Ausstellung zu Robby Müller im Filmmuseum : Immer unterwegs

Ausstellung über einen großen Kameramann: Robby Müller, der „Master of Light“, arbeitete mit Wim Wenders, Jim Jarmusch und Lars von Trier.

Ekkehard Knörer
Dogma meets Musical. Björk in Lars von Triers „Dancer in the Dark“ von 2000.
Dogma meets Musical. Björk in Lars von Triers „Dancer in the Dark“ von 2000.Foto: Zentropa Entertainments

Der Blick aus der Vogelperspektive auf einen fahrenden Zug: eine Einstellung in „Alice in den Städten“, einem der wichtigen frühen Filme, die Wim Wenders mit dem Kameramann Robby Müller gedreht hat. Damals, 1974, war für beide noch sehr viel Anfang. Sie probierten und probierten und wussten nicht immer genau, was sie taten – zum Glück. Wenders erzählt, wie wenig sie vorbereitet waren auf die Unruhe des Helikopters, in dem sie mit der Kamera saßen. Müller fluchte wie ein Rohrspatz, und sie waren nicht mal sicher, wann der richtige Zug kommt. Müller filmte, es war der falsche Zug, sie flogen zurück, mehrmals, bis sie den richtigen hatten.

Der Hubschrauber, und mit ihm das Bild, wackelte wie verrückt, dann noch ein Zoom: Bewegung in der Bewegung, was nicht untypisch ist für die Bilder von Robby Müller. Einfach so aus der Hand filmt man eine solche Einstellung eigentlich nicht. Aber sie taten es doch. Was man im Film dann auch sieht, und genau so ist es gut. Dabei waren Wim Wenders wie Robby Müller ursprünglich sehr viel mehr von der Malerei und der Fotografie als vom Kino beeinflusst, etwa von dem Maler Edward Hopper und dem Fotografen Walker Evans.

In „Der amerikanische Freund“ (1977) versuchten sie, ihre Einstellungen in die starren Rahmen dieser Bildenden Künste zu zwängen. Nach zwei Tagen Dreh und einem ersten Blick aufs Ergebnis stellten sie fest: So geht das nicht. Und sie begannen von vorn, mit viel mehr Bewegung und Kamerafahrten. Zu Land und in der Luft: Das Statische liegt dem Bewegtbildgestalter Robby Müller fern, bei aller Ruhe, die die Filme von Wenders bestimmt, und nicht weniger die von Jim Jarmusch. Mit diesen beiden Regisseuren ist die Kamerakunst Robby Müllers am Engsten verbunden.

Nur Projekte, die Müller künstlerisch interessieren

Das Interview, in dem Wenders diese Anekdoten erzählt, ist in der ersten Ausstellung zu sehen, die die Deutsche Kinemathek in Berlin nicht einem Regisseur, einer Schauspielerin oder einem Schauspieler widmet, sondern einem Kameramann. Der 1940 geborene Niederländer Robby Müller ist für die Übernahme aus dem Amsterdamer Filmmuseum EYE eine gute Wahl, nicht zuletzt, weil sein Werk übersichtlicher ist als das vieler seiner Kollegen. Schaut man auf die Filmografien der meisten Kameramänner (und Kamerafrauen, von denen es freilich sehr viel weniger gibt), findet sich neben Meisterwerken in der Regel viel Kraut und viel Rüben.

Bei aller Kunst, die darin stecken kann: Bildgestaltung ist ein Handwerk und Film ein Business, manchmal muss einer nehmen, was eben kommt. Robby Müller dagegen hat fast nur bei solchen Projekten mitgemacht, die ihn künstlerisch interessierten – was eben für eine gewisse Überschaubarkeit sorgt.

Aber auch in einem solchen Ausnahmefall ist es nicht einfach, eine eigene Handschrift zu entwickeln. In aller Regel sind es doch die Regisseure, deren Vision und Idee sich die Bildgestaltung in letzter Instanz fügt: Der director of photography, wie es im Englischen anerkennender heißt, ist ein ausführendes Organ. Aber in Kooperation mit dem Regisseur, oft mit Eigensinn und einem eigenen Blick auf die Welt. Im Film kommen immer mehrere Blicke zusammen.

