Ausstellung : Vom Werden neuer Sinnesorgane

Carlfriedrich Claus war Utopist, Einsiedler, Schriftkünstler, Lautpoet. Eine Ausstellung in der Akademie der Künste zeigt jetzt sehr persönliche Dokumente aus dem Leben des DDR-Künstlers, der von der Freiheit nicht nur träumte.

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Teichlandschaft. Fotografie von Carlfriedrich Claus (1954).
Teichlandschaft. Fotografie von Carlfriedrich Claus (1954).Foto: E.Tschernow/VG Bild-Kunst 2011

Wie ein qualmendes Atomkraftwerk steht ein windschiefes Etwas in einer Landschaft aus filigran hingekritzelten Schriftspuren. Diese Assoziation lässt sich dieser Tage gar nicht unterdrücken. Und passenderweise trägt die Radierung von Carlfriedrich Claus den Titel: „Frage nach der Naturbeziehung, die nicht mehr auf Ausbeutung, Macht, Zähmung basiert, sondern auf Solidarität auch mit der Natur.“ Das Blatt stammt aus dem 1977 erschienenen „Aurora“-Zyklus, nur ein paar Dutzend Exemplare stellte der Dresdner „Verlag der Kunst“ damals her.

Nach der Wiedervereinigung bekam Claus den Auftrag, ein Werk für den Bundestag im umgebauten Reichstag zu schaffen. Er kopierte „Aurora“-Grafiken auf große Acrylplatten, die nun in der Wandelhalle von der Decke hängen, irritierend und unbegreiflich. In der nahen Akademie der Künste bietet sich jetzt die Chance, das Original aus der Nähe zu besehen, mitsamt Briefen und ausgeschiedenen Blättern, die den Arbeitsprozess erhellen. Claus experimentierte mit mehreren Druckplatten, die verschiedenfarbig übereinandergedruckt wurden. Dass eine Ausstellung den Prozesscharakter seines Werkes thematisiert, entspricht seinem Selbstverständnis: „Die vorliegenden Sprachblätter wollen weniger als ästhetische Objekte, vielmehr als Diskussionsforen und Vorschläge zu eigenen Exerzitien benutzt werden.“ Da Claus 1998 starb, hat er die Adaption für den Reichstag nicht mehr gesehen.

Ist je einem Bundestagsabgeordneten aufgefallen, dass der „Aurora“-Zyklus die russische Revolution als „realen Beginn universaler Veränderung“ feiert? In der originalen Grafikmappe liegen die Drucke in Umschlägen aus Pergamentpapier, auf denen Claus fleißig Lenin, Marx, Engels zitiert, neben Ernst Bloch, Paul Eluard und Goethe: „Unsere Wünsche sind Vorgefühle der Fähigkeiten, die in uns liegen.“ So von Goethe inspiriert, zeichnete Claus das „Werden neuer Sinnesorgane im Noch-Nicht-Gewordenen des Körpers“. Die Diktion verrät die Bewunderung des Wort-, Laut-, Schrift- und Bildexperimentators für Bloch, seine Utopie eines humanen Kommunismus.

Klar, dass dazu auch eine Revolution des Geschlechterverhältnisses nötig war. Der visionäre Einsiedler Claus dachte dabei nicht an die Aufgabe erotischer Besitzansprüche, sondern an die „Aktivierung der Negation des Sexualtriebs“ und „entfernungsunabhängiges Kommunizieren: mittels imaginativ im Herz erzeugter und bewegter Zeichen“. In einem Brief an das Ehepaar Bloch, erschienen in der aktuellen Ausgabe von „Sinn und Form“, schilderte Claus 1974 anschaulich seine Lebensumstände und Produktionsbedingungen: Er werkelte in einer Butze unter dem Kino von Annaberg im Erzgebirge, wo er 1930 zur Welt gekommen war. Ohne die Nachbarn zu stören, konnte er hier nachts beim Arbeiten laut vor sich hin sprechen. „Vor 15 Jahren entschied ich mich in sexueller Hinsicht für Triebverzicht und erfuhr später die Energien, die dadurch entstehen können.“ Beim Guru Bloch bedankte sich Claus für Hilfestellung bei der Umleitung der überschüssigen Triebenergie in die „Entwicklung papillarliniger Exerzitien“, sprich Zeichnungen.

Die von Matthias Flügge und Brigitta Milde kuratierte Ausstellung setzt sie perfekt ins Licht. Doppelseitig beschriftete und bezeichnete „Sprachblätter“ auf Pergamentpapier stehen in Glasrahmen aufrecht im Raum, so dass man die zarten Gebilde von beiden Seiten betrachten kann: mal im Auflicht, mal im Gegenlicht. These und Antithese, mit der linken und rechten Hand zu Papier gebracht, dieses dialektische Verfahren entdeckte Claus in den Sechzigern ganz allein für sich. „Buchstabenschwärme gehen in der grauen Rinde als Sternbilder auf“, notierte er seinerzeit in ein Tagebuch.

Erstmals zeigt eine Ausstellung auch den Weg dahin: Notizbücher mit Traumprotokollen, frühe fotografische Experimente nach dem Vorbild der Surrealisten, von der Konkreten Poesie beeinflusste Gedichte, in denen die Wörter in Laute und Buchstaben zerfallen. „Klang-Gebilde“ speicherte Claus seit 1959 auf Tonband, aus solchem Material gestaltete er 1995 einen für die Akademie-Ausstellung rekonstruierten „Lautprozess-Raum“, in dem die Besucher Lautcluster via Bewegungsmelder auslösen.

„Geschrieben im Nachtmeer“: Der Titel der Ausstellung stammt von einer Grafik, deren nervöses Gekritzel zu einer konturlosen Fläche von meditativer Ruhe verschmilzt. Aus anderen Sprachblättern wachsen Insekten, Augen und surreale Figuren. Wie mit Blutstropfen geschrieben wirkt das Blatt „Fernwirkung der Russischen Revolution“. Vergraben in der DDR-Provinz, misstrauisch beäugt von den DDR-Kunstaufsehern und der Stasi, nahm sich Carlfriedrich Claus eigensinnig eine Freiheit, von der andere Künstler nicht mal zu träumen wagten.

Akademie der Künste am Pariser Platz 4, bis 5. Juni; Di-So 11-20 Uhr. Ausstellungsmagazin 8 €; das Märzheft der Zeitschrift „Sinn und Form“ mit dem Briefwechsel zwischen Carlfriedrich Claus, Ernst und Carola Bloch 9 €.

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