Ausstellung : Nahaufnahmen aus Tanger

Die Künstlerin Yto Barrada mit "Riffs" im Guggenheim Berlin: Ruinen, Baustellen, Touristen - Barrada zeigt Marokko im Umbruch.

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Spur der Steine. Yto Barradas Fotografie „Briques (Bricks), 2003/2011“.
Spur der Steine. Yto Barradas Fotografie „Briques (Bricks), 2003/2011“.Foto: © Y. Barrada & Gal. Sfeir-Semler, Hamburg/Beirut

Aus der Distanz erscheint es bloß wie die Fotografie einer weiß getünchten Hauswand. Nähert man sich dem Bild von Yto Barrada, treten darauf die Abdrücke von Fußbällen hervor, die spielende Kinder dort hinterlassen haben. Darum geht es der französisch-marokkanischen Künstlerin: die flüchtigen Momente des Alltags festzuhalten, die Magie kaum beachteter Szenen. Und um Erinnerung und Vergänglichkeit, wie in „Arbre généalogique“. Die Fotografie zeigt eine hellbraune Tapete mit baumartig gemaserter Oberfläche, verstreut finden sich dunklere Stellen mit schwarzen Punkten darüber. Die Künstlerin spielt mit der doppelten Bedeutung des französischen Titels, der sowohl einen Stammbaum als auch eine Ahnentafel bezeichnet. Die Punkte sind Nägel, an denen einst gerahmte Fotos von Familienmitgliedern hingen, der Rest der Tapete ist vergilbt.

Yto Barrada, die im vergangenen Oktober von der Deutschen Bank als „Künstlerin des Jahres 2011“ ausgezeichnet wurde, präsentiert mit „Riffs“ ihre erste große Einzelausstellung in Deutschland. Geboren 1971 in Paris, wächst sie in Frankreich und Marokko auf, studiert Geschichte und Politologie an der Sorbonne sowie Fotografie in New York. Nach zehn Jahren im Ausland kehrt sie Ende der Neunziger ins marokkanische Tanger zurück. Die etwa sechzig Objekte im Deutschen Guggenheim bieten einen eindrucksvollen Querschnitt durch ihr Werk der letzten fünfzehn Jahre: Filme, Poster, Skulpturen, Bücher – und vor allem Fotografien. Letztere sind bis auf wenige Ausnahmen farbig und allesamt im quadratischen Format. Um den Besuchern verschiedene Perspektiven auf ihre Bilder zu ermöglichen, wurde in der Kunsthalle eigens ein balkonartiges Zwischengeschoss gebaut.

Im Zentrum von Barradas Schaffen steht ihre Heimatstadt Tanger. Die Hafenmetropole – gerade mal dreißig Kilometer von Europa entfernt – ist in rasanter Entwicklung begriffen. Seit Mitte der achtziger Jahre hat sich die Bevölkerung vervierfacht, Luxushotels werden entlang der Bucht hochgezogen, eine umfassende Modernisierung greift um sich. In außergewöhnlicher Weise dokumentiert die ehemalige Ellen-Auerbach-Stipendiatin Barrada, wie sich das urbane Ungetüm in die Landschaft ausbreitet, die Natur mit einer Betonschicht überzieht.

Mit ihrer Kunst und Kulturarbeit schlägt sie sich auf die Seite der Schwachen, des Zerbrechlichen und vom Verschwinden Bedrohten. Vor vier Jahren gründete sie am Grand Socco die Cinémathèque de Tanger im renovierten Cinéma Rif, um die marokkanische Filmkultur zu stärken. Werke aus dem Programm werden in der Ausstellung gezeigt.

Barrada zeichnet ein komplexes Bild des heutigen Marokko. Von der maroden Schönheit verfallener Häuser über hässliche Betonneubauten bis zum gewaltigen Rif-Gebirge, das sich von Tanger Richtung Südosten erstreckt. Häufig taucht das Motiv der Palme auf, sei es als Leuchtskulptur mit farbigen Glühbirnen oder als Teil der mediterranen Tourismuskulisse. Die Künstlerin fängt ein Land im Umbruch ein, hält Ephemeres fest: Baustellen, blühende Schwertlilien, bunt bemalte Schultafeln, ein Mädchen, das sich über eine blaue Libelle beugt. Ältere Männer, die vor dem Lieblingscafé von William S. Burroughs sitzen, jüngere, die sich verschwörerisch vor einem grünen Ladentor versammeln.

Es sind faszinierende Bilder, die auf unsentimentale Weise berühren. Eine alte Wasserrutsche, die in einem wuchernden Gebüsch endet, eine zerfallene Club-Med-Anlage, aus deren Restaurantdecke die Glaswolle hängt, ein riesiger Haufen leerer Pappkartons. Und immer wieder Bilder von Menschen, die der Kamera den Rücken zuwenden. Sehnsüchtig schauen sie hinaus aufs Meer, zu Flugzeugen auf dem Rollfeld, durch Löcher in einer weiß getünchten Hauswand. Es sind Blicke in eine ungewisse Zukunft.

Yto Barrada: „Riffs“. Deutsche Guggenheim, Unter den Linden 13/15, 15.4. bis 9.6., täglich 10-20 Uhr, Katalog 35 €

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