Ausstellung von Viktoria Binschtok bei C/O Berlin : Surfen auf dem Bildermeer

Ausdrucksstarke Bilder reichen nicht mehr: Bei C/O Berlin spielt Viktoria Binschtok mit dem Medium Fotografie im Netzzeitalter - und zeigt, wie biegsam Sprache sein kann.

Jens Hinrichsen
Globes (2014), Blick auf die Installation im Museum Furtwangen.
Globes (2014), Blick auf die Installation im Museum Folkwang.Foto: Viktoria Binschtok

Gartenscheren, Gardinenstangen oder Globen findet man günstig in Internetauktionen. Ferne Metropolen lassen sich via Google Street View ebenfalls im Netz erkunden – auch dies dank Fotografien. Im digitalen Surfparadies interessieren nicht die autonomen Bilder: die Fotografie ist sozusagen „embedded“ ins Netzgeschehen. Aber bei C/O Berlin, in der Soloschau von Viktoria Binschtok, bekommen solche Bilder ein spezifisches Gewicht, es wird Kunst daraus.

Die Bedingungen für Fotokunst haben sich seit dem World Wide Web drastisch geändert, die Grenzen zu anderen Genres und Medien wurden durchlässiger. Der deutsche Pavillon auf der Venedig-Biennale bietet ein markantes Beispiel: Florian Ebner, ausgewiesener Fotoexperte und diesjähriger Kurator des Pavillons, hat statt der – allgemein erwarteten – Fotoausstellung eine Gruppenschau über das Bildermachen kuratiert. Realistisch wirkende Bilder brauchen keine Kamera mehr, und so ist Hito Steyerls hinreißend-medienkritisches Video für Venedig, „Factory of the Sun“, zum erheblichen Teil mithilfe von Computern und „Motion Capture“-Technik entstanden.

Die Foto-Essayistin Binschtok zeigt: Sprache ist biegsam

Die Berliner Künstlerin Steyerl spricht von „Lichtmaschinen“, die ihre eigene Wirklichkeit produzierten. Logische Folge: Menschliche Produzenten müssen um Teilhabe kämpfen. Für Künstler kann es nicht mehr (nur) um ausdrucksstarke Bilder gehen. Viktoria Binschtok – 1972 in Moskau geboren, in Nordrhein-Westfalen aufgewachsen, bis hin zum Meisterschülerstudium bei Timm Rautert in Leipzig weitgehend als klassische Fotografin geschult – hat das früh begriffen.

"Marriage is a lie/ Fried chicken" 2015.
"Marriage is a lie/ Fried chicken" 2015.Foto: Viktoria Binschtok

„Thinking about Photography“ heißt die C/O-Reihe, die den jüngsten Metamorphosen des Mediums Rechnung trägt. Wie sich Fotopraxis generationenabhängig modifiziert, ahnt man im Vergleich mit den „Genesis“-Fotografien des 1944 geborenen Sebastião Salgado, jedes Bild ist dort ein solitäres Schwarz-Weiß-Gemälde aus Licht und Schatten. Einen Stock höher im Amerikahaus geht die Foto-Essayistin Binschtok unserem Alltag mit Bildern auf den Grund. Ihr Ausstellungstitel „Marriage Is A Lie / Fried Chicken“ geht auf den Interpretationsspielraum zurück, den eine ramponierte Schriftzeile über einem Kreuzberger Imbiss bot. Zwei des Arabischen Kundige lasen ganz Unterschiedliches aus der fotografierten Schrift heraus. Sprache ist biegsam, davon erzählen Binschtoks Werke.

Drei ihrer Serien werden im Fotoforum C/O präsentiert, die früheste entstand 2002 und stammt aus der Kollektion des Essener Folkwang-Museums: Florian Ebner, hauptamtlich Leiter der dortigen Fotosammlung, zeigte Binschtoks „Globen“ 2014 im Rahmen der Gruppenschau „(Mis)Understanding Photography“. Das Werk funktioniert wie ein Essay über Fotografie im Zeichen des Internets. Etwa 40 gerahmte Fotos von Erdkugeln, die private Ebay-Anbieter damals ins Netz gestellt hatten, hängen an den Wänden. Dass die Fotografin die abgebildeten Globen auch bestellte, heißt nicht, dass sie die Ware je ausgepackt hat. Die seit über einem Jahrzehnt ungeöffneten Kartons sind Teil der Installation: Das (digitale) Bild kann es mit der Wirklichkeit aufnehmen.

Welches Bild ist Ausgangspunkt, welches Original?

Natürlich trügt der Vertrauensvorschuss, mit dem wir den Bildermaschinen begegnen. Für die Bildpaare der Serie „World of Details“ (2011/12) fuhr Binschtok zweigleisig. Einmal „spazierte“ sie, wie sie selber formuliert, via Google Street View durch New York und fixierte Schwarz-Weiß-Versionen der aus dem Netz gefischten Bilder auf Holzplatten. Was automatische, auf Autos montierte Kameras anonym fotografierten, verwandelte die Künstlerin in ein Objekt, das zunächst wie gute alte „Street Photography“ wirkt. Außerdem suchte Binschtok die realen Orte auf, um Bilder jenseits der verpixelten Oberfläche zu machen. Ihre in Farbe selbst fotografierten, in größerem Format abgezogenen Bilder unterscheiden sich mit engerem Anschnitt und in abweichenden Details von den Street-View Miniaturen. Ob es sich um die identischen oder nur ähnliche New Yorker Schauplätze handelt, bleibt unklar. Ebenso unbeantwortet ist die Frage nach der Reihenfolge: Welches der beiden Bilder ist der Ausgangspunkt, das Original?

Die künstlerische Fotografie muss sich neu formatieren

Binschtoks dialogischer Arbeitsprozess verschachtelt sich in der aktuellen Werkreihe der „Cluster“ (seit 2014) weiter. Jeweils ein Bild aus dem Archiv der Fotografin wird zum Ausgangspunkt einer Bildersuche im Internet: Der Algorithmus fischt Fotografien mit ähnlichen Formen, Farben und Strukturen heraus. Der sechsteilige „Endless Cluster“ zeigt ein Detail von Eduard Müllers marmorweißer „Prometheus“-Skulptur in der Alten Nationalgalerie, ein Paar blasser Frauenfüße in cremefarbenen Pumps oder ein Bündel Spargel. Seltsame Geschichten entstehen – in den Köpfen der Betrachter. Indem Binschtok die Bilder aus dem Netz als Vorlage für reinszenierte Fotos verwendet, verwischt die Künstlerin die Spuren der automatisierten Auswahl. Der Netzalgorithmus wird zur Produktivkraft bei der Werkherstellung. Trotzdem bestimmt die Künstlerin, wo es langgeht. Souveränes Surfen statt Untergang im Bildermeer.

Dass Binschtok, durchaus an die Surrealisten erinnernd, „Cadavre exquis“, also Zufallsprinzip, im Verein mit dem Internet spielt, zeigt Flexibilität und Humor im Umgang mit einem Medium, das die Weltwahrnehmung tiefgreifend verändert. Wer am Ende die Bilder generiert hat, der Algorithmus, die Künstlerin oder beide, spielt eine untergeordnete Rolle. Viktoria Binschtok führt mit ihren diskursiven Werken vor, dass sich die künstlerische Fotografie insgesamt neu formatieren muss, wenn sie mit dem Alltag mithalten will.

C/O Berlin, bis 16. 8., Mo–So 11–20 Uhr

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben