Ausstellung über Roma in Košice : Millionäre der Zeit

Luník IX in der ostslowakischen Stadt Košice gilt als eines der größten Roma-Ghettos Europas. Eine Ausstellung im Haus am Kleistpark zeigt fotografische und akustische Porträts.

Carolin Haentjes
Bunt und grell: Plattenbau-Patchwork in Košice-Luník IX.
Bunt und grell: Plattenbau-Patchwork in Košice-Luník IX.Foto: Anja Schäfer

Die Mauern sind sozialer und teilweise höchst realer Art. Mit den Mauern aus Vorurteilen und Armut, die Europas größte Minderheit von den Mehrheitsgesellschaften isolieren, wird man sofort konfrontiert, wenn man die audiovisuelle Ausstellung „Millionaires of Time ...“ betritt. Im schmalen Flur, der zu dem Projektraum des Hauses am Kleistpark führt, zeigt eine Fotografie heruntergekommene Wohnblöcke, Fenster ohne Scheiben, Feuer, Rauchschwaden; die von Gewalt geprägte Tristesse eines Ghettos. Auf der gegenüberliegenden Seite: zwei Bilder von Jungs in dunklen Jacken. Ihre Handbewegungen sind so flink, dass sie nur verwischt festgehalten wurden.

Die Berliner Fotografin Anja Schäfer bezieht sich mit ihren Arbeiten auf die gängigsten Vorurteile über Roma – besonders im Blick auf Luník IX, einen Stadtbezirk der ostslowakischen Stadt Košice. In Luník IX gibt es nur wenige Stunden am Tag Strom, und fast alle Menschen sind arbeitslos. Luník IX gilt als eines der größten Roma-Ghettos Europas. Wer dorthin fahre, sagt ein Taxifahrer in einem der Audiotracks der österreichischen Hörfunkautorin Elisabeth Putz, gehe auf Safari – weil man sich nicht traue, aus dem Auto zu steigen. Und die wilden Tiere? Das sind nach dieser Logik die Roma.

Schäfer und Putz haben mehrere Wochen lang Luník IX und die benachbarte Stadt Šaca besucht. Wo Journalisten sonst ein paar O-Töne einholen und wieder verschwinden, haben sie sich auf Begegnungen eingelassen. Es ist ihnen gelungen, eine Nähe aufzubauen, die den fotografischen und akustischen Porträts sofort anzumerken ist: Sie vermitteln einen authentischen Eindruck von Menschen in aussichtsloser sozialer Lage, von ihren Träumen und Glücksmomenten. Vom Willen zur Hoffnung, auch wenn es an allem mangelt. Denn dann ist man, wie es einer der Befragten ausdrückt, wenigstens ein Millionär der Zeit.

Kein Bild einer homogenen, abgeschlossenen Welt

Auch der Besuch der Ausstellung erfordert Zeit. Denn hier wird keineswegs das Bild einer homogenen und abgeschlossenen Welt entworfen, das leicht zu konsumieren wäre. Stattdessen eröffnet sich ein kaleidoskopartiger Blick in einen Mikrokosmos mit vielfarbigen Schicksalen, die andernorts fast nie zur Kenntnis genommen werden.

Der Blick aus dem Fenster am Kleistpark genügt, um sich an ein lokales Beispiel zu erinnern: Die Schau befindet sich nur wenige Meter vom sogenannten „Horror-Haus von Berlin“, das im letzten Jahr zweifelhaften Ruhm erlangte: Unter unklaren Verhältnissen wohnten dort mehrere Monate fast 200 Roma – man vermutete, weil der Eigentümer die Altmieter aus dem Haus ekeln wollte. Was auch immer es damit auf sich hatte: Die Roma sind verschwunden – einmal mehr, ohne dass sie überhaupt zu Wort gekommen wären.

Haus am Kleistpark (Projektraum), bis 31.7., Di–So 11–18 Uhr, Eintritt frei

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