Kultur : Ausstellung "Marksteine": Der wilde Westen fängt hinter Werder an

Michael Zajonz

Wer sich selbst Geschenke macht, muss bezahlen können. 1997 hatte Manfred Stolpe ein Preußenmuseum in Potsdam gewünscht. Gerade rechtzeitig zum Preußenjahr wurde nun der Kutschpferdestall am Neuen Markt zum "Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte" geadelt. 14 Millionen Mark für Sanierung, Ausstattung und Eröffnungsschau summieren sich zu einem Grand projet der Ära Stolpe. Doch Sparzwang verhinderte ein historisches Landesmuseum. "Das schönste Haus am schönsten Platz Potsdams" generierte lediglich eine klassizistisch umhüllte Ausstellungshalle mit 1500 Quadratmetern Nutzfläche. Kulturministerin Johanna Wanka sicherte jetzt die Grundfinanzierung von einer Million Mark ab 2002 zu. Damit das Prestigeobjekt leben kann, werden zusätzlich Projektmittel versprochen und Sponsoren gesucht.

Anfang 2003 soll der reguläre Ausstellungsbetrieb beginnen. Die nun als Teil der Landesausstellung von Berlin und Brandenburg eröffnete Schau "Marksteine. Eine Entdeckungsreise durch Brandenburg-Preußen" zeigt, welch anregende Fragen dann vertieft werden könnten. 900 Objekte aus tausend Jahren Regional- und Landesgeschichte widerlegen mit Bravour das Vorurteil, des Heiligen Römischen Reiches Streusandbüchse sei kulturell und infrastrukturell stets rückständig gewesen.

Kuratorin Agnete von Specht setzt leitmotivisch Akzente, die Rückgrat bieten, ohne These zu sein. Die seit Albrecht dem Bären aktuelle Landesentwicklung, versunkene Lebenswelten in Klöstern und Schlössern sowie die Hohenzollernsche Herrschaftsmechanik von Militär und Reform fügen sich - vielleicht etwas zu nahtlos - zum Profil der preußischen Kernprovinz. Man betrachtet ästhetisch reizvolle Objekte zu den Identität stiftenden Aspekten märkischer Landeskultur. Selbst die späte Industrialisierung des Agrarlandes kommt liebevoll weich gespült daher. Streicheleinheiten für Stolpes brave Brandenburger?

"Wer in der Mark reisen will, der muss zunächst Liebe zu Land und Leuten mitbringen, mindestens keine Voreingenommenheit. Er muss den guten Willen haben, das Gute gut zu finden, anstatt es durch krittliche Vergleiche totzumachen" schrieb Fontane 1864 den Lesern seiner "Wanderungen" ins Vorwort. Die Tatsache, dass die Mark seit dem 12. Jahrhundert askanische Grenzbastion gegen die Slawen, später dann Durchzugsgebiet in europäischen Kriegen war, spiegelt sich auch in der beschränkten Zahl überlieferter Kunstwerke wieder. Um so erstaunlicher, welch konzentrierte und qualitätvolle Auswahl an mittelalterlichen Skulpturen, liturgischem Gerät - eine Reise Wert ist allein der Messkelch aus Chorin - und Alltagskram geboten wird.

Schon nach wenigen Schritten durch den dreigeschossigen Parcours wird deutlich, wie summarisch hier komplexe Themen abgehandelt werden müssen. Die Jahrhunderte währenden Konflikte zwischen Slawen, Deutschen, Juden - ein paar Informationen jenseits der teils in Kniehöhe angebrachten Beschriftungen und des über zwei Kilo schweren Katalogs hätten nicht geschadet. Eben noch bewunderte man die Vogelschau der Schlacht von Wittstock, bei der 1636 brandenburgische Söldner glücklos gegen die Glaubensbrüder aus Schweden agierten - schon steht der Betrachter vor dem noch ganz friderizianischen Bildnis des preußischen Generalfeldmarschalls Wichard von Moellendorff von 1797.

Eine Ausstellung in der Ausstellung widmet sich der ländlichen Adelskultur in Barock und Klassizismus. Von einst 1800 Rittergütern haben Krieg, Bodenreform, DDR und Nachwendezeit die Hälfte überdauert. Einstürzende Altbauten: Tendenz steigend. Mit dem Humboldt-Schlösschen Tegel hat sich ein einziges Inventar am authentischen Ort erhalten. So werden die Schätze der Grafen zu Lynar aus Schloss Lübbenau zur veritablen Sensation.

Als eine der wenigen Familien erhielten die Lynars ihren Besitz 1992 zurück, da der letzte Standesherr Wilhelm Friedrich zu Lynar am Hitler-Attentat beteiligt war und 1944 hingerichtet wurde. Für die Potsdamer Ausstellung wurde nun eine bemerkenswerte Kollektion von Gemälden, Möbeln und Tafelgerät restauriert. Große Künstlernamen - Willem van Honthorst, Antoine Pesne, Anton Graff - zeigen den Anspruch der Familie. Nun gilt es, den Bestand im Land zu halten und angemessen zu präsentieren. Denn schon hat das Berliner Deutsche Historische Museum sein Interesse angemeldet.

Nach dieser großformatigen Pracht fällt ein Gang durchs 19. Jahrhundert schwer. Harmlos gerät der Blick auf Unternehmer, wie den Gubener Hutfabrikanten Wilke oder den Brandenburger Blechspielzeugmogul Ernst Paul Lehmann, der um 1900 bis nach Japan und USA exportierte. Steiff und starr sind seine mechanischen Figürchen "Störrischer Esel" oder der unerschrockene Cowboy "Bucking Bronco" hinter Glas eingesargt. Dabei fing der gründerzeitlich wilde Westen jenseits von Werder an.

Abgekämpft schleicht man an der papierenen Inszenierung des 20. Jahrhunderts vorbei, die auch in der Provinz Brandenburg keine erfreuliche Geschichte war. Der "Tag von Potsdam" 1933; das KZ Oranienburg-Sachsenhausen; die Sprengung der Potsdamer Garnisonkirche 1968 - was von Preußen übrig blieb, taugte lange nur für ideologische Grabenkämpfe. Und doch: Dass Brandenburg viel mehr ist, als seine Klischees zwischen grünen Alleen, Exerzierplätzen und ostelbischen Junkern, lässt diese Ausstellung ahnen. Es locken bislang übersehene "Marksteine" in einem weiten Feld. Eben ein Geschenk.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben