Ausstellung "Tempus Ritualis" : Gemeinschaftsrituale in Zeiten der Krise

Zehn Künstlerinnen aus Deutschland und Griechenland waren in Thessaloniki, um nach neuen Formen von Solidarität Ausschau zu halten. Jetzt ist die Ausstellung "Tempus Ritualis" in der Galerie im Körnerpark zu sehen.

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Balanceakt: Die Künstler Nina Fischer & Maroan el Sani luden Passanten in Thessaloniki zu einer Gemeinschafts-Performance ein. Sie sollten versuchen, ein rohes Ei aufzustellen. Wer es schaffen will, muss an sich glauben.
Balanceakt: Die Künstler Nina Fischer & Maroan el Sani luden Passanten in Thessaloniki zu einer Gemeinschafts-Performance ein. Sie...Fischer & el Sani, VG Bild-Kunst, 2014 and Eigen+Art Gallery

Kein Mensch will in Griechenland noch eine Ausstellung über die Krise sehen – hierzulande übrigens auch nicht, deshalb vermieden die Kuratorinnen Christina Dimitriadis, Christine Nippe und Evanthia Tsantila bewusst die Vokabel. „Tempus Ritualis“ nannten sie stattdessen ihr Ausstellungsprojekt, an dem zehn Künstlerinnen aus Griechenland und Deutschland beteiligt sind, und das nach Thessaloniki nun in Berlin Halt macht. Alle Künstler arbeiteten „in situ“ in Thessaloniki, ließen sich also von der Stimmung in Griechenlands zweitgrößter Stadt inspirieren. Welche Formen von Solidarität und Vergemeinschaftung sind in Zeiten der Veränderung zu beobachten, fragten die Ausstellungsmacherinnen. Bilden sich neue Rituale heraus, die den Alltag versüßen? Gibt es neue Formen von Freundschaften und Solidarität?

Bevor man sich auf die Rituale besinnen kann, fällt allerdings etwas anderes ins Auge, wenn man durch die Ausstellung geht. Eine gewisse impressionistische Farbstimmung zieht sich durch die Fotografien, Videos und Collagen, die dort zu sehen sind: helle, pastellige Szenen, das Blau des Himmels nicht knallig, sondern soft. Oft verschwimmt die mediterrane Architektur wie im Nebel oder im Traum, außer bei Lia Nalbantidou, die am sehr frühen Morgen die Hinterlassenschaften der Nacht fotografierte, was ebenfalls eine geheimnisvolle Stimmung erzeugt.

"Es gibt jetzt mehr Obdachlose", sagt Nalbantidou. Die Künstlerin machte es sich zum Ritual im Morgengrauen spazieren zu gehen. Sie fotografierte im Gras zurückgelassene Plastikstühle und Essensreste, verlassene Fabriken und temporäre Behausungen, alles in dem poetischen Licht, das sich einstellt, wenn es weder Nacht ist noch Tag.

Das Künstlerpaar Nina Fischer & Maroan el Sani fand eine clevere Möglichkeit, mit den Menschen ins Gespräch zu kommen, ohne konkret nach der Krise zu fragen. Sie forderten Passanten in Thessaloniki auf, ein rohes Ei auf einem Tisch aufzustellen. Eine Konzentrationsübung, die nicht nur ein schönes Portrait der Freiwilligen abgibt, sondern auch symbolisiert, um was es im Leben ständig geht, in der Krise umso mehr: die Balance zu finden. Eva Stefani hingegen zeigt in einem 45-minütigem Video griechische Senioren, die den Sommer in verschiedenen Spa-Orten verbringen und sich dort frei fühlen wie Teenager. Ein Ritual, das auch in Krisenzeiten Bestand hat.

Sie habe beim freien Blick von der brandneuen Strandpromenade aufs Meer ein Versprechen gespürt, eine vage Hoffnung, sagt die Berliner Künstlerin Pia Greschner. Es muss an den Inseln liegen, dort am Horizont. Oder vielleicht haben die Künstlerinnen die Atmosphäre des Übergangs, gespenstisch synchron, tatsächlich sichtbar machen können. Birgit Rieger

Galerie im Körnerpark, bis So 11.1., Di-So 10-20 Uhr, Eintritt frei

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