Ausstellung über Edouard Manet in Venedig : Sittsame Venus, verruchte Olympia

Edouard Manet war in seinem Leben nur zwei Mal in Italien. Jetzt kehrt sein Werk zurück: in einer hervorragenden Ausstellung im Dogenpalast von Venedig.

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Edouard Manet, "Portrait von Émile Zola", 1868
Edouard Manet, "Portrait von Émile Zola", 1868Foto: Musée d'Orsay

Der französische Maler Edouard Manet (1832–1883) ist einer der am häufigsten ausgestellten und am umfangreichsten publizierten Künstler der frühen Moderne. Ob er darum auch schon als ausgeforscht gelten kann, ist dennoch die Frage. Sonst gäbe es nicht die Ausstellung „Manet. Rückkehr nach Venedig“, die in der Lagunenstadt bereits über 100 000 Besucher angezogen hat. Erstmals wird Manets „Olympia“ aus dem Pariser Musée d’Orsay Tizians „Venus von Urbino“ aus den Florentiner Uffizien an die Seite gestellt, wobei das einstige Skandalbild der „Olympia“ überhaupt erstmals auf Fernreise ging.

Nachdem der Künstler zwei Mal in der Lagunenstadt weilte, kommt er nun in Gestalt seiner Gemälde ein drittes Mal nach Italien, und zugleich wird Manet in die Nachfolge der italienischen Kunst eingemeindet. So ist das „Frühstück im Grünen“ in der kleinen Fassung aus dem Londoner Courtauld Institute dazugekommen, und daneben zeigt Marcantonio Raimondis berühmter Stich der Raffael-Zeichnung vom Urteil des Paris (vor 1520), was Manet in Italien studiert hat.

Da hätten die Ausstellungsmacher, Guy Cogeval als Präsident des Musée d’Orsay und Gabriella Belli, Leiterin der Stadtmuseen von Venedig, noch die Entdeckung hinzufügen sollen, die Aby Warburg bereits 1929 gemacht hat. Er machte zwei antike Sarkophage mit der Darstellung des Paris-Urteils sowie einer im Gras gelagerten Dreiergruppe ausfindig, die sich dann Raffael und später Manet zunutze machten. Warburg war beglückt, seine These vom Weiterleben antiker Motive bis in die vermeintlich so revolutionäre Moderne hinein belegt zu finden. Den Bogen zu Manet schlagend, ironisierte er dessen Darstellung als „göttliche Frühstückspause“.

Nun ist es die gängige, indessen problematische Ansicht, in Manet den zielstrebigen Revolutionär zu sehen. Das hat er sich schließlich deutlich genug verbeten, als er sich 1874 weigerte, mit der alsbald „Impressionisten“ genannten Gruppe auszustellen. Er wollte sich nicht nur die Chance auf Teilnahme am offiziellen Pariser Salon nicht verderben, sondern sah sich überhaupt als Angehöriger der akademischen Tradition. Der Skandal, den die nun in Venedig gezeigte „Olympia“ bei ihrer Präsentation im Salon von 1865 entfachte, galt der mangelnden Idealität der dargestellten Person, die als Prostituierte erkannt wurde und also als das Gegenteil einer idealisierten Venus wie derjenigen Tizians, die Manet in Florenz kopiert hatte. Die rohe Malerei Manets erregte gleichfalls Anstoß, aber doch eher als mangelndes Können und weniger als Ausdruck jener Modernität, für die es am begrifflichen Instrumentarium seinerzeit noch fehlte.

In Venedig wird der eigene und ganz besondere Weg Manets in die Gegenwart seiner Zeit deutlich

Das haben dann andere geliefert. Voran Émile Zola, der seinem Freund Manet 1876 die erste Monografie widmete, acht Jahre nachdem der Maler ihn in einem programmatischen Bildnis als Verfechter ebendieser sich herausbildenden Moderne festgehalten hatte. Auch dieses Gemälde ist in den effektvoll abgedunkelten Sälen des Dogenpalastes zu sehen. Daran wird ersichtlich, wie sorgsam die Auswahl der venezianischen Übersicht die Kunst Manets als eines ganz eigenen und besonderen Weges in die Gegenwart seiner Zeit deutlich macht.

Seit jeher war bekannt, wie sehr sich Manet für die spanische Malerei interessierte. So nahm er die damals noch furchtbar mühselige Reise in das rückständige Spanien auf sich, um Gemälde von Velázquez und Goya vor Ort zu studieren. Daraus resultierte dann der geradezu verschwenderische Gebrauch von Schwarz, von kompositorischen Eigenheiten wie dem non finito ganz abgesehen.

Erst vor einem Jahrzehnt hat das Musée d’Orsay die spanischen Vorbilder Manets herbeigeschafft. Doch in Spanien war der Künstler nur 1865; hingegen zwei Mal in Italien, 1853 und 1874, um vor allem Tizian und Tintoretto zu studieren. Er besah sich auch die religiösen Gemälde, wie Antonello da Messinas „Toten Christus, von drei Engeln getragen“ von 1475. Die stets anachronistisch anmutenden religiösen Motive bei Manet werden im Dogenpalast mit einem Mal als ein Kapitel der Auseinandersetzung mit der übermächtigen Geschichte der abendländischen Malerei deutlich. Manet sog in sich auf, was immer er sehen konnte.

So streng und sparsam die Ausstellung mit ihren nur 80 Katalognummern auch bestückt ist, versuchen Cogeval und Belli dann doch, in neun Kapiteln den ganzen Manet zumindest anzudeuten. So kommt es, dass im Verlauf des Rundgangs auch Durchhänger zu sehen sind und erst das Schlusskapitel wieder atemberaubend herausragt. Das hat jedoch mit Italien wenig zu tun: die Marinemalerei Manets, der übrigens als Jugendlicher zur See fahren wollte. Der „Hafen von Boulogne im Mondschein“ von 1868, ein Meisterwerk in Schwarz und Schwarzblau, brachte dem Maler den kommerziellen Durchbruch und die Vertretung durch den Galeristen Durand-Ruel, der Anfang 1872 gleich 24 Arbeiten übernahm. Als Manet sechs Jahre darauf den „Canal Grande in Venedig“ malte, kam ein farbfrohes, wenngleich herzlich beiläufiges Souvenirbild heraus. Aber immerhin wissen wir jetzt sehr viel genauer, was die italienische Kunst Manet geben konnte – und was nicht.

Venedig, Dogenpalast, bis 1. September. Katalog 40 €.

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