Ausstellung : Wir bauen uns ein Gefängnis

„Knast sind immer die anderen“: Eine Ausstellung der Galerie NGBK führt in den Knast Moabit

Kolja Reichert
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Einfahren. Ausstellungsbesucher auf dem Weg in die JVA Moabit. Nur ein Gerichtszeichner durfte mitkommen. Zeichnung: Martin...

Wem alle Waffen genommen wurden, dem bleibt immer noch der Galgenhumor: „Schön hier, wa?“, begrüßt ein herumstreifender Häftling die Besuchergruppe. Nein. Schön ist es im Moabiter Gefängnis nicht. Nicht auf dem Innenhof, wo seit den Erschießungen im Dritten Reich niemand saniert hat; nicht in der panoptischen Eingangshalle, von der die Blicke in die sternförmig abgehenden Gefängnisflure wandern, wo sich Maschendraht durch die Treppenhäuser spannt wie ein Spinnennetz. Schön ist es nicht, sich mit einem Gefangenen gegenseitig zu mustern wie durch den Zaun eines Raubtierkäfigs. Spannend, ja. Aber schön, nein. Doch bevor einer der verdutzten Gäste eine passende Antwort gefunden hat, nickt der Häftling und fügt an: „Mir jefällt’s ooch. Ick bleib wahrscheinlich hier.“

Darf man lachen? Man steht hier als jemand, der durch eine Reihe biografischer Glücksfälle draußen ist statt drinnen. Man ist ein Eindringling, fühlt sich ertappt. Der Gefangene ist der Souveränere, er macht Witze. Dabei ist es doch so: Für ihn ist es ernst, für mich ist es ein Ausflug.

Die Neue Gesellschaft für Bildende Kunst (NGBK) lädt zum Knastbesuch. Im frisch renovierten Schauraum in der Oranienstraße hat die außergewöhnliche Ausstellung „Knast sind immer die anderen“ eröffnet, an der Inhaftierte mitgewirkt haben. Häftling M. B. lieh sein E-Piano aus, das munter Mozarts „Rondo alla Turca“ klimpert. Häftlinge aus Bautzen bauten mit den Kuratorinnen einen Laden, der Gefängnisprodukte anbietet: Wein (den die Hersteller selbst nicht trinken dürfen), Richterroben (nun ja), Bio-Kaffee. Die Hamburger JVA Fuhlsbüttel pflegt gar die eigene Merchandisereihe „Santa Fu“. Produkte einer Parallelwelt.

Weltweit sitzen 9,8 Millionen Menschen in Haft, fast ein Drittel von ihnen in den USA. Dort kommen 751 Inhaftierte auf 100 000 Einwohner, in Deutschland sind es 91. Berlin führt bundesweit mit 151, einige Gefängnisse sind bis zu 130 Prozent überbelegt. Zur Entlastung entsteht bei Großbeeren bis 2012 die Haftanstalt Heidering, ein modernes Gefängnis ohne Wachtürme, mit Gemeinschaftsküchen und viel Glas. Wer will, kann nun mit Nadin Reschkes Aktion „Platzwahl beschränkt“ die alte Gefängniswelt besichtigen: Jeden Freitag fährt ein Gefangenentransporter von der Kreuzberger Oranienstraße in die Justizvollzugsanstalt Moabit. Zehn Leute sitzen da eng aneinandergedrängt auf Holzbänken. Die Anschnallpflicht, im Herzen des Gesetzes gilt sie nicht: Es gibt keine Gurte.

In einer Höreinspielung berichten Inhaftierte und Freigelassene vom Knastalltag. Das Leben dort, abgeschnitten von Freunden, Arbeit und Familie, sei wie im „Outer Space“, sagt einer. „Planet Tegel“ heißt die größte deutsche Haftanstalt unter Insidern (falls das Wort hier erlaubt ist). Gefangene und Astronauten, den Vergleich zieht auch die Künstlerin Laurie Jo Reynolds in ihrer Videoarbeit: beide abgeschnitten von der Zivilisation, der eine ihr Held, der andere ihr Feind. Ein wenig lässt sich dieses Verlorensein auf der ersten Probefahrt nachfühlen. Nur ein Dachfenster gewährt die Sicht nach draußen, auf die Hochhauswände des Potsdamer Platzes, die vorbeihuschenden Oberlichter des Tiergartentunnels, und schließlich, das ging aber schnell: Stacheldrahtzaun.

