte. Sie versteht sich als Reaktion auf die Todesstrafe in den Vereinigten Staaten. In ihrer Quintessenz erinnert sie an Bruce Naumans „Musical Chairs“, hängende Stahlträger, die auf Erzählungen von Folteropfern in Lateinamerika zurückgehen. Auch Nauman bohrt mit metallischem Klang direkt am Nerv.

Die Künstler spielen mit den Trieben, mit der Neugier und der Lust am Lauschen. Dafür kommt ihnen die Aufnahmetechnik des Kunstkopfmikrofons zu Hilfe, das räumliche Klangerlebnisse nachbilden kann. Beim alten Jäger Mensch sind die Augen nach vorne ausgerichtet, nur das Hören findet hinterm Rücken statt. Die Geräusche erreichen die Instinkte. Dicht von hinten lassen sie die Nackenhaare zu Berge stehen. Als „Geschmacksverstärker für die Sinne“ bezeichnet Janet Cardiff die Tontechnik. Für sie entwickelt der Klang eine unsichtbare, gespenstische Präsenz.

Mit dem Wechselbad aus Nähe und Raum, aus Imagination und Aufzeichnung operiert das „Cabinet of Curiousness“, ein hölzerner Karteischrank, der ein akustisches Schlüssellocherlebnis bietet. Wenn man eine Schublade aufzieht, ertönen Geisterstimmen, mal vertraulich ins Ohr gewispert, mal fremd und fern.

Vielleicht ist es kein Zufall, dass diese Kunst aus Klang im Dialog entsteht. Bei der neuesten Arbeit „Sync no Sync“ haben Cardiff & Miller ihren Gedankenaustausch aufgenommen und spielen ihn während einer filmischen Autofahrt ab. Ton und Bild verlaufen nicht immer synchron, ebenso wie das Zusammenspiel der Ideen. „Ich will“, sagt Janet Cardiff im Film, „Löcher in die Wahrnehmung graben und damit in die Realität“.

Mal schrill, mal lockend lassen die Tonskulpturen von Janet Cardiff & George Bures Miller die Ohren spitzen. Sie erschaffen einen Grenzzustand zwischen Halbschlaf und Wachtraum, jene Stimmung, in der die Sinne am hellsten sind. Simone Reber

Käthe-Kollwitz-Preis 2011 – Janet Cardiff und George Bures Miller; Ausstellung bis 14.8. , Akademie der Künste, Pariser Platz dienstags bis sonntags 11 - 20 Uhr

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