Ausstellung über Migration : Warten auf Kafka

In Bratislava führte eine Ausstellung über Migration zum politischen Konflikt. Die Werke von deutschen und osteuropäischen Künstlern sind nun in der Galerie Kunstpunkt zu sehen.

Giacomo Maihofer und Camilla Geier
Die fiktive „Refurental“-Agentur vermietet Flüchtlinge zu einem guten Zweck: um eine Mauer um die EU zu bauen.
Die fiktive „Refurental“-Agentur vermietet Flüchtlinge zu einem guten Zweck: um eine Mauer um die EU zu bauen.Foto: Jan Brockhaus

„Sie entsprechen nicht den Kriterien des Künstlers“, klärt eine junge Frau zwei Männer auf. Sie dürfen die Installation des slowakischen Künstlers Oto Hudec in der Galerie Kunstpunkt nicht betreten. Die beiden haken nach, wollen mehr über die Kriterien erfahren Auch wer es hinter den Holzlattenzaun geschafft hat, beäugt jeden Neuzugang: Dürfen nur bärtige Männer durch? Oder bloß Männer mit braunem Haar? Eine blonde Frau mit Kind darf passieren. Muss man lächeln? Schwarz angezogen sein? Gibt es überhaupt eine Logik? Die Aufsicht an der Tür schweigt. Die Auswahlkriterien dürfe sie leider nicht preisgeben, jedoch könne man es zu einem späteren Zeitpunkt gern beliebig oft wieder versuchen.

Das zentrale Thema der Ausstellung „Der Spiegel der Anderen - Mirror of Alterity“ ist damit gesetzt: Rationalität oder Willkür, was bestimmt den Auswahlprozess an den Grenzen Europas? Gerade in Osteuropa, wo die meisten der ausstellenden Künstler herkommen, droht dieser Diskurs das demokratische Fahrwasser zu verlassen. Auch die Geschichte der Berliner Ausstellung wirft ein Schlaglicht auf die Lage in der Slowakei. Die rechtspopulistische „Slowakische Nationalpartei“ ist Teil der Regierungskoalition geworden, die rechtsextreme Partei „Kotleba - Volkspartei Unsere Slowakei“ hat es erstmals ins Parlament geschafft. Das Land, das bis heute kaum Erfahrungen mit Migranten gemacht hat, weigert sich vehement, nicht christliche Flüchtlinge aufzunehmen. 2015 waren es weniger als zwanzig.

Der Kurator der Ausstellung, Juraj Carný, und seine Kollegin Lenka Kukurová reagierten vor Monaten auf diese Entwicklung. Mit einer Ausstellung in der Kunsthalle Bratislava wollten sie der diffusen Angst vor dem Unbekannten begegnen. Sie wussten weder, wie die Öffentlichkeit reagieren würde, noch was das Kulturministerium in dieser aufgeheizten Stimmung dazu sagt. Plötzlich wurde Zensur in der zeitgenössischen Kunst zum Thema. Aus Angst vor den Reaktionen verzichteten die beiden auf Werbung und Plakate. Ihre Sorgen erwiesen sich als begründet: Die Schau war zwar ein Erfolg, doch die Finanzierung weiterer Projekte wurde gestrichen. Der Arbeitsplatz von Carný, dem ehemaligen Leiter der Kunsthalle Bratislava, fiel kurz danach einer „Umstrukturierung“ zum Opfer. Die Heinrich-Böll-Stiftung Brandenburg holte Teile der Ausstellung nach Berlin. Die Kunst, die sich mit den Phänomenen des Fremdseins auseinandersetzt, befindet sich nun also selbst im Exil.

Porträts mit Schweineblut

Die politische Dringlichkeit und den Wunsch nach Mitgestaltung eines alternativen Diskurses sieht man der Berliner Ausstellung noch an. Einige der Arbeiten setzen sich mit der Lage im Land auseinander. So wie die Serie von Radovan Cerevkas Pastellzeichnungen. Sie greifen den Prozess auf, den die Slowakei gegen die EU führt. Der 1980 in Košice geborene und lebende Künstler hat das Szenario in seiner Version zugespitzt: Ministerpräsident Fico triumphiert hier, präsentiert eine Slowakei, die sich perfekt nach allen Seiten abschottet.

Noch drastischer ist das Porträt, das der Künstler Ján Triaka von Marian Kotleba gemacht hat, dem Parteichef der rechtsextremen Partei des Landes. Kotleba ist in Banská Bystrica, der flächengrößten Region der Slowakei, zum Gouverneur ernannt worden. Er bekämpft Kultureinrichtungen, die sich kritisch mit Migration auseinandersetzen, lässt Bürgerwehren patrouillieren, hetzt gegen Roma. Triaka hat ihn deshalb mit Schweineblut gemalt - in Anlehnung an das nationalsozialistische Paradigma von Blut und Boden.

Zynismus sind keine Grenzen gesetzt

Nicht weit davon stehen ein Sofa und ein kleiner Glastisch. Erst einmal unscheinbar präsentiert sich hier die „Refurental“-Agentur. Die Firma mit dem höchst einprägsamen Namen hat die Vermietung von Flüchtlingen aus aller Welt zu ihrem Geschäftsmodell gemacht. Privatpersonen können damit ihren sozialen Status steigern, NGO's Statisten für Werbebanner und Veranstaltungen finden und Journalisten Protagonisten für eine herzzerreißende Geschichte. Und 30 Prozent der Mietkosten werden gleich für einen guten Zweck verwendet: eine Mauer um die EU zu bauen. Zynismus und kapitalistischer Logik sind keine Grenzen gesetzt.

Apropos Grenzen: Da ist ja noch dieser Zaun. Immer wieder bildet sich am Eröffnungsabend eine kleine Schlange, sodass die Menschen anstehen müssen, wenn sie um Einlass bitten. Man spürt einen Hauch von Anspannung: „Werde ich eingelassen werden?". Und diese Hilflosigkeit, wenn man abgewiesen wird und nach kafkaesker Logik keine Möglichkeit hat, herauszufinden weshalb. Man kann es nur immer wieder versuchen.

Und wenn man drin ist? Dann sieht man eine Modelleisenbahn, die durch eine verschneite Landschaft fährt. Sowjetische Loks ziehen deutsche Waggons.

Galerie Kunstpunkt, Schlegelstr. 6.; bis 31. Oktober, Fr-Mo 12-18 Uhr

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