Ausstellung zum Maler Stuart Davis : Jazz in Farbe

Er brachte den Swing auf die Leinwand: Das New Yorker Whitney Museum zeigt das Ausschnitte aus dem Werk des Malers Stuart Davis.

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„Swing Landscape“ im Jahr 1938.
Schmuckbild fürs Wohnhaus. Davis schuf die 220 mal 440 Zentimeter große Leinwand „Swing Landscape“ im Jahr 1938.Foto: Indiana University Art Museum/© Estate of Stuart Davis/VAGA

Im Winter 1950 erwarb Stuart Davis ein Fernsehgerät. Er war einer der Ersten, die das junge Medium nutzten – und genossen. Davis, damals 58 Jahre alt und ein anerkannter Künstler, war begeistert von der Überwindung von Raum und Zeit, die das Fernsehen mit der Zusammenschau disparater Ereignisse ermöglichte. Davis ließ den Fernseher laufen: „Ich schaue vielleicht einen Boxkampf, während ich an einem Gemälde arbeite, und irgendeine Handlung kann in mir eine Stimmung erzeugen, die mir eine Idee für ein Gemälde eingibt“, erläuterte er.

Früher hatte er beim Malen Radio gehört, manchmal aus mehreren Geräten gleichzeitig. „Gleichzeitigkeit“ ist überhaupt ein Schlüsselbegriff für die Kunst von Stuart Davis: Die fröhlich-rücksichtslose Gleichzeitigkeit des amerikanischen Alltags, den er bei der Arbeit in New York ebenso erlebte wie in den Sommermonaten an der Küste, prägte seine Kunst, die auf einer ganz eigenen Mitte zwischen Abbild und Abstraktion liegt.

Davis’ Kunst ist das visuelle Gegenstück zur ur-amerikanischen Musik des Jazz – und zuvor des Ragtime –, den er über alles liebte: „Ich hatte mein Leben lang Jazz“, sagte er im Rückblick: „Ich atmete ihn geradezu ein wie die Luft.“

Das Lebenswerk hat den Swing in sich

Einmal sogar nahm er eine Textzeile eines populären Hits in ein Gemälde auf, Duke Ellingtons „It don’t mean a thing/If it ain’t got that swing“ von 1931. Bezeichnenderweise heißt die anspruchsvolle Komposition, in der die Schrift erstmals bei Davis eine eigenständige Rolle als Bildelement einnimmt, „American Painting“. Davis hat sie später mehrfach überarbeitet, so wichtig war ihm, der doch auf raschen Verkauf seiner Arbeiten angewiesen war, dieses Gemälde.

Zu sehen ist es in der Ausstellung, die jetzt das Whitney Museum of American Art unter Federführung der langjährigen Kuratorin Barbara Haskell in seinem neuen, von Renzo Piano entworfenen Haus zeigt. Es ist die erste größere Ausstellung zu Davis seit einem Vierteljahrhundert; keine Retrospektive allerdings, weil das umfangreiche, vom Realismus des beginnenden 20. Jahrhunderts geprägte Frühwerk ausgenommen bleibt und die zahllosen Vorstudien auf Papier fehlen, auf denen der Atelier-Künstler Davis seine Bildideen zu skizzieren pflegte. So ist nun eine mit rund 100 Arbeiten sehr dichte Auswahl des reifen Lebenswerks zu sehen – und die hat den Swing wahrlich in sich.

Erst beim Lesen des Katalogs bemerkt man den tiefen Spalt zwischen Davis' Kunst und seinem tristen Alltag

Davis (1892–1964), der beim Realisten Robert Henri studiert hatte und sich vom Gegenständlichen nie lösen mochte, liebte kraftvolle Farben und starke Kontraste. Er malte, nicht unmittelbar was er sah, sondern was er wahrnahm. Reklameschilder, lärmende Hochbahnen, hastende Passanten, hohe Gebäude, Benzinzapfsäulen, all das in der Wahlheimat New York, aber ebenso Boote, Fischernetze und Holzschuppen in dem bei Künstlern und Literaten so beliebten Küstenort Gloucester. Die Ausstellung beginnt allerdings mit Bildern ab 1921, die Davis Jahrzehnte später das Etikett des „Pop-Art-Vorläufers“ eintrugen: exakten Wiedergaben von Zigarettenschachteln mit ihrer Verbindung von Symbolen und Worten, „Lucky Strike“ oder „Durham“. Dazu kamen Darstellungen der typischen Flasche des Mundwassers „Odol“, aber auch von Glühbirnen, bei deren einer Picasso Pate gestanden hat.

Die Auseinandersetzung mit der europäischen Moderne bildet eine Art roten Faden im Leben des Künstlers. Davis ging selbst ein Jahr lang nach Paris und malte Straßenszenen, und bis ins hohe Alter behielt er Erinnerungen an Pariser Häuser im visuellen Gedächtnis. Doch war es ihm gerade nicht um Anschluss an die europäische Avantgarde zu tun, sondern um eine genuin amerikanische Bildsprache. Nach der Rückkehr aus Paris 1929 war sich Davis seines Weges sicher: „Die Reise gestattete mir, die enorme Vitalität der amerikanischen Atmosphäre im Vergleich zu Europa zu erkennen, und lässt mich die Notwendigkeit, in New York zu arbeiten, als Vorteil betrachten.“

Bald darauf werden neue Arbeiten in der ihn vertretenden „Downtown Gallery“ unter dem Titel „American Scene“ gezeigt – damals ein Kampfbegriff, denn auch die dem ländlichen Amerika und seinen traditionellen Wertvorstellungen zugetanen Regionalisten beanspruchten, die amerikanische Szene darzustellen. Von den Kämpfen der dreißiger Jahre erzählt die Ausstellung im Whitney nichts, und erst bei der Lektüre der ausführlichen Biografie im Katalog ahnt man den tiefen Spalt zwischen Davis’ leuchtender Kunst und seinem tristen Alltag, jahrelang am Rande des Existenzminimums.

