Ausstellung „Niemands Orte“ : Dafür schwänzte Wladimir Putin die Gedenkfeier zur Auschwitz-Befreiung

Im Jüdischen Museum Moskau gedenkt Wladimir Putin der Befreiung von Auschwitz. Dort ist eine Installation zum Lagersystem der Nazis zu sehen. Die Rolle der Sowjetunion bleibt unerwähnt.

Stefan Schomann
Idylle und Schrecken. In der „Kinderfachabteilung Wiesengrund“ in Reinickendorf wurden Behinderte ermordet.
Idylle und Schrecken. In der „Kinderfachabteilung Wiesengrund“ in Reinickendorf wurden Behinderte ermordet.Chr. Herrnbeck

Dass Wladimir Putin der Gedenkfeier zur Befreiung von Auschwitz fernblieb, darüber wurde weidlich berichtet. Nur am Rande wurde jedoch wahrgenommen, was stattdessen am 27. Januar in seinem Terminkalender stand: Russlands Präsident nimmt an einer Gedenkfeier im neuen Jüdischen Museum in Moskau teil. In deren Mittelpunkt steht eine audiovisuelle Präsentation, um nicht zu sagen eine Beschwörung, die der Fotograf Christian Herrnbeck und der ebenfalls in Berlin lebende israelische Komponist Gilad Hochman erarbeitet haben.

Unter dem Titel „Niemands Orte“ erkundet sie die Schauplätze des nationalsozialistischen Lagersystems. Zeigt Gleisanlagen, Baracken, Bettgestelle, Mauern, Zäune, Latrinen, noch mehr Mauern, noch mehr Zäune, Todeszellen, Einäscherungsöfen, Denk- und Mahnmale, begleitet von elegischen Kompositionen für Streichinstrumente.

Akkurat vermitteln die Fotografien, die zum 70. Jahrestag des Kriegsendes zu Teilen im Kreuzberger „Werkraum Bild und Sinn“ gezeigt werden, das heutige Erscheinungsbild der Lager. Sie sind durchweg in Farbe gehalten, Herrnbeck verzichtet auf historisierendes, heroisierendes SchwarzWeiß. Grünflächen säumen die Überreste, vielerorts scheint die Sonne, alles wirkt friedlich. Und war doch die Hölle.

Mehr Melos als Melodie

Nicht ein Mensch ist auf den Fotos zu sehen, auf keinem der 1200 Motive. Von Beginn an füllt die Fantasie die Leerräume mit Schreckensszenen. Es sind die verschwundenen Leben, die den Bildern eingeschrieben sind, die Anwesenheit einer Abwesenheit. Auch Hochmans Musik meidet jedes Pathos. Mehr Melos als Melodie, strömt sie wie improvisiert dahin.

Gelegentlich klingen historische Reminiszenzen an – ein bisschen Bach, ein bisschen Schtetl –, aber auch die Sirenen, die in Israel zu den Gedenktagen ertönen, hallen in entgleitenden Glissandi nach. Es sind sieben Stücke, im Zusammenspiel mit den Fotografien und flankierenden Texten entsteht ein multimedialer Gedächtnisraum.

Auffallend die schlichte Geometrie der Lager. Ihr erster „Dokumentarist“ war perfiderweise Karl Otto Koch, Kommandant von Sachsenhausen, passionierter Amateurfotograf. Herrnbeck nähert sich der Infrastruktur der Vernichtung mit dem Blick des Archäologen, der eine rätselhafte Hinterlassenschaft erkundet. Niemands Orte, negative Sehenswürdigkeiten.

Russische Erinnerungspolitik

Die Installation dauert eine Stunde, mit drei Großbildprojektoren und Live-Musik. Manchmal werden nur Teile gezeigt und die Musik kommt vom Band, wie jetzt im „Werkraum Bild und Sinn“ bei der Sequenz „Die Krankenmorde“ über die Euthanasie-Anstalten. Es ist Herrnbecks Stammgalerie, auf der Sonnenseite der Bergmannstraße gelegen, dort, wo selbst der Friedhof über ein Café verfügt.

Als bei der Moskauer Feierstunde das letzte Bild – der Blick durch einen Mauerspalt in Auschwitz – erloschen und der letzte Akkord verklungen ist, bemächtigt sich Stille des Saals. Dann tritt Putin ans Pult und hält eine bemerkenswerte Rede. Bislang spielte der Holocaust in der russischen Erinnerungspolitik eine untergeordnete Rolle; die Russen standen als Opfer im Vordergrund.

Schweigen über die Gulags

Nun aber gedenkt das Staatsoberhaupt des Martyriums der Juden, würdigt auch ihren Beitrag zum Großen Vaterländischen Krieg. Mehr als eine halbe Million jüdischer Soldaten kämpften in der Roten Armee, über 40 000 bei den Partisanen. Doch wie stets bei historischen Reden sollte man auch das Ungesagte registrieren. Über die Gulags, diesen Archipel aus Hunderten von Haupt- und Tausenden von Nebenlagern, verliert Putin kein Wort.

Die einzige Gedenkstätte, betrieben von einem privaten Verein, musste vor einigen Monaten auf staatlichen Druck hin schließen. Kein Wort auch davon, dass der NKWD Konzentrationslager wie Sachsenhausen, Lieberose und Buchenwald übernahm und dort etliche zehntausend Menschen ums Leben brachte. An die NS-Verbrechen wird erinnert, weil Russland als Befreier auftreten kann. An den stalinistischen Staatsterrorismus aber wird nicht gerührt.

Herrnbecks Bilder spüren dem namenlosen Leid nach, das Zigtausenden angetan wurde, Hochmans Musik gibt ihnen eine Stimme. Vielleicht wurden die Gäste der Moskauer Feierstunde – Generäle, Oligarchen, Diplomaten – in der Stille nach dem Stück der Essenz des Humanen inne, bevor sie sich wieder ihren Geschäften zuwandten.

Bergmannstraße 59, bis 7. Juni (Di–Sa 16–23 Uhr, So 16–21 Uhr).

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