Ausstellung zu Walker Evans : Der neutrale Blick

Der ganze Walker Evans: Eine Kölner Ausstellung revidiert das Bild vom engagierten Fotografen.

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Ästhetik des Unscheinbaren. Scheune in Neuschottland, um 1970. Foto: Katalog
Ästhetik des Unscheinbaren. Scheune in Neuschottland, um 1970. Foto: Katalog

Was Edward Hopper für die amerikanische Malerei, ist Walker Evans für die Fotografie. Er lieferte jene Bilder, die wir heute „ikonisch“ nennen. In ihnen scheint die Essenz dessen dargestellt zu sein, was wir unter US-Amerika verstehen: ausgestorbene Kleinstädte mit trostlosen Hauptstraßen, auf denen handgemalte Schilder auf kleine Ladengeschäfte verweisen, gesäumt von armseligen Holzhäusern mit Bewohnern, in deren Gesichtern sich das Elend eingegraben hat.

Evans’ Fotografien sind bestens bekannt durch zahlreiche Ausstellungen und Publikationen. Aber welchen Evans? Den der 1930er Jahre, als er im Auftrag der Resettlement Administration, der späteren Farm Security Administration (FSA), die verarmten Südstaaten bereiste, um mit seinen Bildern die Notwendigkeit der Hilfsprogramme für die Landbevölkerung zu unterstreichen. Den „ganzen“ Evans hingegen hat es hierzulande nie gegeben. Das holt jetzt die Photographische Sammlung der SK Stiftung Kultur in Köln nach, als Hüterin wertvollster Bestände von Sander, Bloßfeldt und den Bechers dafür prädestiniert. Über das Cincinnati Art Museum sind nun gut 200 Originalabzüge zu sehen. Der Titel „Walker Evans: Jahrzehnt für Jahrzehnt“ führt weg von den allfälligen Americana und verweist auf die Spannweite des ein halbes Jahrhundert fassenden Lebenswerks.

1938 steht der 1903 in St.Louis geborene Evans mit seiner Einzelausstellung im New Yorker MoMA auf dem Höhepunkt seines Ruhms. 1941 erscheint die Text-Foto-Dokumentation „Let Us Now Praise Famous Men“, die Evans gemeinsam mit dem Schriftsteller James Agee erarbeitet, aber nur mit Mühe in einem Verlag untergebracht hatte. Evans war zwar keine einfache Persönlichkeit, aber das Verlöschen seines Sterns lag eher am Eintritt der USA in den Krieg und dem Wandel der amerikanischen Kultur.

Seit 1945 arbeitete Evans für das Magazine „Fortune“, von dort stammt ein Großteil der zuvor kaum bekannten Fotografien. Andere, gänzlich unbekannte Konvolute entstanden in den Zwanzigern und frühen Dreißigern, aus Tahiti oder Kuba. Stärker als die durch ihre Motive aus dem armen Süden beeindruckenden FSA-Fotos zeigen die späteren Arbeiten Evans’ Grundauffassung, der sich zwar „auf Tatsachen und reale Gegebenheiten“ bezog, so Kurator Charles Crump, aber überraschenderweise „an einer sozialkritischen Fotografie nicht interessiert“ gewesen sei.

Ein Problem stellt die in heutigen Augen mangelhafte Qualität vieler Originalabzüge dar. Als Reportagefotograf machte sich Evans nichts aus der Vergrößerungstechnik und „hat zeitlebens gegen allzu schöne, künstlerische Fotografie, wie sie von Edward Steichen, Edward Weston und Ansel Adams bevorzugt wurde, Stellung bezogen“ (Crump). Die etwas verwaschenen und verfärbten Reproduktionen haben hier wohl ihre Ursache. Erst bei genauem Hinsehen entfaltet sich der Reiz einer dokumentarischen Fotografie, die eine poetische und melancholische Note offenbart.

Evans hat fotografiert, was ihm vor die Linse kam. Anders als Robert Frank ist ihm eine Indifferenz eigen, die der Kamera entspricht. Motivwahl und Bildausschnitt können bedeutungslos sein, oder gerade umgekehrt – nämlich offen für Interpretationen, die den Fotografien später hinzugefügt wurden. Ein Ladengeschäft in der Sonne, aber mit beschnittenem Firmenschild (1959), eine Hochhausbaustelle mit wiederum beschnittenen Stahlskeletttürmen (1963), ein leerer Küchentisch (1969): Das lässt auch die FSA-Fotos anders erscheinen. Evans betätigte sich in allen Genres, ob Porträt oder Landschaft. Evans war der Prototyp des Berufsfotografen. Was immer er sah, war ihm den Auslöser wert. Bernhard Schulz

Köln, SK Stiftung Kultur, , bis 20. Januar; Begleitbuch (Hatje/Cantz), 49,80 €.

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