Was hier geschieht, ist eigentlich gar nicht möglich. Immer wieder stand das Projekt auf der Kippe, nur durch den Einsatz der leitenden Sozialarbeiterin der JVA öffnete sich ein Schlupfloch. Besichtigungen in Gefängnissen sind nicht erlaubt, aus Sicherheitsgründen und wegen der Persönlichkeitsrechte der Gefangenen. Kaum jemand weiß, was drinnen vor sich geht, kaum jemand will es wissen. Doch wer eine Gesellschaft verstehen will, blicke in ihre Strafanstalten: Michel Foucault sah in der Überwachungsarchitektur des Panopticon das Modell moderner Gesellschaften. Auch der 1881 erbaute erste Trakt von Moabit folgt den Ideen des Sozialreformers Jeremy Bentham: Aus einem Turm in der Eingangshalle ließen sich die Gänge überwachen. Heute hat man Videokameras.

Sechs von der Anstaltsleitung ausgewählte Häftlinge haben mit der Künstlerin Katharina Heilein während der letzten Wochen einen Kinoraum eingerichtet, mit selbst gebauten Pappmöbeln. In denen sitzt man nun. Im Raum hängen die sich kreuzenden Erwartungen, gegenseitige Unsicherheit. Häftling Marco führt ein Video vor, das die Arbeiten dokumentiert. Wie für einen MTV-Clip posieren die jungen Männer mit ihren Möbeln. Zwei Anstaltsmitarbeiterinnen in blauen Blusen sitzen auch mal Probe.

„Gibt’s Fragen?“ Marco blickt in die Runde. Verlegenes Schweigen. Es gäbe eine Menge Fragen. Etwa: Wer ist hier Autor – die Künstlerin oder die Häftlinge? In den kommenden Wochen sehen sie sich zusammen die britische Serie „The Prisoner“ aus den sechziger Jahren an, um anschließend über eigene Erfahrungen zu diskutieren. Will man sich denn im Gefängnis ausgerechnet mit Eingesperrtsein beschäftigen? Und dann steht natürlich immer die Frage im Raum: Was hast du gemacht, dass du hier bist?

Am Ende lockert sich die Atmosphäre. Robin, der sonst seinen Kunsttrieb mit Tätowierungen auslebt, erzählt von der Einsamkeit in der Zelle: „Die Gedanken drehen sich im Kreis, man fragt sich ständig: Warum hab’ ich das gemacht? Man kann durchdrehen dabei.“ Beim Möbelbauen konnte er Abstand gewinnen. Gefragt, was er im Haus ändern würde, sagt er nach kurzem Nachdenken: „Dass es mehr solche Projekte gibt.“

Robin hat noch einige Monate im Outer Space vor sich. Nirgends in Deutschland wird die Entlassung nach zwei Dritteln der Haft so selten gewährt wie in Berlin, beklagt Bernd Sprenger vom Verein Kunst und Knast in einem Katalogbeitrag und weist zudem auf eine paradoxe Entwicklung hin: Während in westlichen Ländern die Verbrechensraten sänken, steige die Zahl der Inhaftierten. Dabei zeigt ausgerechnet das Beispiel Texas, wie sich durch effektive Präventions- und Resozialisierungsmaßnahmen in einem Streich Gefangenenzahl und Kriminalität senken lassen: In den letzten Jahren wurden dort über 100 Millionen Dollar eingespart. Soziale Investitionen statt Gefängnisneubau – je knapper die Kassen, desto näher liegt ein Umdenken. Der Norweger Nils Christie sieht das Konzept Strafe gleich ganz überholt und Delikte als Gelegenheit, Werte auszuhandeln. Der Starkriminologe kommt im September zu einer Podiumsdiskussion in die NGBK.

Der Besuch ist um. „Die Zeit läuft so schnell“, sagt jemand. „Ja“, scherzt Marco, „das ist in dem Raum hier eigenartig, nicht wahr?“ Alle lachen. Dann schiebt er nach: „Für uns ist das nicht so.“

Ausstellung bis 27. 9., tgl. 12-19 Uhr, Oranienstr. 25. Podiumsdiskussion mit Nils Christie am 25. 9. um 19 Uhr. Anmeldung zum JVA-Besuch (Freitags 15-18 Uhr): E-Mail an ngbk@ngbk.de, Betreff „Shuttle“, mit Namen, Geburtsdatum und Personalausweisnummer.

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