Ausstellung „Nolde und die Brücke“ : Als die Farbstürme tobten

Emil Nolde wurde 1905 für kurze Zeit Mitglied der Künstlergruppe „Brücke“ in Dresden. Eine Ausstellung in Leipzig ergründet die daraus entstandene intensive Maler-Freundschaft.

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Glutvoll. Emil Noldes „Cigarettenraucherin“ aus dem Jahr 1907.
Glutvoll. Emil Noldes „Cigarettenraucherin“ aus dem Jahr 1907.Foto: Nolde Stiftung Seebüll

Über Emil Noldes zeitweise Hinwendung zum Nationalsozialismus ist in jüngster Zeit verschiedentlich geschrieben worden. Es ist dies ein Kapitel seiner reichen künstlerischen Vita, die ihn immer wieder als störrischen Einzelgänger zeigt. So auch schon in frühen Jahren. Die jungen Gründer der Künstlergruppe „Brücke“ in Dresden sahen in Nolde einen Geistesverwandten und luden ihn im Jahr nach der Gründung 1905 zur Mitgliedschaft ein. Nolde willigte ein, doch blieb er es nur 20 Monate lang bis zum Herbst 1907.

Diese kurze Zeitspanne war allerdings von einem intensiven Austausch gekennzeichnet. Ihn verfolgt jetzt die Ausstellung „Nolde und die Brücke“, mit der sich Hans-Werner Schmidt nach 17 Jahren von der Leitung des Museums der bildenden Künste verabschiedet. Erarbeitet hat die bemerkenswert umfangreiche Ausstellung Marcus Andrew Hurttig, der die Leipziger Lokalgeschichte von Nolde und „Brücke“ im Katalog darlegt.

Die Mitglieder der „Brücke“ und Nolde waren fasziniert von van Gogh

Leipzig spielt nämlich durchaus eine Rolle in der Frühphase des deutschen Expressionismus: Wer wusste schon, dass Nolde hier 1904 seine erste deutsche Einzelausstellung hatte und die „Brücke“ bereits in ihrem Gründungsjahr 1905 die erste Gemeinschaftsausstellung? Nur war es in der Folgezeit nicht das Museum, sondern der örtliche Kunstverein, der sich um die Avantgarde bemühte. In den 1920er Jahren kam eine Privatsammlung von 31 „Brücke“-Gemälden ins Museum, die ihr Eigentümer Karl Lilienfeld 1932 in weiser Voraussicht aus Leipzig abzog und in die USA verschiffte. So hinterließ der deutsche Expressionismus fast keine Spuren in Leipzig.

Die künstlerische Initialzündung der „Brücke“ lag in der Begegnung ihrer Gründer mit dem Werk Vincent van Goghs. Auch Nolde war davon fasziniert. Im Sommer 1906 weilt Karl Schmidt-Rottluff bei Noldes auf der Insel Alsen. Die in dieser Zeit parallel, aber unabhängig voneinander entstandenen Bilder der beiden bilden das Rückgrat der Leipziger Ausstellung. Zudem vermittelt Schmidt- Rottluff Nolde in diesen Monaten die Technik des Holzschnitts.

Nolde behagte der Gemeinschaftsgeist der „Brücke“ nicht

Es fällt schwer, die Gemälde dieses Sommers auseinanderzuhalten. Beide Maler verwenden die kurzen, pastosen Pinselstriche, die sie bei van Gogh gesehen hatten, und das Portrait „Maler Schmidt-Rottluff“ von Nolde könnte ebenso gut als Selbstbildnis des Dargestellten durchgehen. Weniger stark ist der wechselseitige Einfluss mit den anderen „Brücke“-Künstlern Erich Heckel und Ernst Ludwig Kirchner. Fritz Bleyl scheidet bereits 1907 aus, um sich einer bürgerlichen Existenz zu widmen. Die wenigen ausgestellten Grafiken zeigen, was für ein Talent da verlorenging.

Nolde behagte der Gemeinschaftsgeist der „Brücke“ nicht; noch weniger, dass sich Schmidt-Rottluff und Heckel in seine schöne Ehefrau Ada verguckten. Das Bohème-Leben war ebenso wenig Sache des Einzelgängers. Künstlerisch allerdings bleibt ein Gleichklang über Jahre hinweg. Die Ausstellung schwelgt in leuchtenden Farben, mit starkem Eindruck von Gelb, Orange und Rot. Es sind dies die „Farbenstürme“, die Schmidt- Rottluff in seinem Brief an Nolde vom Februar 1906 hervorhebt. Für Nolde war dies mehr noch als für die „Brücke“-Maler ein Durchgangsstadium. Noldes Weg zu einer fast ungegenständlichen Kunst ist in der Ausstellung mit Bildern um 1910 angedeutet: Größer konnte der Abstand etwa zu Kirchners flächigen Aktdarstellungen dieser Zeit nicht sein.

Nolde und Leipzig kommen später nochmals in Kontakt, als das Museum die biblische Szene der „Verspottung“ von 1909 erwirbt. Sie wird 1937 beschlagnahmt und ist jetzt als Leihgabe des Berliner Brücke-Museums zu sehen. Dem Expressionismus war in Leipzig kein gutes Schicksal beschieden.

Museum der bildenden Künste Leipzig, bis 18. Juni. Katalog bei Hirmer, 35 €.

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