Ausstellung von Jimmie Durham : Goslar dreht am Rad

Die Stadt im Harz ehrt ihren Kaiserring-Träger Jimmie Durham mit einer Schau. Der geht geschickt auf die mittelalterliche Geschichte Goslars ein.

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Auf einen Schlag. Jimmie Durham zertrümmert in seiner anderthalbstündigen Performance „Smashing“ Alltagsgegenstände der Gegenwart mit prähistorischem Werkzeug.
Auf einen Schlag. Jimmie Durham zertrümmert in seiner anderthalbstündigen Performance „Smashing“ Alltagsgegenstände der Gegenwart...Foto: © Jimmie Durham

Ein Baum aus Knochen, Leder und Plastik wächst in Goslar zum „Zentrum der Welt“. So heißt eine neue Arbeit von Jimmie Durham, an der dazu ein Lenkrad hängt. Die Stadt dreht demnach am Rad, weil Jimmie Durham es so will. Dabei hat sie den Künstler ausgewählt und zum aktuellen Träger des Kaiserrings gekürt. Eine Auszeichnung, die das architektonische Kleinod Goslar alljährlich mit einer großen Ausstellung quittiert. Dabei vergeht zwischen der Bekanntgabe des Namens und der Ringvergabe ein gutes Dreivierteljahr. Eine Spanne, die die Schau zu einem der renommiertesten Kunstpreise zu Unrecht in den Schatten drängt: Sie gibt dem Künstler Zeit, mit aktuellen Arbeiten zu reagieren.

Durham, der weise Mann im Betrieb mit über fünfzig Jahren künstlerischer Erfahrung, nutzt die Chance. Seine Werke stammen überwiegend von 2016, eine Skulptur wie „The Center of the World in Goslar“ verhandelt direkt ein Wandbild im Kaiserhaus der Stadt. Es zeigt Karl den Großen bei der Zerstörung eines Baums, der damals in der Region als Zentrum der Welt galt. Der Künstler reflektiert den Verlust, die alte Wunde schließt er auf seine Art – mit einer Skulptur aus zeitgenössischen Materialien und jenem Lenkrad, das die Menschen zu Selbstfahrern ihres Schicksals macht.

Bäume gehören zu Durhams essentiellen Themen, 2012 pflanzte er ein Exemplar zum Auftakt der Documenta in Kassel. Ähnlich wichtig ist ihm aber auch die Transformation. Das Leben steht schließlich nicht still, und ältere Videos der Ausstellung zeigen, was der Künstler mit (unbelebten) Dingen macht, an die andere ihr Herz hängen: In „Smashing“ von 2004 atomisiert er mit einem prähistorischen Werkzeug alltägliche Gegenstände auf einen Schlag.

Dabei ist Durham eigentlich mehr ein Freund subtiler Kritik. Zerstörung ist weniger das Thema als die Möglichkeit einer Existenz unter fortwährend veränderten Bedingungen. Erinnern muss man sich, doch dazu braucht es keine tote Materie. Durhams Gedächtnis artikuliert sich in einem Video wie „My Childhood“ (2014) mit à cappella gesungenen Liedern. Ihre Texte sind rassistisch oder misogyn, doch der Künstler, 1940 in Arkansas geboren und lange Zeit als politischer Aktivist engagiert, hat sie im Kopf. Fest verankert, sind sie eine stete Erinnerung an die unsichtbaren Instrumente der Manipulation.

Von „unerwarteten Assoziationen, die die Sicht auf die Realität mit Scharfsinn und Humor verändern“, spricht die Jury des Kaiserrings in ihrer Begründung für die Wahl. Ihr gefällt, dass der Künstler noch den persönlichsten Eindruck in eine allgemein gültige Einsicht zu überführen vermag. Dass er dafür keine Ressourcen schluckenden Riesenskulpturen aufstellt, sondern bloß ein paar Fundstücke braucht, die es aus dem richtigen Winkel anzuschauen gilt. Da zeigt sich, dass der in Berlin ansässige Durham ein weit gereister 76-Jähriger voll Erfahrungen und Einsichten ist.

„Evidence“ heißt denn auch die größte, raumfüllende Installation in Goslar. Eine ebenfalls neue Arbeit, die gewöhnliche Objekte wie Kleider, ein paar Schuhe, getrocknete Pflanzen und Bücher versammelt. Gut sortiert hängen sie an den Wänden oder liegen auf einem meterlangen Tisch. Wer mag, kann Sinnfäden zwischen den einzelnen Arrangements spinnen und wird sie – je nach Ansatz seiner Interpretation – zum passenden Fazit verknoten. Die trockenen Blätter, eine altertümliche Waage, ein Mörser und ein seltsam zusammengesteckter Apparat: Ist dies das Equipment einer Kräuterkundigen? Oder doch die Giftküche einer Hexe?

Zum Ambiente einer Stadt, deren mittelalterliche Geschichte überall gegenwärtig ist, passt die Inszenierung perfekt. Denn das gab es ja, dieses inquisitorische Wüten, das alles vernichtete, was nicht ins Schema passen wollte. Frauen mit Wissen wurden verbrannt. „Wenn die Behörden in ein Haus oder eine Wohnung einbrechen, kann von ihnen alles, was sie dort finden, als Beweis für die Kriminalität herangezogen werden“, sagt Jimmie Durham und macht Kunst, die sich lokal in den Kontext fügt und dennoch global gültig ist.

Mönchehaus Museum, Goslar, bis 29. 1.

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