Ausstellung zu Frankfurter Auschwitz-Prozessen : Täter wie du und ich

Vierzig Jahre Frankfurter Auschwitz-Prozess: eine Ausstellung im Berliner Martin-Gropius-Bau

Jörg Plath

1960 gewinnt der deutsche Segler Rolf Mulka bei den Olympischen Spielen in Athen eine Medaille – und bringt junge Staatsanwälte auf die Spur seines Vaters. Im November wird Robert Mulka verhaftet, der ehemalige Adjutant von Rudolf Höß, dem Kommandanten des Konzentrationslagers Auschwitz. Die Vorbereitungen für den Prozess, den der hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer plant, sind einen großen Schritt vorangekommen. Als er am 20. Dezember 1963 beginnt, zählt Mulka zu den Angeklagten.

183 Verhandlungstage lang untersucht das Frankfurter Schwurgericht das Zentrum des SS-Staates, an dem der „Begriff vom Menschen ausgelöscht“ (Hannah Arendt) wurde. 22 Angeklagte, eben noch unauffällige Bürger, müssen sich verantworten. 357 Zeugen werden gehört, unter ihnen 211 ehemalige Häftlinge. Einige reisen mit größten Bedenken an, manche, befragt nach ihren Erlebnissen, bekommen Weinkrämpfe. Als das Gericht am 20. August 1965 die Urteile verkündet und Richter Hans Hofmeyer über der Ermordung von Kindern die Tränen kommen, wissen Zeitgenossen schon: Mit dem Prozess wird die Scham über den Völkermord an den Juden Teil des nationalen Selbstverständnisses der Bundesrepublik Deutschland.

Auch moralische Fundamente sind nicht vor dem Vergessen gefeit, und so hat das Frankfurter Fritz-Bauer-Institut im letzten Jahr eine Ausstellung über den Prozess am historischen Ort im Frankfurter Bürgerhaus Gallus gezeigt. Nun ist sie in der einstigen Reichs- und Täterhauptstadt zu sehen – nicht im Deutschen Historischen Museum, sondern im beherzt sich engagierenden Martin-Gropius-Bau. Nebenan standen im Reichssicherheitshauptamt die Schreibtische von Himmler, Heydrich und Kaltenbrunner. Ein passenderer Ort ist kaum denkbar.

Aber wie einen Prozess ausstellen? Schubert-Sonatinen erklingen schon auf der Treppe, haben doch die Täter deutsche Klassik geliebt. Künstlerische Installationen wie diese von Bojan Sarcevic (Kurator: Erno Vroonen) lockern die Informationen auf, mit denen Kuratorin Irmtrud Wojak die Besucher um die Lichtkuppel und durch zwei Gänge schickt, bevor sie in den Hauptsaal gelangen. An der Stirnseite hängt eine Skizze des KZ Auschwitz, davor sechs totenschwarze Kuben. Wer sie betritt, wird mit je einem Täter konfrontiert: Foto, Lebenslauf, Zeugenaussagen, Plädoyers, Presseberichte. Rechts oben im Saalfenster der blaue Herbsthimmel, links an der Wand Fotos der Zeugen und vor den Augen Gräuel über Gräuel – die Ausstellungsarchitekten Holger Wallat und Anna Marita Lang machen den Besucher zum Richter.

Und dann erhebt sich, etwa in der Kabine des SS-Untersturmführers Hans Stark, zu dessen Aufgaben die Vergasung gehörte, eine Stimme aus den Lautsprechern direkt hinter einem: „Haben Sie das als etwas Unrechtes empfunden oder Menschenunwürdiges, oder wie soll ich sagen? – Nein. – Nicht? – Nein. – Sie haben das als durchaus rechtmäßig empfunden, weil das so befohlen war. – Damals ja.“ Stimmen aus dem Totenreich sprechen über zahllose Tote und unvorstellbare Todesarten. Diese Stimmen wird keiner wieder vergessen, der sie je gehört hat.

430 Stunden Originalton, einst aufgenommen als Gedächtnisstütze für das Gericht, haben Mitarbeiter des Fritz-Bauer- Instituts transkribiert. Was diese Arbeit an Nerven gekostet hat, kann ermessen, wem in der Kabine von Victor Carpesius, der Häftlinge selektierte und mit Phenolspritzen tötete, die schneidende Stimme seines Verteidigers Hans Laternser in die Ohren fährt: „Sehen Sie, man kann sogar die Meinung vertreten, dass der Selekteur dann dem einen oder dem anderen sogar ein Lebensretter war...“

Weil die deutsche Rechtsprechung Angeklagten bereitwillig attestierte, sie seien nur Gehilfen gewesen, mussten die Frankfurter Richter „Exzesse“ nachweisen. Es gelang in 17 Fällen. Die Urteile fielen freilich meist gering aus: „ein Toter = 10 Minuten Gefängnis“ höhnte eine Juristin bereits 1960.

Bedeutsam ist der Auschwitz-Prozess nicht wegen der verhängten Strafen, sondern wegen seiner politischen Wirkung. Er zeigte den Bundesdeutschen, dass die Vergangenheit mit Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen und Entnazifizierung nicht abgegolten war. Die Mörder lebten unter ihnen, ohne Angst vor Verfolgung haben zu müssen, und sie sahen aus wie du und ich. Auschwitz wurde Gegenwart, und es eroberte mit dem Theaterstück „Die Ermittlung“, in dem Peter Weiss Aussagen von Angeklagten, Richtern und Zeugen rhythmisiert, die Bühne.

Die beeindruckende Ausstellung will nicht einordnen, ja, nicht einmal ausdrücklich würdigen, wie Fritz Bauer den Prozess durchsetzte: Der ehemalige KZ-Insasse und Remigrant nahm mit der Volksrepublik Polen, zu der keine diplomatischen Beziehungen bestanden, Kontakt auf, er organisierte 1964 eine Auschwitz-Ausstellung und holte Künstler, Intellektuelle und Journalisten in die Sitzungen. Vom Gerichtsverfahren als Medium der Selbstaufklärung einer Gesellschaft, wie Bauer es verstand, führt ein überaus gewundener Weg zum Kriegsverbrecherprozess gegen Slobodan Milosevic. Daran wird jeder denken, der den Stimmen der Ausstellung fürs Erste entkommen ist.

Martin-Gropius-Bau, bis 19. Dezember, Mi – Mo 10 - 20 Uhr. Katalog, 870 S., 49,80 €, DVD-ROM (Directmedia) 49,90 €.

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