Kultur : Ausstellung: So tun, als ob

Ronald Berg

"Als ob der rennende Lärm im Kopf mit leichter Hand in einen vibrierenden Horizont verwandelt werden könnte." Solch ein Satz erklärt natürlich gar nichts. Viel eher versucht er ein Bild zu evozieren. Anselm Stalder macht es dem Publikum mit dem Motto zu seiner Ausstellung "as if" nicht leicht. Denn die Hermetik des Schweizer Künstlers, dessen Arbeiten aus den letzten sechs Jahren in der Neuen Gesellschaft für bildende Kunst zu sehen sind, wird nur durch unsere eigene Einbildungskraft geknackt. Ein in ornamentaler Schnörkelschrift bemaltes Ölgemälde, der Flächenaufteilung an einen orientalischen Teppich erinnernd, offeriert sein vielfach wiederholtes und gespiegeltes "as if" wie eine Aufforderung, hinter der Oberfläche des Bildes weiterzudenken.

Stalder hat Kunstgeschichte, Ethnologie und Philosophie studiert. Das könnte dem Besucher einen Hinweis geben, um was es bei dessen Installationen, Zeichnungen und Plastiken geht. Stalder bewegt sich zwischen drei Polen: Wenn er ein Bild malt, geht es nicht nur um die künstlerische Produktion, sondern ebenso um die grundsätzlichen Fragen, was ein Bild eigentlich ist und in welchem Raum es wirklich existiert. Notwendigerweise kommt daher als dritte Instanz zwischen Bild und Bildreflexion der Körper hinzu. Bei Stalders Zeichnungen könnte man tatsächlich meinen, der eigentliche Ort der Bilder sei der Kopf: Die fantastischen Bildinventionen - Ufos, Aquarien für Tannenbaumspitzen oder Verwicklungen vor dem Geschlecht - scheinen jeder Art von Wirklichkeitsschilderung zu spotten. Interessanterweise ist diese als "Südfußkomplex" bezeichnete Serie aus insgesamt 192 großformatigen Siebdrucken, wovon die NGBK 68 zeigt, für eine psychiatrische Anstalt entstanden. Hier sollen, so der Plan, je vier dieser Blätter im Außenraum für jeweils drei Monate plakatiert werden. Nach 12 Jahren wird das Konvolut erschöpft sein und der Zyklus bleibt nur als Dokumentation sichtbar zurück. Die Bilder selbst werden sich aufgelöst haben, werden vielleicht in einem Raum und in einem anderen Zustand übergehen - in den der Erinnerung der Patienten, die sie vor sich hatten.

Dieser Ortswechsel durch Einverleibung findet seine Umkehrung in einer anderen Arbeit Stalders, wo das Bild den Betrachter gleichsam in sich aufnimmt. "Raum für den Körper - Raum für das Bild" heißt die Installationen, bei der Stalder eine Szene mit einer männlicher Figur auf vier Glasplatten gemalt hat. Diese grob, wie zerrissen wirkenden Ansichten gruppieren sich um einen leeren, quadratischen, an den Seiten aber durch die Bilder immer nur halb geschlossenen Raum hat, im welchem der Betrachter die Bilder sieht.

Um die Eindrücke, die bestimmte Erinnerungsbilder aus der Kindheit im Körper und Seele hinterlassen, könnte es bei Stalder "Opaken Kinder" gehen. Hier hat der 45-jährige Schweizer die Spuren von Schlägen plastisch konkretisiert. Die im Boxsport als Trainingsinstrument benutzte "Maisbirne" mit ihren diversen Einbuchtungen und Verformungen hat er dazu gleich dutzendfach in Keramik abgeformt und die kindskopfgroßen Einbleuungen in Traubenform von der Decke hängen lassen.

Auch die letzte Arbeit der Ausstellung, scheint wieder der Frage der Lokalisierung der Bilder zwischen Innen und Außen nachzugehen. Ganz hinten in den Räumen der NGBK hängen die aus Aluminium bestehenden Werbetafeln im schweizerischen "Weltformat" an der Wand wie die aufgeschlagenen Seiten eines Buches. Der Blick auf die matt-spiegelnde Fläche, wo sonst die Reklamebilder prangen, geht ins Leere, der Betrachter wird auf sich selbst zurückgeworfen. Die "Großen Worte", so der Titel der Arbeit, muß sich jeder selbst (er)finden. Vielleicht wird man angesichts dieser Provokation überraschend gewahr, dass der Denkraum der Imagination irgendwo im Ungefähren zwischen Bild und Wort liegen muß.

0 Kommentare

Neuester Kommentar