Ausstellung : Malen bis zum Morgen

Für ihre Bilder braucht Corinne Wasmuht Monate. Sie hängen im Kanzleramt oder aktuell im Haus am Waldsee.

Christiane Meixner
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Superlative Stadt. Corinne Wasmuht vor ihrem Gemälde "U-Heinrich-Heine-Straße" (2009), das fünf Meter breit ist. -Foto: Thilo Rückeis

Abends ist sie noch einmal ans Bild gegangen. Hat die grünen Spritzer in neue Kurven gelenkt und dem Rot eine andere Struktur gegeben. Was nicht heißen soll, dass Corinne Wasmuht die Arbeit ihrer Assistenten nicht schätzt. Aber jede Handschrift ist nun einmal anders, und wenn die Malerin auf das frische Wandgemälde aus drei Händepaaren blickt, zerfällt es vor ihren Augen in einzelne Teile und bedarf der Korrektur. Immer wieder.

Das zersplitternde Bild ist typisch für Wasmuhts manischen Ansatz. Zwei ihrer jüngsten Schöpfungen hängen nach einiger Kraftanstrengung nun im Haus am Waldsee, und man weiß nicht, wohin man zuerst schauen soll. Von allen Seiten stürzen Farben und Formen. Was von ferne halbwegs figürlich wirkt, löst sich in Nahsicht völlig auf. Corinne Wasmuht blickt zufrieden auf die meterlangen Arbeiten im XXL-Format. Drei, vier massive Holzplatten, jede 60 Kilo schwer, ergeben ein Bild. „So groß und schwer wie ein Ehebett“, stellt die Künstlerin fest. Immer muss ihr einer helfen, Wasmuht kann die Platten weder allein verrücken noch an der Wand befestigen.

Weshalb sie nicht auf Leinwand malt und sich das Leben leichter macht? „Ich mag den Widerstand“, erklärt die Künstlerin, „und Leinwand wackelt.“ Holz nicht. Die Flächen werden mehrfach weiß grundiert und dann geschliffen, um mehr Licht in die Bilder zu bringen. Tatsächlich scheinen Gemälde wie „U-Heinrich-Heine-Straße“ oder „703“ von innen heraus zu leuchten – auch wenn das nicht für mehr Klarheit sorgt. In Wasmuhts Welt überlappt sich alles. Menschliche Silhouetten, Schienenstränge, Straßenstücke, giftig schillernde Farbflächen, Sprühnebel und urbane Architektur. Wasmuht legt Schicht über Schicht, bis sie schließlich nach monatelanger Feinarbeit an demselben Motiv zufrieden ist. Fertig kann man es nicht nennen.

Am ehesten gleichen die Bilder Teichen im vielfarbig spiegelnden Sonnenlicht, aus denen hier ein Stück Tiefenperspektive, dort ein Kofferraum, eine Hand oder ein blaues Hosenbein ragen. Die Wahrnehmung hüpft von einem Fragment zum nächsten, bis sich die Sinne komplett verwirren. Kein Wunder, schließlich legt Wasmuht ihre kleinen fotografischen Malvorlagen im PC so oft übereinander, dass sich ein Netz simultaner Eindrücke über die vertraute Wirklichkeit legt.

„Supracity“ heißt Wasmuhts große Einzelausstellung, die ab heute im Haus am Waldsee zu sehen ist und anschließend in die Kunsthalle Nürnberg wandert. Sie beginnt im Erdgeschoss mit neuen Exponaten der renommierten Malerin, die bis Anfang der neunziger Jahre an der Düsseldorfer Kunstakademie studierte und nun selbst Malerei unterrichtet – in Karlsruhe. Im ersten Stock der Zehlendorfer Villa reichen die Stücke zurück bis in die Achtziger. Eine Auswahl, die ganz wunderbar erklärt, wie sich Wasmuhts Bilderkosmos entwickelt hat.

Der Weg führt über „Feuer“, ein illusionäres Würfelband aus Quadraten mit immer ähnlichen Flammen- und Aschemotiven, zum benachbarten Bild „Räume“, auf dem belanglose Interieurs mit einem feinen Streifenmuster überzogen und so verfremdet sind. Es folgen „Spiegelraum“ I & II (1998), von denen Corinne Wasmuht erzählt, dass sie nie verkauft worden seien. Was man erst nicht versteht, weil die Zimmer auf den Gemälden voller witzig weicher Elemente sind, die wie Lampen von der Decke hängen oder als Sitzsack aus dem Boden wachsen. „Verdauungsorgane von Spinnen waren damals meine Vorbilder“, erklärt die Künstlerin.

Corinne Wasmuht besitzt ein enormes Bilderarchiv, das immer noch wächst. Anfangs hat sie Fotos von Haaren, Raupen oder eben tierischem Gedärm aus Magazinen ausgeschnitten. Inzwischen findet sie ihr Material blitzschnell per Computer unter Stichworten wie Blasen, Staub und Mikrokosmos. Mit solchen Inspirationen gräbt sie sich ein in ihrem Atelier, das sie erst kürzlich unweit des Alexanderplatzes bezogen hat. Nach Jahren in Altbauateliers, in denen eine ganz ähnliche Stimmung herrschte wie jetzt im Haus am Waldsee. „Oft arbeite ich Wochen vor mich hin, ohne zu merken, ob es Tag oder Nacht ist“, erzählt Wasmuht. Mit Rückzug habe das nichts zu tun. „Ich empfinde es eher als Party.“ Die Zeit rase, die Stimmung sei gut, und ehe man zweimal auf die Uhr geschaut habe, breche der Morgen an.

Dazu passt der Titel der Ausstellung. „Supracity“, das klingt, als seien Stadt und Suprematismus mit Tempo aufeinander zugerast. Als hätten sich die Welt des Gegenständlichen und das künstlerische Bekenntnis zur Abstraktion untrennbar verkeilt, als wäre im Moment des Unfalls die Zeit stehen geblieben, damit jedes Detail dieses choreografierten Aufpralls sichtbar wird – auch die für Wasmuht charakteristischen Bildstörungen, mit denen sie Anfang der neunziger Jahre international bekannt geworden ist.

Zwei ihrer großen Formate hängen im Bundeskanzleramt, und immer noch stehen am Ende der zeitraubenden Arbeit weit mehr Kaufinteressenten, als die Künstlerin zufriedenstellen kann. Dennoch, eine „Malfabrik“ mit zahllosen Assistenten wäre für Wasmuht keine Alternative. Sie kennt Künstler, die problemlos drei Bilder pro Woche produzieren. „Für mich ist das nichts. Ich brauche Zeit und weiß am Ende nie, ob ich einen Schritt rückwärts gemacht habe oder tatsächlich weitergekommen bin.“ Assistenten hat sie zwar, doch die sollen helfen und nicht an ihrer Stelle stehen. „Ich will ja malen“, sagt Corinne Wasmuht.

Haus am Waldsee, Argentinische Allee 30, bis 21.2.; tägl. 11 bis 18 Uhr.

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