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Ausstellung mit Gallensteinen : Ausstellung in der Charité: Glut & Galle

19.02.2012 00:00 Uhrvon
In einem isländischen Lavabad produzierte Ilana Halperin Skulpturen durch Kristalle, die sich anlagerten. Foto: Ilana HalperinBild vergrößern
In einem isländischen Lavabad produzierte Ilana Halperin Skulpturen durch Kristalle, die sich anlagerten. - Foto: Ilana Halperin

Die schottische Künstlerin Ilana Halperin stellt im Medizinhistorischen Museum der Charité inmitten der berühmten Gallenstein-Sammlung aus dem 18. Jahrhundert aus.

Der erste Reflex ist leiser Ekel, weil man an die Krankheiten der anderen denken muss. Dabei hat man die Objekte im Medizinhistorischen Museum der Charité noch gar nicht gesehen. „Körpersteinzuwächse aus unterschiedlichen Quellen“ nennt sie freundlich Museumsdirektor Thomas Schnalke. Tatsächlich handelt es sich um Blasen- oder Gallensteine – pathologische Produkte, Verkalkungen, die sich im Körper sammeln –, von denen das Institut die weltweit größte Sammlung besitzt.

Dass die Steine außerhalb ihres Produzenten ein ästhetisches Eigenleben entwickeln, gehört zu den Einsichten, die Ilana Halperin in der aktuellen Ausstellung vermittelt.

„Steine“ heißt schlicht das Projekt, es mischt die Fundstücke, die seit dem 18. Jahrhundert gesammelt werden, mit Arbeiten der in Glasgow lebenden schottischen Künstlerin. In den Vitrinen sind die Grenzen oft nicht mehr auszumachen: so schön und eigenartig wirken die unregelmäßigen Ausformungen oder Querschnitte durch die Körpersteine zwischen den eigens für die Ausstellung entstandenen Stichen, Holzschnitten und Aquarellen.

Ilana Halperin macht die zufälligen Strukturen der Natur zu ihrem eigenen Prinzip. Sichtbar wird dies in den fragilen Zeichnungen, auf denen sich Blasen, Farbpunkte und Linien zu abstrakten Gebilden fügen. Auch wenn man sie nicht greifen kann, entstehen sie nach demselben additiven Muster wie die geologischen Steine oder auch jene schneeweißen, hängenden Objekte, die die Künstlerin in den geothermalen Quellen einer isländischen Badeanlage entstehen ließ. Salz hat sich in kristalliner Gestalt an jene Skulpturen gelagert, die Ilana Halperin geduldig in die Mischung aus Süß- und Meerwasser hängte, bis sie wie mit einer dicken Schneeschicht bedeckt schienen.

Dass die Badeanlage Blue Lagoon, Islands dampfende Attraktion, mitten in einem bemoosten Lavafeld liegt und von schwarzen Sandstränden umgeben ist, passt zu der zweigeteilten Ausstellung, die ihre Fortsetzung unter dem Titel „Hand Held Lava“ im Showroom der Schering-Stiftung findet. Hier geht es um speiende Vulkane und erstarrtes Gestein, das sich aus ihrem Innern über die Erde ergießt. Um einen eruptiven Akt, der von der Künstlerin auf seine ganz spezielle Eigenschaft untersucht wird: auf den Aspekt der Landgewinnung.

Natürlich ist der Begriff besetzt. Land ringt man für gewöhnlich anderen Menschen ab und vielleicht noch dem Meer. Eine kriegerische, kräftezehrende Eroberung. Ilana Halperin richtet ihren Blick dagegen auf die minimalen neuen Landmassen, die außerhalb oder auch innerhalb des Körpers entstehen. Die Blasen- und Gallensteine, darauf macht Museumsdirektor Schnalke aufmerksam, sei überhaupt das Einzige, was über die Jahrhunderte von einer individuellen Existenz Bestand habe – nachdem selbst Knochen und Zähne zerfallen sind. Eine ebenso makabre wie poetische Vorstellung.

Für die Künstlerin ist Letzteres der treibende Gedanke. Sie befragt die Natur und will in Erfahrung bringen, ob ein Vulkan Geburtstag haben, die Körpersteine von Astronauten das Weltall kennen und Magma bei über 1000 Grad Celsius tätowiert werden kann. In den Vitrinen der Schering-Stiftung wartet ein ganzes Arsenal von Lavastempeln, wie sie bereits im 19. Jahrhundert für Medaillons verwendet wurden. Ilana Halperin hat sich eigene Modelle anfertigen lassen, dazu Zeichnungen gemacht und gefundene Geschichten aufgeschrieben. Alle handeln von Vulkanen, die gefürchtet, verehrt und vermessen wurden. Oder in die Menschen einfach hineingesprungen sind.

Dass es sich bei dieser Arbeit nicht um entfesselte Fantasien handelt, die allein im künstlerischen Kontext anzusiedeln sind, macht die Biografie der 1973 in New York geborenen Schottin klar. Neben zahlreichen Ausstellungen in den vergangenen Jahren und Preisen auch von naturwissenschaftlicher Seite wurde sie kürzlich zum ersten Artist Fellow an das National Museum of Scotland sowie zur Künstler-Kuratorin der Geologiesammlung der Music Hall in Darwins Geburtsstadt Shrewsbury berufen. Es scheint, als wollten auch die strengen Wissenschaftler die Dinge lieber wieder etwas beseelter sehen. Christiane Meixner

Medizinhistorisches Institut der Charité, Charitéplatz 1, bis 15.7. / Schering-Stiftung, Unter den Linden 32–34, bis 5.5.; Di–So 10–17 Uhr, Mi / Sa 10–19 Uhr.

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