Ausstellung : Reis und Rebellion

„Mythos Goldenes Dreieck“: die Kultur asiatischer Bergvölker im Ethnologischen Museum Berlin.

Oliver Heilwagen
Farben der Eigenständigkeit. Kleidung im Stil der Hilltribes für thailändische Touristen, Dorfbewohner in Nordlaos.
Farben der Eigenständigkeit. Kleidung im Stil der Hilltribes für thailändische Touristen, Dorfbewohner in Nordlaos.Foto: Martine Augait

Bei dem Begriff „Goldenes Dreieck“ bekamen die Junkies der siebziger und achtziger Jahre glänzende Augen. Aus dem Grenzgebiet zwischen Thailand, Laos und Birma (Myanmar) kam das reinste und wirksamste Opium der Welt. Diese Region haben mittlerweile Afghanistan und Pakistan als wichtigste Lieferländer des Ausgangsstoffs für Heroin abgelöst. Frühere Opiumbauern in Südostasien bauen heute meist Gemüse, Tee oder Schnittblumen für den Export an.

Dabei sind sie arm geblieben. Sie gehören ethnischen Minderheiten an, die von der jeweiligen Mehrheitsbevölkerung benachteiligt werden. Sechs dieser sogenannten „Bergvölker“ stellt das Ethnologische Museum Berlin jetzt exemplarisch vor. Es nutzt den „Mythos Goldenes Dreieck“, um Besucher mit Opiumträumen von Schmugglern und Drogenbaronen anzufixen. In Doku-Filmen erzählen Bergbauern von wilden Zeiten: Vor einem Vierteljahrhundert verfielen viele Dörfler der Drogensucht, korrupte Militärs erpressten Schutzgelder, mörderische Überfälle waren an der Tagesordnung. Doch inzwischen haben staatliche Gegenmaßnahmen den Schlafmohnanbau vor allem in Thailand und Laos stark zurückgedrängt.

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Impressionen der Ausstellung
Mythos Goldenes Dreieck

In Birma hat sich die lokale Mafia modernisiert. Nun stellt sie vorwiegend chemische Drogen wie Methamphetamine her und verschiebt sie in die Nachbarländer. Dieses Geschäft hat wenig mit dem Alltag der Bergvölker zu tun, die Opium traditionell als Arzneimittel einsetzen. Außer ein paar Pfeifchen ist davon in der Ausstellung nichts zu sehen. Gezeigt werden hauptsächlich Foto- und Filmdokumente, Kleidung und Haushaltsutensilien.

Sie zählen zu einer Sammlung von 2000 Objekten, die das Museum 1986 ankaufte. Damals konnten Abenteuerlustige noch hochwertige Stücke im unwegsamen Bergland erwerben. Thailands Grenzgebiet war schwer zugänglich, das benachbarte Terrain in Laos und Birma für Ausländer gesperrt. Das hat sich geändert. Heute ist die Region weitgehend erschlossen, Massentourismus breitet sich von Thailand in die Anrainerstaaten aus.

Dennoch haben sich viele Bergvölker ihre traditionelle Lebensweise bewahrt. Sie siedeln in kleinen Dörfern in Höhenlagen und betreiben Subsistenzwirtschaft. Ihr Hauptnahrungsmittel ist Bergreis, der nur durch Regen bewässert wird. Für eine reiche Ernte opfern die Karen, mit 4,5 Millionen die größte Ethnie in der Region, der Reis-Seele. Ahnenkulte betreiben alle Bergvölker. Ansonsten bekennen sie sich zu verschiedenen Religionen. Die Karen sind mehrheitlich christlich, andere Gruppen animistisch, die Mien huldigen dem chinesischen Daoismus.

Dessen Liturgie wird in der Ausstellung ausführlich vorgestellt. Blickfang ist ein Ensemble daoistischer Rollbilder, die Götter und Heilige in mythischen Legenden darstellen. Davon müssen Gläubige eine genau festgelegte Anzahl anfertigen lassen, nachdem sie bestimmte Weihen empfangen haben – ähnlich den Altarbildern, die früher fromme Christen stifteten.

Die Mien wanderten wie auch die Hmong, Lahu, Lisu und Akha erst Anfang des 20. Jahrhunderts aus Südchina in die Region ein. Ihre Sprachen sind wie Chinesisch tonal. Silben ändern in unterschiedlichen Tonhöhen ihren Sinn. Ihre kulturelle Eigenständigkeit drückt sich vor allem in aufwendig geschmückter Kleidung aus, die jede Familie selbst herstellt. Alle Bergvölker und ihre Untergruppen bevorzugen eigene Farben und Muster.

Die Entkolonialisierung Indochinas bekam ihnen schlecht. Die nun unabhängigen Titularnationen versuchten, sie mehr oder weniger gewaltsam zu assimilieren. Während die Karen in Birma seit 60 Jahren einen Guerillakrieg um ihre Autonomie führen, wurden die Hmong in Laos vom CIA als US-Fußtruppen gegen den Pathet Lao, eine kommunistische Bürgerkriegstruppe, eingesetzt.

Nach dem Sieg der Kommunisten flohen viele Hmong ins Ausland, rund 60 kamen in die Bundesrepublik. Diese fatalen Folgen des Vietnam-Kriegs dokumentiert die Schau ausführlich. Dagegen bleiben jüngere Entwicklungen ausgespart, der Machtkampf zwischen Monarchisten und Populisten in Thailand ebenso wie Radikalreformen des neuen Präsidenten Thein Sein in Birma, der die versteinerte Militärdiktatur aufbricht, und ihre Auswirkungen auf die Bergvölker.

Mag sein, dass die sich noch nicht umfassend beurteilen lassen, doch ihre Erwähnung hätte die Aktualität der Ausstellung verdeutlicht. So begnügt sie sich mit einem kundigen Überblick aus wissenschaftlicher Distanz – vom künftigen Humboldt-Forum wird mehr erwartet.

Ethnologisches Museum, Lansstr. 8 (Dahlem), Di-Fr 10-18 Uhr, Sa/So 11-18 Uhr.

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