Ausstellung : Mit Absicht absaufen

Acht junge Künstler zeigen in der Berliner Galerie Jette Rudolph Arbeiten über das Scheitern. Von acht verschiedenen Seiten nähern sie sich diesem mitunter tabuisierten Thema.

Jens Hinrichsen
Greif_Henning Foto: Galerie Jette Rudolph
Glühende Zeichen. "Niemals scheitern", eine Neonarbeit des Künstlerduos Greif und Henning. -Foto: Galerie Jette Rudolph

BerlinSonne, Meer, Urlaub zu zweit: Das klingt gut, kann aber auch schiefgehen. Wenn er zum Beispiel reglos, mit Schnorchel und Taucherbrille maskiert, im Hotelbett liegen bleibt oder sie in Depressionen verfällt, weil ihre neongrüne Lieblingsluftmatratze in die offene See abgetrieben ist. David Buob und Susan Schmidt haben am Schwarzen Meer dieses seltsame Ferienvideo gedreht, in dem eine ulkige Improvisation die nächste jagt. Da purzeln Stöckelschuhe eine Promenadentreppe hinunter, da wird ein Gummifrosch am langen Faden ins Meer getunkt.

Absurd, doch nicht wirklich amüsant sind auch die Dialoge, die parallel zur Doppelprojektion ablaufen: „Ich hätte gern eine Tasse Tee und eine Vision.“ – „Tut mir leid, Visionen sind heute leider aus.“ Eine Vision hält das Video der beiden also nicht bereit, doch haben wir es deshalb gleich mit einem misslungenen Werk zu tun? Das zu behaupten, wäre im Kontext der Gruppenschau „Niemals scheitern!“ in der Galerie Jette Rudolph etwas voreilig, denn das Künstlerpaar scheint die eigene Arbeit gegen alle Regeln der Kunst und mit Absicht aus dem Ruder laufen, ja absaufen zu lassen. „To shipwreck“ nennt der Angelsachse das Scheitern, und genau darum geht es.

In Form des kleinen Missgeschicks peinlich, im Großen unsäglich: Für den amerikanischen Soziologen und Kulturhistoriker Richard Sennett handelt es sich beim Scheitern um „das große moderne Tabu“. Der Leipziger DJ, Künstler und Kurator Francis Hunger nimmt es hingegen auf die leichte Schulter: Wie zu einer munteren Jam-Session lässt er in der Galerie fünf Positionen ineinander spielen. Der Ansatz ist zeitgemäß: War das Scheitern einst immerhin von Tragik umwittert, so ist es heute dermaßen „out“, dass man nur noch scherzhaft oder im Irrealis davon spricht. Wenn die Titanic sinken könnte ...

„Niemals scheitern!“ heißt die Losung im Zeitalter des verbissenen Selbstvertrauens. Hungers Ausstellungstitel ist einfach nur die Übersetzung des Satzes „N’échouez jamais“, den die Künstler Greif & Hennig mit kaltweiß glühenden Neonbuchstaben auf eine Fototapetenwand geschrieben haben (8600 Euro). Bei der beschrifteten Betonmauerkulisse handelt es sich um eine Aktualisierung der Graffiti-Aktion eines unbekannten Situationisten, der 1953 auf eine Pariser Mauer gekritzelt hatte: „Ne travaillez jamais“. Im Kontrast zur Situationistischen Internationale, der letzten großen Avantgardebewegung, wollen heutige Künstler weder die Arbeit, das Geld noch die Kunst selbst abschaffen. Lieber zwinkern sie dem Mainstream zu, der nur noch Sieger kennt. Aber auch Greif & Hennig meinen ihren Imperativ nicht wirklich ernst. Ein Scheitern höherer Ordnung wird bei ihnen sogar stets zum strukturellen Prinzip: Abgelegtes Material, Treibholz früherer Arbeiten wird für neue Werke benutzt. Nichts geht verloren. Und wirkliche Verlierer gibt es in der Kunst womöglich auch nicht.

Am weitesten wagt sich Ronnie Bass vor in die kunstfremde Sphäre des Big Business. Dorthin, wo man das Scheitern restlos von der inneren Landkarte radiert hat. Sein Video „Our Land“ erzählt vom Traum eines Unternehmers, mit einer Chipfabrik in der Wüste zu reüssieren (5200 Euro). In Trashkulissen spielen und singen betont uninspirierte Darsteller eine dreiaktige Erfolgsoperette, die in der feierlichen Präsentation eines innovativen Computerteilchens mündet. Nüchtern betrachtet ist es ein Krumpelding aus verschmolzenem Plastik. Auf der Brust des Erfinders wirkt es als Power-Point-Präsentation dann allerdings so verheißungsvoll wie die blaue Blume der Romantik.

Ganz im Hier und Jetzt stehen die männlichen Teenager, die Claudia Lindner für ihre sachliche Serie „Young Cocks“ fotografiert hat (je 930 Euro). Philipp, Boris, Mirco und Tom tragen ihre Markenklamotten mit dem vorfabrizierten Elends-Chic dekorativ zerrissener und wieder genähter Jeans wie einen Schutzschild gegen das reale Unglück, den sozialen Abstieg. Mit vier Fotos bleibt das Portrait einer Generation zwar rudimentär, aber Lindner bringt einen sozialen Aspekt in die Ausstellung, der ansonsten unterbelichtet bleibt. Sie richtet den Blick auf den Kult, auf die magischen Reste in der Zivilisation, die irrationalen, aber beruhigenden Versuche, zu bannen, was nur bedingt kontrollierbar und damit zu lenken ist: das Scheitern positiver Lebensentwürfe.

Vertieft wird das in Hungers Zusammenstellung nicht, vielmehr lässt der Kurator die Kunst um sich selbst kreisen, um das Künstlerdasein und immanente Zweifel. Bea Meyer nimmt das Motto der Schau wieder auf, indem sie Sätze wie „Das wird bestimmt gut“ auf zarte Gewebe stickt. Das kann man auch „Pfeifen im Wald“ nennen. Gleichzeitig überträgt Meyer die Unsicherheit der Produzentin geschickt aufs Publikum, das einen schmalen grau-beigen Vorhang mit der Aufschrift „Ich bin mir sicher“ beiseite schieben kann, hinter dem außer der nackten Wand allerdings nichts zu sehen ist (1300 Euro).

Ein Fenster mit utopischer Aussicht öffnet der Fotograf Janne Lehtinen. In seiner preisgekrönten Fotoserie „Sacred Bird“ träumt er den alten Traum vom Fliegen. Der ist zwar längst Wirklichkeit geworden, doch unabhängig davon probt Lehtinen den Absprung aus der Baumkrone einer Krüppelkiefer am Eismeerstrand – zu sehen auf dem einzigen Lehtinen-Foto der Ausstellung (4600 Euro).

Selbstironisch eifert er so seinem Vater nach: Lehtinen senior ist ein berühmter Segelflieger, ein geübter Dädalus. Der Künstler probiert es allerdings mit zum Platzen gefüllten Luftballons, die er sich auf den Rücken geschnallt hat. Ähnliches ging bei Ikarus furchtbar schief. Aber Gedankenflieger stürzen nicht ab.

Galerie Jette Rudolph, Zimmerstraße 90-91; bis 31. August, Dienstag bis Sonnabend 11.30-17.30 Uhr.

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