Ausstellung : Von der Gegenkultur in die Gegenwart

Kalifornien ist die Wiege der Welt: Die Ausstellung "The Whole Earth" im Berliner Haus der Kulturen der Welt.

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Monster Magnet: Philipp Lachenmann SHU Still, 2003/2008. Lightjet Druck hinter Acryl.
Monster Magnet: Philipp Lachenmann SHU Still, 2003/2008. Lightjet Druck hinter Acryl.Foto: HKW/Galerie Andreas Binder und Philipp Lachenmann

Das Glück lässt sich bestellen, die gute Zukunft kostet ein paar Dollar mehr – und wem beides nicht hilft, der kann immer noch Tantra üben oder sich ein bisschen optimieren. Der „Whole Earth Catalog“, die Bibel der Hippies, war dick wie der „Quelle-Katalog“, offerierte aber die Konsumwelt für ein besseres Leben. Eines der heute raren Exemplare, die von 1968 bis 1972 regelmäßig und danach noch mehrere Jahrzehnte lang sporadisch erschienen, liegt nun im Haus der Kulturen der Welt (HKW).

The Whole Earth
Monster Magnet: Philipp Lachenmann SHU Still, 2003/2008. Lightjet Druck hinter Acryl.Alle Bilder anzeigen
1 von 7Foto: HKW/Galerie Andreas Binder und Philipp Lachenmann
23.04.2013 14:19Monster Magnet: Philipp Lachenmann SHU Still, 2003/2008. Lightjet Druck hinter Acryl.

In einer Ausstellung, so übervoll an Texten und Tablets, wie man es von einem diskursiven Thema erwartet, vielleicht auch befürchtet. Doch dann taucht man ein in „The Whole Earth – Kalifornien und das Verschwinden des Außen“. Studiert fasziniert die Gegenkulturen der sechziger und siebziger Jahre. Und verbringt idealerweise Stunden mit Jefferson Airplane, dem Konzeptkünstler Jack Goldstein, Videoveteran Ira Schneider, Robert Frank als fotografischem Chronisten der Beat-Kultur und natürlich Stewart Brand – jenem Mann, der in seinem Bessere-Welt-Katalog nicht bloß auflistete, was die Kommune zum Leben braucht. Sondern der zugleich ein früher, glühender Anhänger elektronischer Netzwerke war und den Begriff des „Personal Computer“ erfand. Steve Jobs – in Kalifornien geboren und gestorben – soll in Brands „Whole Earth Catalog“ einmal den Vorläufer von Google erkannt haben. Was wohl auch daran liegt, dass man hier unglaublich früh per E-Mail ordern konnte.

Im Bauch des HKW schlummern also die kollektiven Erinnerungen einer ganzen Generation. Was sie mit der Gegenwart verbindet, ist das wahre Thema dieser Ausstellung, die ihre eigene Geschichte von der Geburt der Erde erzählt. Ein wenig anders, als sie sich in der Bibel oder den Naturwissenschaften darstellt. Denn hier geht es um die Nachwehen einer medialen Sensation, genauer: um die ersten Satellitenbilder vom Blauen Planeten. Und darum, was die nördliche Halbkugel nach 1945 aus dieser phänomenalen Ansicht gemacht hat.

Wie ein Leitmotiv wölbt sich „The Whole Earth“ durch die gleichnamige Schau. Als Kulisse für die Sphärenduelle früher James-Bond-Filme, in denen das Feindbild noch exakt zu kartografieren war und „der Russe“ sich pausenlos in der Entführung amerikanischer Raumfähren übte. Und ebenso als Hintergrundmotiv für Stanley Kubricks Science-FictionKino einer „Odyssee im Weltraum“ von 1968, in der Supercomputer HAL drei Astronauten im schwerelosen Schlaf die Luft abdreht. Zur selben Zeit druckt Brand ein Bild des Blauen Planeten auf seinen Bestellkatalog. Dafür musste er allerdings erst eine Kampagne gegen die Nasa anzetteln, um die Raumfahrtbehörde zur Veröffentlichung der ersten Fotos aus dem All zu zwingen.

Die Ausstellung kombiniert solche Materialien mit historischen Arbeiten etwa von Richard Serra, der keineswegs als Monumentalbildhauer begonnen hat. Sein Video „Boomerang“ von 1974 reflektiert die Koordination von Sprechen und Denken, wenn er die Künstlerin Nancy Holt mit Sätzen beschallt, die sie kurz vorher vorgelesen hat. Holt reagiert konfus, weil sie sich unwillkürlich selbst zuhören muss. Ergänzend zeigt „The Whole Earth“ aber auch Dokumente der Pop-Kultur, die sich bis heute als politische Geste lesen lassen. Wenn etwa das Plattenlabel Blue Horizon 1969 eine Doppel-LP namens „The Blues“ produziert und auf das Cover eine Abbildung des Planeten Erde druckt. Zu hören ist Musik afroamerikanischen Ursprungs, im Wechsel gespielt von Fleetwood Mac, Ma Rainey und Sunnyland Slim. Weiße Rockbands und schwarze Veteranen globalisieren den Blues in einer Gesellschaft, die Segregation noch immer heimlich oder ganz offen wie in Südafrika für selbstverständlich hält.

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