Melodram und Musical in freier Natur

Dabei kann die Zusammenarbeit recht unterschiedliche Formen annehmen. Wim Wenders zum Beispiel bestimmte die Kadrierung der Einstellungen meist sehr genau, ließ aber im Rahmen des gemeinsamen Konzepts Müller bei der Gestaltung des Lichts freie Hand. Müller bevorzugt das natürliche Licht, in Farbe und in Schwarz-Weiß. Er arbeitet nicht gerne im Studio, mit gutem Grund ist das Roadmovie das Genre, das er neu geprägt hat, gemeinsam mit Wim Wenders. Immer unterwegs, kein großer Aufwand, eine produktive Unruhe, die man noch in der ruhigsten Einstellung spürt. Kein Wunder daher, dass der Däne Lars von Trier bei dem Versuch, sich neu zu erfinden, in den neunziger Jahren auf Robby Müller kam. Mit „Breaking the Waves“ und „Dancer in the Dark“ versetzte er das Melodram und das Musical in die freie, ja freieste Natur. Die Kameraarbeit ist hier mit voller Absicht immer unruhig, manchmal gehetzt.

In manchen Szenen gab von Trier seinen Darstellern die Anweisung, unerwartete Dinge zu tun – und die Kamera so auf dem falschen Fuß zu erwischen. Zu dieser Herausforderung, der falschen Bewegung mit der Kamera auf dem Fuße zu folgen, war Robby Müller bereit. Die Dogma-95-Bewegung mit ihrer Liebe zum Unorthodoxen hat Müller viel zu verdanken, wie von Trier im Interview sagt.

Der niederländische Kameramann Robby Müller bei der Eröffnung von "Robby Müller - Master of Light" in Berlin.
Der niederländische Kameramann Robby Müller bei der Eröffnung von "Robby Müller - Master of Light" in Berlin.Foto: Sophia Kembowski/dpa

Wim Wenders, Jim Jarmusch, Lars von Trier. Das sind die drei Regisseure, auf die sich die Ausstellung im Filmhaus am Potsdamer Platz bei ihrer Präsentation des Werks von Robby Müller konzentriert. Für jeden der drei gibt es einen eigenen Raum. Man sieht Ausschnitte aus Filmen wie „Paris – Texas“ oder „Dead Man“ auf jeweils mehreren Leinwänden, digital gebeamt, also fern vom Film-Originalmaterial – im August folgt im Arsenal- Kino dann eine begleitende Müller-Retrospektive. Daneben finden sich sehr schöne Farbpolaroids, Briefe von und an Müller, Zeitungsausschnitte, Filmmagazin-Cover, auch ein paar Bilder aus Produktionen, die er mit anderen Regisseuren realisiert hat, „Barfly“ mit Barbet Schroeder zum Beispiel.

Immer eine kleine Kamera dabei

Vor allem jedoch sieht man Videoaufnahmen. Müller hatte am Rande seiner Drehs neben der eigentlichen Arbeitskamera immer eine zusätzliche kleine Kamera dabei, auch in dem Jahr, über das sich die Arbeit an Wim Wenders’ gigantomanem Werk „Bis ans Ende der Welt“ hinzog. Die Kamerafrau Claire Pijman hat aus Müllers Videomaterial kleine Filme zusammenmontiert, die auf Monitoren laufen. Da steht nun etwa Otto Sander im Gespräch mit Wim Wenders, es sind Roadmovies im nochmals freieren Sinn: Bilder der Welt, bei deren Gestaltung der Kameramann fast alles den Zufällen des Vor-Ort- und Dabeiseins überlässt.

Museum für Film und Fernsehen, Potsdamer Str. 2, bis 5. 11.; Di bis So 10 – 18 Uhr, Do 10 – 20 Uhr. Die begleitende Filmreihe im Arsenal-Kino ebenfalls im Filmhaus beginnt am 4. August mit „Der amerikanische Freund“ und endet am 17. 8. mit „Breaking the Waves“ (jeweils 19.30 Uhr)

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