Ausstellung „Wintersaat“ : Spätes Sprießen

Welkende Blätter, leere Saathülsen, papierene Wurzelknollen: Die Fotografin Heidi Specker verfremdet in ihrer neuesten Schau im Mies van der Rohe Haus Naturaufnahmen.

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Statt Blütenzauber. Heidi Specker holte die Stecklinge ins Atelier.
Statt Blütenzauber. Heidi Specker holte die Stecklinge ins Atelier.Foto: VG Bildkunst Bonn 2017

„Pflanzenfotografie ist ein gefährliches Feld des Schönen, Romantisch-Kitschigen“, sagt die Fotografin Heidi Specker. Deshalb hat sie jeden Blütenzauber vermieden, als sie gefragt wurde, die Pflanzen aus dem Garten des Mies van der Rohe Hauses zu fotografieren. „Von der Natur der Kunst / Die Kunst in der Natur“ lautete das Jahresmotto für die Ausstellungen in dem architektonischen Kleinod am Obersee in Hohenschönhausen. Die Bilder von Heidi Specker schließen den Reigen ab.

Sieben Symposien beleuchteten 27 prägnante Pflanzen im Garten – von der Cornell-Kirsche über die Yucca Palme bis hin zur penetranten Robinie. Mies van der Rohe entwarf die Villa am Wasser 1932/33 für den Druckereibesitzer Karl Lemke und seine Frau Martha. Heidi Specker kennt das Haus gut. Schon 2009 hat sich die Fotografin, die an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig lehrt, mit dem Zusammenspiel von Architektur und Natur in dem ehemaligen Landhaus beschäftigt.

In jedem Bild entsteht ein neues Geheimnis

In ihrer Ausstellung zur Kunst der Natur umgeht Heidi Specker das Erwartbare, sie fotografiert nicht im Freien, sondern schleppte Tüten mit den 27 Pflanzenstecklingen in ihr Studio. Sie ignoriert Blüten, saftiges Grün, üppige Frische, um der Schönheit aus dem Weg zu gehen. Stattdessen entwickelt sie „SAAT SEED“, so der Titel ihrer Serie, entstanden aus dem Samenkorn, inspiriert von einem Konzert des Rockmusikers Neil Young, der sich gegen genmanipuliertes Saatgut einsetzt. Analog zu botanischen Pflanzenkreuzungen erfindet Heidi Specker die fotografische Kreuzung, kombiniert eigene Fotos mit Bildern aus dem Archiv der Villa und vom Bauhaus. Unter den vertrockneten Zweigen, den von Raupen zerfressenen Blättern und Wurzelknollen weckt sie die Werke von Künstlerinnen aus dem Dornröschenschlaf.

Über einem Teppich von Gunta Stölzl schweben Blattgerippe wie dunkle Wolken. In die Ansicht eines Rückendekolletés montiert Heidi Specker eine Iriswurzel wie einen Haarknoten. Die nackte Wurzel schlängelt sich so befremdlich über die nackte Haut, dass die Natur hier wie das Andere, das Wilde wirkt. Und doch haben Iris und Fotografie eines gemeinsam – den Bezug zum Auge. Eine Illustration von Esther Bartning, der bis heute kaum gewürdigten Illustratorin von Karl Foersters Buch „Blauer Schatz der Gärten“, durchkreuzt die Fotografin mit der Silhouette eines vertrockneten Begonienblatts. In jedem Bild entsteht ein neues Geheimnis. Das Original ist kaum mehr zu erkennen, die pflanzlichen Rudimente auch nicht.

Zusammenspiel von Fotografie und Garten

Die welkenden Blätter und Zweige, die leeren Saathülsen, die papierenen Wurzelknollen bergen die gleiche Option für Wachstum wie Vergänglichkeit. Obwohl im Spätsommer entstanden, ist in den Bildern eine Vorahnung des Winters zu spüren, wenn die Bäume kahl und die Beetpflanzen braun vom Frost sind. Die Natur im Garten des Mies van der Rohe Hauses antwortet jetzt mit winterlicher Verweigerung auf die sperrige, spitzige, stachelige Kunst im Innern. Da korrespondieren Nicht-Pflanzenfotografie und Nicht-Blumengarten harmonisch. Aus dem spröden Zusammenspiel entsteht eine eigene Schönheit.

Mies van der Rohe Haus, Oberseestraße 60, bis 23.3.; Di bis So 11–17 Uhr

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