Frankreich bleibt gegenwärtig - obwohl er es nie wieder besucht hat

Die 1930er Jahre sind eine Zeit heftigster politischer Konflikte in den USA; sie sind auch eine Zeit bitterer Armut und der erst allmählich anlaufenden staatlichen Intervention des „New Deal“. In New York gab es Arbeitsprogramme für Künstler, etwa Aufträge für Wandbilder in neu errichteten Schulgebäuden, Postämtern oder Bahnhöfen. Aber auch von Unternehmen kamen Aufträge. Davis beteiligte sich mehrfach, unter anderem mit einem Wandbild im neu erbauten Rockefeller Center. Ein großes, jedoch nie am vorgesehenen Ort – einem Sozialwohnungsbau – angebrachtes Wandbild von 1938 auf einer transportablen Leinwand bildet den Höhepunkt der Ausstellung im Whitney. „Swing Landscape“ ist eine Komposition schierer Gleichzeitigkeit, mit ikonografischen Verweisen auf Großstadt und Fischerort, auf Signale des Alltags, ohne jede Raumtiefe zu einer einzigen Plakatwand vereint, die den Betrachter in ebenjenen „Swing“ versetzt, den der Titel verheißt.

Das starke politische Engagement des Künstlers findet nur selten Niederschlag in seinen Bildern. Bald nach dem Hitler-Stalin-Pakt gibt Davis 1940 seine Ämter in der Künstlergewerkschaft auf; die Jahre als Organisator von Versammlungen und Verfasser von Manifesten hatten ihn die Kraft gekostet, die er nun in erstaunlich optimistische Bilder investieren kann. Mehr und mehr konzentriert er seine Farbpalette auf starke, leuchtende Farben ohne jegliche Übergänge. Mit der Serie der um den Schriftzug „Champion“ herumgebauten Bilder der frühen fünfziger Jahre knüpft Davis auf einer höheren Abstraktionsebene an die frühen Zigarettenbilder an. Buchstaben tanzen auf der Bildfläche, die eine einheitliche Hintergrundfarbe eben als reine Fläche vorstellt, wie eine Tischdecke mit verstreuten Papierschnipseln.

Schließlich reduziert er sein Spektrum auf drei Farben (plus Schwarz), mal Rot-Gelb-Grün, mal Blau-Weiß-Rot wie in dem Erinnerungsbild „The Paris Bit“ von 1959, in dem die Ikonografie Pariser Häuser, Cafés und Getränke wiederauflebt. Frankreich – das er nie wieder besucht hat – bleibt gegenwärtig. Als er einmal einen französischen Spielfilm im Fernsehen gesehen hat, der mit der Einblendung des Wortes „Fin“ endet, bringt er das Wort sogleich auf der in Arbeit befindlichen Leinwand an. In derselben Nacht im Juni 1964 stirbt Stuart Davis an einem Schlaganfall. Das unvollendete Gemälde beschließt jetzt die New Yorker Ausstellung.

Gemälde zeigen Rhythmus und Tempo des Swing!

Nach seinen Anfängen als Henri-Schüler wollte Davis nie mehr Gegenstände eins zu eins abbilden. Auf dem Höhepunkt des anti-urbanen Regionalismus schrieb er 1935: „Jeder Versuch, die Natur nachzuahmen, ist zum Scheitern verurteilt.“ Seine Bilder sind abstrakt, sie abstrahieren vom Gesehenen und dringen zur Form vor. Aber sie verlassen nicht die reale Welt. Das brachte Davis ironischerweise in Gegensatz zum Abstrakten Expressionismus der Nachkriegszeit, als Jackson Pollocks Stern aufging.

Wie er seine Kunst verstanden wissen wollte, machte Stuart Davis deutlich, als er 1941 ein „Festival schöpferischer Swingmusik und moderner Malerei“ vorschlug. Den bewunderten Duke Ellington bat er – mitten im Krieg 1943 –, zur Eröffnung seiner Galerieausstellung zu spielen. Die „New York Times“ berichtete, Davis habe zeigen wollen, „wie die geometrischen Formen und bunten Farben seiner Gemälde Rhythmus und Tempo des Swing wiederhallen lassen“.

Für Davis war der Jazz „die große Kunstschöpfung Amerikas“. Ihm hat er mit seiner Malerei ein Pendant geschaffen, nicht imitierend, sondern kongenial. Heute ist sein Werk – das übrigens vor fünfzig Jahren in Berlin zu sehen war –, besser in seiner Bedeutung zu erkennen als je zuvor. Stuart Davis ist einer der Großen der amerikanischen Kunst, einer bewusst amerikanischen Kunst.

New York, Whitney Museum of American Art, bis 25. September. Katalog bei DelMonico/Prestel, 60 Dollar. Infos: www. whitney.org/Exhibitions/StuartDavis

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