Ausstellung mit Gemälden von Horst Antes : Kopf und Kosmos

Berühmt geworden ist Horst Antes mit seinen Darstellungen von Kopffüßlern. Längst gilt der Maler als Klassiker. Jetzt ehrt ihn der Berliner Martin-Gropius-Bau mit einer Retrospektive.

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"Sitzende Figur mit Scheibe und Ei" (1971-1976).
"Sitzende Figur mit Scheibe und Ei" (1971-1976).Kunsthaus Zürich, © VG Bild-Kunst, Bonn 2013

Der Kopffüßler ist nicht so, wie er ist, auf die Welt gekommen – ein Mensch, dem Hals und Rumpf fehlen, der nur Arme und Beine hat. Er war einmal vollständig. Und wie. Mit Brüsten, festen Schenkeln und einer dem Betrachter sich offenbarenden Vulva, rot-orange flammend. Und doch ist in diesen vor allem weiblichen, erotischen Darstellungen aus dem Frühwerk des deutschen Malers, Bildhauers und Grafikers Horst Antes schon angelegt, was ihn später berühmt machen soll.

Die Figuren dieses häufig als „Die roten Majas“ bezeichneten Zyklus klemmen sich mit ihren kompakten Gliedmaßen in den Rahmen, die Reihenfolge der Körperteile ist umsortiert und aufs Essenzielle reduziert. Später wird sich daraus eine klare Konturenlinie ergeben, mit groben Beinen und Armen und einem massigen Kopf. Der Kopffüßler ist da. Das ist das Schöne an dieser Ausstellung im Berliner Martin-Gropius-Bau, die nach zwei Jahrzehnten erstmals das malerische Werk des 1936 in Heppenheim geborenen Künstlers in einer Einzelschau ehrt, mit mehr als 100 Bildern, ein paar Künstlerbüchern und Skulpturen: Man kann Raum für Raum mitverfolgen, wie er in kleinen Schritten, gänzlich unbeeindruckt von zeitgeistigen Erscheinungen der Kunstwelt, sein Figurenprogramm vorangetrieben hat.

„Rote Scheibe“ (1969).
„Rote Scheibe“ (1969).Foto: Sammlung Großhaus, Schleswig, © VG Bild-Kunst, Bonn, 2013

Zweifellos, der Kopffüßler, den er selbst „Kunstfigur“ nennt, steht im Vordergrund dieses chronologisch angeordneten Überblicks. Damit ist Antes in den sechziger Jahren berühmt geworden. Zu einer Zeit, als man sich im Nachkriegsdeutschland der Abstraktion verpflichtet fühlte, stieg er zum Vorreiter einer figurativen Kunst auf. Antes war jung, nur wenige Jahre nach dem Ende seines Studiums in Karlsruhe bei Hap Grieshaber reiste er als Mittzwanziger zwei Mal nach Italien, als Stipendiat der Villa Romana in Florenz, und nur ein Jahr später, 1963, als Gast der Villa Massimo in Rom. Er nahm drei Mal an der Documenta in Kassel teil, an der Biennale in Sao Paolo und in Venedig, wo er 1966 mit dem Unesco-Preis für Malerei geehrt wurde. Seine Werke finden sich in europäischen, amerikanischen und japanischen Museen. Längst ist er ein Klassiker.

Liegt es an seinen archetypischen Figuren mit den leeren Augenhöhlen, dass er auf der ganzen Welt verstanden wird? Horst Antes malt Seelenbilder. Immer wieder widmet er sich Familienaufstellungen, Vater, Mutter und Kind. In einem Bild kniet die Frau wie eine tönerne Plastik vor ihrem Nachwuchs, der als goldene Büste dargestellt ist. Ein Fenster im Hintergrund öffnet den Blick auf eine weite Landschaft. Das erinnert stark an die italienische Renaissance, an Sandro Botticelli, Filippino Lippi oder Piero della Francesca, an deren Porträtgesichter im scharfen Halbprofil.

Antes betreibt Ateliers in Berlin und Karlsruhe, sein Lebensmittelpunkt aber ist die Toskana, das Weingut „Podere Sicellino“. Er ist umgeben vom Cinquecento. Und nicht nur von diesem. Antes sammelt seit Jahrzehnten Katsinam-Figuren, wie sie die Hopi-Indianer im südwestlichen Nordamerika für zeremonielle Zwecke schnitzen. Es muss ein großer Moment der Vertrautheit gewesen sein, als er diese bunten Puppen zum ersten Mal Anfang der sechziger Jahre bei einem Pariser Kunsthändler sah und erwarb.

Die ästhetische Ähnlichkeit zwischen den Indianer-Figuren und seinen Geschöpfen ist nicht von der Hand zu weisen, gut erkennbar schon am allerersten Gemälde der Ausstellung, die von Antes’ langjährigem Vertrauten, dem ehemaligen Intendanten der Berliner Festspiele, Joachim Sartorius, kuratiert wurde. Es handelt sich um das schmale, 1958 entstandene Bild „Kleine Figur (M.M.)“. Der Körper ist in drei Farben geteilt, das Gesicht bloß maskenhaft angedeutet. Antes hat sich mit den Jahren ein profundes Wissen zur Mythologie der Hopi-Indianer angeeignet. Die Schlange als Symbol für Fruchtbarkeit bevölkert seine Bilder, dazu kommt ein ganz eigener Kosmos aus Leitern, Treppen, Reifen und Spermafäden als Zeichen des Schicksals und Lebenskreislaufs.

Das Fleischig-Physische seiner überraschend großzügigen, in Farbe schwelgenden frühen Arbeiten weicht schematischen Geschlechtsteilen, die nur noch auf einen Schlitz und einen länglichen Zylinder reduziert sind. Das ist nicht kühl oder unsinnlich. Das ist Antes’ Reduktion auf das Wesentliche, auf das Ur-Menschliche. So setzt er seine Figuren häufig in Guckkastenbühnen, als seien sie Protagonisten eines Lehrstücks.

Und dann, Mitte der achtziger Jahre, lässt Antes diese Schauspieler einfach weg. Nun malt er – bis heute – Häuser. Meist in Grau-Schwarz staffeln sie sich wie Bauklötze mit Satteldach auf den großformatigen Leinwänden. Sie sind hoch, fensterlos. „Einschulung“ hat der Maler eines seiner Häuser-Gemälde von 1997 genannt. Gut möglich, dass Vater, Mutter und Kind hinter einer der Fassaden stecken. Horst Antes braucht sie nicht mehr als Füllmaterial seiner Ideen. Ihm reichen die Schachteln.

Martin-Gropius-Bau, bis 16. September, Mi bis Mo 10–19 Uhr. Der Katalog (Verlag Walther König) kostet 29,80 €.

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