Ausstellung "Renaissance und Reformation" : Die Befreiung des Glaubens in den USA

Weiche Politik: Drei Museumsverbünde aus Berlin, Dresden und München zeigen in Los Angeles die große Ausstellung "Renaissance und Reformation".

von
Lucas Cranach d. Ä. überträgt die Geschichte von Moses’ Durchquerung des Roten Meers im Gemälde von 1530 (Ausschnitt) auf die Reformation. Foto: Bayerische Staatsgemäldesammlung/Sibylle Forster
Lucas Cranach d. Ä. überträgt die Geschichte von Moses’ Durchquerung des Roten Meers im Gemälde von 1530 (Ausschnitt) auf die...Foto: Bayerische Staatsgemäldesammlung/Sibylle Forster

Kalifornien hat Trump nicht gewählt, und schon gar nicht das Kalifornien der Kultureliten. Beim lauen Novemberabend in der hoch gelegenen Villa Aurora mit Blick auf Los Angeles kommen die Gespräche immer wieder auf die Wahl des künftigen US-Präsidenten zurück.

Ein großes Ereignis bundesdeutscher kultureller Außenpolitik steht an. Die drei Museumsverbünde aus Berlin, Dresden und München haben exquisite Leihgaben an die Westküste geschickt, wo im Los Angeles County Museum of Art (LACMA) die Ausstellung „Renaissance und Reformation. Deutsche Kunst im Zeitalter von Dürer und Cranach“ dieser Tage eröffnet wurde.

Finanziert und mindestens mit angeschoben wurde das Vorhaben durch das Auswärtige Amt, das unter Noch-Minister Steinmeier ganz erheblich an der Verstärkung dieser „dritten Säule“ der Außenpolitik arbeitet, gern als „weiche Politik“ apostrophiert. Zusammen mit kleineren Ausstellungen zur Reformation anderenorts in den USA war das Unternehmen im LACMA dem Amt fünf Millionen Euro Zuschuss wert.

Weder Steinmeier als Schirmherr noch sein umtriebiger Kultur-Abteilungsleiter Andreas Görgen konnten nach Los Angeles kommen und die politische Bedeutung der Ausstellung skizzieren. Die Welt „brennt“ an allen Ecken und Enden, da war ein Blitzbesuch in Istanbul vordringlicher. Schade. In der aktuellen Situation ist jedes Wort über die Zukunft der transatlantischen Beziehungen wertvoll.

Die fabrikartige Vielzweckhalle ist die größte des Museums

In der Villa Aurora hob immerhin ein Vertreter des Auswärtigen Amtes die Leistungen der Reformation hervor, gipfelnd im „Prinzip der Freiheit, das uns mit den Vereinigten Staaten stärker verbindet als mit jedem anderen Land der Erde“. Vom „verantwortungsvollen Umgang mit der Freiheit“ als einer der Errungenschaften der Reformation war die Rede – da mochten sich die Zuhörer aktuelle Bezüge nach Gusto ausmalen.

Anderentags, zur Präsentation der Ausstellung in der arg fabrikartigen Vielzweckhalle neben dem eigentlichen Museumsgebäude des LACMA, des größten und von 1,4 Millionen Besuchern im Jahr frequentierten Museums der Westküste, war von politischen Bezügen kaum die Rede. Das Projekt hat denn auch eine weit zurückreichende Entstehungsgeschichte. Es geht schlicht darum, in dem von Europa entfernten Ballungszentrum der Vereinigten Staaten, das anders als die Ostküste mit alter Kunst nicht gesegnet ist, ein Bild vom kulturellen Geschehen der Reformationszeit zu geben. Ein ganzes Kapitel der Kunstgeschichte wird erstmals in Los Angeles aufgeschlagen, einer Partnerstadt Berlins.

Reformation und Renaissance kreuzen einander nördlich der Alpen

Nun sind Renaissance und Reformation nicht dasselbe, der naheliegenden Alliteration des Ausstellungstitels zum Trotz; sie decken sich auch zeitlich nicht. Aber sie kreuzen einander nördlich der Alpen. Die Bronzebüste des sächsischen Kurfürsten Friedrich des Weisen aus dem Jahr 1498 macht das deutlich. Sie wurde geschaffen von Adriano Fiorentino, der bei den Medici in Diensten stand und um 1490 in deutsche Lande ging, wo er den in Aussehen und Tracht sehr deutschen Fürsten porträtierte. Der wiederum gründete wenig später die Universität von Wittenberg, der Stadt, in der der unbekannte Mönch Martin Luther 1517 seine Thesen formulierte, die erst die Religion und bald die abendländische Welt im Ganzen erschütterten. Und dieser Friedrich wurde zum Schutzherrn Luthers, als er ihn auf seiner Wartburg versteckte und ihm so die Übersetzung des Neuen Testaments ermöglichte, die wiederum die deutsche Schriftsprache begründete. Und so weiter.

Malerei, Skulpur, Kunsthandwerk und Waffen sind zu sehen

Fiorentinos Büste – im Grunde der italienischen Renaissance zugehörig – steht in der Mitte der Ausstellungshalle und bildet einen Bezugspunkt für die ringsum in fünf eher losen Kapiteln angeordneten 110 Leihgaben. Religiöse und ästhetische Erneuerung laufen parallel. „Vor“ der Reformation bedeutet nicht zugleich „vor“ der Renaissance, wie Albrecht Dürers „Jungfrau als Schmerzensmutter“ von vor 1500 belegt, die die Monumentalität der dreißig Jahre späteren „Vier Apostel“ andeutet. Diese, ein Bekenntnis zur Reformation, konnten nicht aus München anreisen, und wenn die Ausstellung ein unvermeidliches Minus hat, dann das Fehlen der Großformate dieser so aufgewühlten Epoche.

Das große Plus der Ausstellung hingegen ist die Zusammenschau der verschiedenen Gattungen, von Malerei und Skulptur über Grafik zum Kunsthandwerk, zu Waffen und Rüstungen. Überzeugend macht die Ausstellung bewusst, dass die museumsübliche Aufteilung der künstlerischen Produktion nach Material und Zweckbestimmung allein dem Wunsch nach wissenschaftlicher Spezialisierung entstammt. Mit der Wirklichkeit der damaligen Zeit hat sie nichts zu tun.

0 Kommentare

Neuester Kommentar