Ausstellung "The Botticelli Renaissance" : Primavera für Viktorianer

Wie die Bruderschaft der Präraffaeliten im England des 19. Jahrhunderts Sandro Botticelli wiederentdeckte.

von
Programmatisch: Edward Burne-Jones "The Mill" von 1870 erinnert nicht zufällig an die drei Grazien Sandro Botticellis aus der Frühlings-Allegorie.
Programmatisch: Edward Burne-Jones "The Mill" von 1870 erinnert nicht zufällig an die drei Grazien Sandro Botticellis aus der...Foto: Victoria and Albert Museum

Drei Frauen, die sich in tänzerischer Art die Hände halten. Ihre Körper in einer leichten Drehung. Ihre Identität hat die Kunstgeschichte entdeckt. Sie sollen die Cousinen jenes Mannes sein, der das Gemälde „Die Mühle“ bei dem Maler Edward Burne-Jones beauftragt hatte.

Doch unwillkürlich muss man vor allem an die drei Grazien Sandro Botticellis denken. An jene Damen, die in der linken Bildhälfte der Frühlings-Allegorie eine abgeschlossene Figurengruppe bilden. So haben das auch seine Zeitgenossen verstanden, als der englische Maler 1882 das Werk in der Londoner Grosvenor Gallery ausstellte. Der Romancier Henry James schrieb etwa, dass das Bild „ein Echo der italienischen Frührenaissance“ und „durchtränkt von der Liebe zu Italien“ sei. Recht hatte er.

Burne-Jones kannte die Primavera im Original, hatte sie in Florenz gesehen. Mit seiner Botticelli-Sehnsucht war er aber nicht der einzige. Der Brite war eine der wichtigsten Vertreter der Präraffaeliten, von denen die Forschung heute annimmt, dass wir die Popularität Botticellis ihnen mit verdanken. Denn die viktorianische Künstlerbewegung war eine der ersten, die den Renaissance-Maler nach langer Vergessenheit wiederentdeckte.

Burne-Jones, John Everett Millais oder Walter Cranes verehrten ihn, genauso ihre Mäzene und Förderer. Sie ahmten ihn in Komposition und Malweise nach, kamen verzückt von ihren Reisen zurück, wenn sie sich Botticellis im Original in Florenz oder dem Pariser Louvre anschauten und wurden auch zu Sammlern seiner Kunst.

Video
Die Werke Venus von Yin Xin (l) und von Andy Warhol in der Berliner Gemäldegalerie.
Botticelli – Seine "Venus" verzaubert die Welt

Liebenswürdigkeit, Anmut und Freiheit

Die Präraffaeliten, die sich als Bruderschaft verstanden, trugen ihren Namen nicht von ungefähr, hatten sie sich doch gegründet, um sich von der in ihren Augen sterilen Akademiekunst ihrer Zeit abzuwenden. Ihrer Meinung nach war die Kunst seit der Hochrenaissance erstarrt. Sie dagegen strebten nach der „aufmerksamen Beobachtung der unerschöpflichen Natur“, wie sie formulierten, nach der „kindlichen und ergebenen Anlehnung an die Natur“, nach Reinheit und Wahrhaftigkeit.

Realisiert sahen sie diese Prinzipien in der Zeit vor Raffael, in der frühen italienischen Kunst, vom Mittelalter bis zur Frührenaissance. Programmatisch formulierte das Frederic George Stephens 1850: „In fast allen Werken der Maler dieser Schule findet sich in der Tat ein Wesenszug von Liebenswürdigkeit, Anmut und Freiheit, der von keiner anderen Schule übertroffen werden kann.“

Dante Gabriel Rossetti, bildender Künstler und Dichter sowie präraffaelitisches Gründungsmitglied der ersten Stunde, trieb den Kult um den Florentiner Maler wesentlich voran. Er nannte Botticelli seinen „Mentor“ – auch wenn er selbst nie an den Arno gereist war. Sein Bruder, der Kunstkritiker William Michael schrieb: „Botticelli war zur damaligen Zeit wenig oder überhaupt nicht gefragt. Ich müsste mich schon sehr täuschen, wenn mein Bruder bei der kurz darauf einsetzenden Begeisterung für diesen faszinierenden alten Meister nicht die Hand im Spiel gehabt hätte.“

"Botticelli Renaissance" in der Gemäldegalerie
Ausstellungsvorbereitung zu "The Botticelli Renaissance". Der Tondo "Muttergottes mit Kind und anbetendem Johannesknaben - (Durchmesser 80 cm) und das Bild (rechts) "Christus als Erlöser" (um 1500) aus der Werkstatt von Sandro Botticelli werden von Babette Hartwieg, Leiterin der Restaurierungswerkstatt der Gemäldegalerie in Berlin-Tiergarten im Frühjahr 2015 begutachtet.Weitere Bilder anzeigen
1 von 29Foto: Thilo Rückeis
22.09.2015 18:04Ausstellungsvorbereitung zu "The Botticelli Renaissance". Der Tondo "Muttergottes mit Kind und anbetendem Johannesknaben -...

Die Primavera war die weibliche Idealgestalt

Botticelli hatte einen Zyklus zu Dantes „Göttlicher Komödie“ angefertigt. Rossetti arbeitete an Illustrationen zu Dantes Erzählung „Vita Nuova“, die er auch übersetzt hatte. 1867 kam er in den Besitz eines Frauenporträts von Botticelli, die sogenannte Smeralda Bandinelli. Zahlreiche Bildnisse von Damen aus Rossettis Hand ähnelten fortan diesem Gemälde, das er bei einer Christie's Auktion erstandenen hatte.

Der viktorianische Maler saugte es förmlich auf und zitierte es bis ins Detail: die Gesichtszüge und Gesten, den Bildaufbau. Rossetti war überzeugt davon, dass die Porträtierte jene war, die Modell für die Primavera gestanden hatte. Und die Primavera verkörperte die weibliche Idealgestalt der Bruderschaft.

Burne-Jones übrigens bestätigte, dass er seine Komposition der „Mühle“ (1870-1882) an die Primavera angelehnt hatte. Bei den Badenden im Hintergrund habe er sich bei Piero della Francescas „Taufe Christi“ bedient, ließ er sich entlocken. Mehr aber auch nicht. Die wahre Bedeutung des Gemäldes erschließe sich nur „den wenigen Menschen, die mir etwas bedeuten.“

In der Tat wirkt das Bild wie eine unwirkliche Traumszenerie, in der die Zeit stehen bleibt. Auch in diesem Sinne nähert sich Burne-Jones, der am liebsten zu Zeiten Botticellis geboren worden wäre, wie er sagt, seinem Vorbild an. Der britische Essayist Walter Pater und Zeitgenosse der Präraffaeliten hielt in seinen damals populären Studien zur Kunst der Renaissance fest: Botticelli sei ein Maler mit einem „Gefühl für unaussprechliche Melancholie.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar