Ausstellung "Scores" im Hamburger Bahnhof : Die Ideen fliegen von Kopf zu Kopf

Die Kombination von bildender Kunst und Musik gewinnt in digitalen Zeiten eine neue Relevanz. Der Hamburger Bahnhof zeigt mit "Scores", wie diese Verbindung aussehen kann.

von
Jorinde Voigts „Partitur Radical Relaxation (I) bis (VII)“.
Klangmuster. Jorinde Voigts „Partitur Radical Relaxation (I) bis (VII)“.Foto: Roman März/VG Bild-Kunst, Bonn 2016

Terrorangst im Atomkraftwerk. Der Bau in Form von Zylinder, Kubus und Kugel erregt Verdacht. „Konstruktionsfehler“, behauptet einer, und gleich werden alle nervös. So erzählt es ein französischer Comic von 1974. Man Rays Skulptur „Hommage à Priape“ besteht dagegen recht eindeutig aus einem Zylinder mit zwei dicken Kugeln links und rechts und einer obendrauf. Ein Phallus, da braucht man nicht lange zu überlegen.

Der Berliner Künstler Saâdane Afif bringt in der Ausstellung „Scores“ im Hamburger Bahnhof Man Rays Skulptur und den Atomkraftwerk-Comic zusammen. Die lustige Vermählung bildet den Ausgangspunkt für sein Werk „Vice de forme: Das Kabarett“. „Vice de forme“ heißt so viel wie Formfehler. Afif will wissen, was aus einer Idee, einer Form wird, wenn sie ihren Aggregatzustand verändert, wenn eine Skulptur zu Musik, zu einem Song wird. So lud er etliche Künstlerkollegen und Kuratoren ein, Songtexte zu Man Rays Skulptur zu schreiben. Beim Komponisten Augustin Maurs beauftragte er ein Kabarett für eine Sängerin und einen Pianisten. Zur Ausstellungseröffnung waren die ersten Töne zu hören – und zu sehen: Drei geometrische Figuren fungieren als Hauptdarsteller. Das fertige Werk wird in einem Konzert als Abschluss der Schau aufgeführt.

Das mediale Crossover bewegt viele

Die Ausstellungsreihe „Musikwerke Bildender Künstler“ gibt es seit 17 Jahren, Künstler wie Hanne Darboven, Yves Klein und Lawrence Weiner haben dafür musikalische Werke geschaffen. Die Kombination von bildender Kunst und Musik ist nicht neu, spätestens seit Dada und Fluxus hat sie in der Kunstgeschichte ihren festen Platz. Doch hat die Kontextverschiebung, der Medienwechsel, die Wandelbarkeit der Form in unserer superfluiden, digitalen Zeit eine andere Relevanz.

Zur Eröffnung kamen Musiker, Komponisten, Maler, Zeichner, Performer in großer Zahl. Das mediale Crossover bewegt viele. Das Beste daran: Alle verloren gleichermaßen etwas den Boden unter den Füßen, ja, man schwebte von einem Raum zum anderen. Was eben noch ein Bild war, eine Linie, ein Objekt – wird zum Klang und vom Klang zur Bewegung. Die Ideen fliegen von einem Kopf zum anderen, sind niemandes Eigentum. Wie im Netz wird alles tausendfach variiert.

Zeigen, wie Musik entsteht

Vier Künstler haben der Verein „Freunde Guter Musik Berlin“ und die Nationalgalerie diesmal eingeladen: neben Afif die Zeichnerin Jorinde Voigt, den Schweizer Konzeptkünstler Christian Marclay und den oft im Kunstkontext agierenden Komponisten Ari Benjamin Meyers. Alle vier beschäftigen sich mit Partituren und Notationen, die nun in den Rieckhallen ausgebreitet werden. Das tut nicht nur Christian Marclays filmischen Collagen, Dia-Shows und Comics gut, die ebenfalls als Partituren dienen. Jorinde Voigts Notationszyklus „Song of the Earth“ entfaltet sich in all seiner Farbenpracht. Voigt fertigte Pigmentzeichnungen auf Papier an, die sich in Serie gehängt zu Kapiteln zusammenfügen. Erlebtes stellt sie in den Zeichnungen in der ihr eigenen komplizierten Verschlüsselung dar. Man glaubt Wellen, Blüten und Delfinbuckel zu sehen. Diese wurden wiederum in einem Konzert im Hamburger Bahnhof vom Berliner Ensemble Zeitkratzer in Musik umgesetzt.

Auch für Meyers schwingt in der Musik mehr mit als nur das, was man hört. In drei riesigen Räumen zeigt er, wie Musik entsteht: vom Instrument zum musikalischen Thema, zur Partitur, zur Performance. In seiner Installation geht es auch um die Erinnerung an Musik. Jeden Tag kreiert ein Komponist an einem Schreibtisch im Ausstellungsraum neue musikalische Übersetzungen von Meyers’ an die Wand projizierten Partituren, die wiederum eine Flötistin sofort in Klang überträgt. Am Ende werden sämtliche Variationen in einer Performance aus der Erinnerung gespielt.

Hamburger Bahnhof, bis 13. 11.; Di/Mi, Fr 10–18 Uhr, Do 10–20 Uhr, Sa, So 11–18 Uhr. Konzerte, 13.11.; 18.30 und 20 Uhr.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben